Zum Hauptinhalt springen

CoronavirusDer Rückzug in die Berge

Inhaber von Ferienwohnungen vermieten ihre Refugien zu solidarischen Preisen an Risikopatienten. Das soll die Isolation erträglicher machen.

An abgelegenen Orten begegnen Risikopatienten weniger Menschen.
An abgelegenen Orten begegnen Risikopatienten weniger Menschen.
Thomas Egli

In Zürich, ihrem Zuhause, fühle sie sich gerade unwohl. Das sagt eine 71-jährige Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie ist Risikopatientin, hat eine Lungenkrankheit und ein schwaches Immunsystem. Für mehr als zehn Tage traute sich die Seniorin nicht, ihre Wohnung zu verlassen. «Lieber bin ich allein, als dass ich mich mit dem Coronavirus infiziere», sagt sie.

Ein bisschen besser geht es der Pensionärin, seit ihre Tochter den Facebook-Post von Giorgia Müller entdeckt hat. Die Zürcher Fotografin hat ihre Ferienwohnung im Val Lumnezia für Risikopatienten zur Verfügung gestelltzu einem solidarischen Preis. Nun wohnt die Frau für die nächsten Wochen in den Bergen.

Keinen Menschen begegnen

Für Giorgia Müller ist das nur der Anfang. Viele weitere hätten sich für ihre Ferienwohnung interessiert, weshalb sie auf Facebook die Gruppe «Wohnen mit Abstand für besonders gefährdete Menschen» gegründet habe. Ihre Vision: Alle, die gerade ihre Ferienwohnung nicht brauchen, sollen sie zu einem stark reduzierten Mietzins an Risikopatienten vermieten. «An abgelegenen Orten können sie spazieren gehen», sagt Müller. Das einsame Ferienhaus in Graubünden als sicheres Corona-Exil. Es gibt nicht viele Menschen dort – und doch ist das Spital in Ilanz nicht zu weit weg.

Eine 71-jährige Risikopatientin wohnt jetzt in der Ferienwohnung von Giorgia Müller im Val Lumnezia.
Eine 71-jährige Risikopatientin wohnt jetzt in der Ferienwohnung von Giorgia Müller im Val Lumnezia.
Giorgia Müller

Ferienwohnungen wie jene von Giorgia Müller dürfen mit den neuen Bestimmungen des Bundesrats weiterhin vermietet werden, auch Hotels und Jugendherbergen bleiben offen. Die Onlineplattform E-Domizil gab bekannt, dass Ferienwohnungen in der Schweiz momentan sogar überdurchschnittlich gut gebucht werden. Für Social Distancing seien sie wohl geeigneter als Hotels.

Mit dem Auto hin

Nicht nur Private nutzen ihre Domizile anders als sonst. Die Zürcher Pension für Dich etwa vermietet ihre Zimmer als Ausweichmöglichkeit. «Für alle, denen es zu Hause zu eng, zu klein oder zu laut wird», sagt Leiterin Pamela Jarmuske. Die Buchungen von Touristen tendierten momentan gegen null. Das Angebot, die Räumlichkeiten beispielsweise als Homeoffice zu vermieten, sei Schadensbegrenzung, der Preis viel tiefer als normal.

Die Pension für Dich vermietet ihre Zimmer beispielsweise als Homeoffice.
Die Pension für Dich vermietet ihre Zimmer beispielsweise als Homeoffice.
Pension für Dich

In der Pension für Dich ist es nur möglich, die Zimmer für einen längeren Zeitraum zu mieten, damit es nicht zu Ansteckungen kommt. Auch bei der Ferienwohnung von Giorgia Müller in Graubünden ist das so. Wechselt der Mieter, will sie die Wohnung eine Woche lang leer lassen und erst dann reinigen.

Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt besonders gefährdeten Personen, zu Hause zu bleiben. Öffentliche Verkehrsmittel sollen Risikopatientinnen wie die 71-jährige Zürcherin meiden. Ins Refugium im Val Lumnezia ist die Seniorin deshalb mit dem Auto ihrer Tochter gefahren. Sie hoffe, in den Bergen etwas loslassen zu können.

1 Kommentar
    Nordmann

    Da sieht man, wie unterschiedlich die Flucht von Corona in die Berge oder Einsamkeit von den einzelnen Ländern gehandhabt wird. Während es in der Schweiz erlaubt ist, darf man in Norwegen seine eigene Hütte nicht mehr besuchen. In Finnland kann man zwar noch in seine Hütte, es wird aber nicht gerne gesehen. Einwohner von Helsinki und der weiteren Umgebung können dies ohnehin nicht mehr tun, da sie ab heute ihre Region nicht mehr verlassen dürfen.

    Das wird damit begründet, das die lokalen Krankenhäuser/Gesundheitszentren gar nicht für Corona-infizierte eingerichtet bzw. überfordert wären. Ob das Spital in Ilanz das bei einem Ansturm bewältigen kann, entzieht sich meinen Kenntnis.