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Kunst und KaribikDer Raupenschwanz als Wünschelrute

Kunst und kulturelle Identität in der Karibik: Die Kulturstiftung Basel H. Geiger wird mit einer faszinierenden Ausstellung über ein kulturell wenig bekanntes Inselarchipel eröffnet.

Minia Biabiany: «Toli Toli» (2018).
Minia Biabiany: «Toli Toli» (2018).
© Caribbean Art Initiative

Toli Toli ist kreolisch und bezeichnet eine Schmetterlingspuppe, die auf der Karibikinsel Guadeloupe heimisch ist. Früher hoben Kinder diese Raupen vom Boden auf und hielten sie in die Luft, um zu schauen, in welche Richtung sie ihren Schwanz bewegten. Als ob es sich um eine Wünschelrute handelte, sangen sie «Toli Toli, zeige mir den Weg nach…». Sie nannten eine Stadt oder ein Land, wohin sie zu fahren wünschten.

Minia Biabiany, eine junge Künstlerin aus Guadeloupe, erzählt diese Geschichte vor ihrer Videoinstallation stehend, die sich in der Ausstellung «One Month After Being Known in That Island» befindet. Es gehe ihr mit ihrem Werk um die Frage nach der Identität, sagt Biabiany, die ihre Ausbildung an der Kunsthochschule im französischen Lyon gemacht hat. Sie verstehe sich als Stimme im globalen Diskurs über Dekolonisation.

Im Zentrum der hervorragenden Ausstellung, die Albertine Kopp von der Basler Carribean Art Initiative im Auftrag von Raphael Suter organisiert hat, dem Direktor der 2019 gegründeten Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G, steht zeitgenössische Kunst aus der Karibik. Präsentiert werden Werke von insgesamt elf Künstlerinnen und Künstlern, die sich auf einen Aufruf hin gemeldet haben, den die Kuratoren der Ausstellung, Tina Jiménez Suriel aus der Dominikanischen Republik und Pablo Guardiola aus Puerto Rico, verfasst haben. Die Carribean Art Initiative, die hier eine der weltweit ersten Ausstellungen zeitgenössischer karibische Kunst präsentiert, wurde übrigens gegründet, weil sich die Basler Firma Oettinger Davidoff 2018 von ihrem Kulturengagement in der Karibik zurückgezogen hatte.

Ein absurder Frieden, der in Basel geschlossen wurde

Die Verbindung zwischen der Karibik und Basel geht auf einen wenig bekannten Friedensvertrag zurück, mit dem die Grossmächte Frankreich, Preussen und Spanien im Jahr 1795 in Basel einen Schlussstrich unter den ersten Koalitionskrieg zogen. Die Französische Republik und das Königreich Spanien einigten sich damals über ihre Grenzverläufe in den Pyrenäen und in der Karibik. Während Spanien französisch besetztes Territorium an seiner Nordgrenze erhielt, sprach der Vertrag den Franzosen grosse Teile von Hispaniola zu (heute Dominikanische Republik und Haiti), der nach Kuba zweitgrössten Insel der Karibik.

Tessa Mars: «A Vision of Peace, Harmony and Good Intelligence» (2020).
Tessa Mars: «A Vision of Peace, Harmony and Good Intelligence» (2020).
© Caribbean Art Initiative

Der Vertrag entbehrte aber nicht einer für das Zeitalter des Kolonialismus untypischen Absurdität, weil er Land verteilte, das Spanien gar nicht mehr gehörte. Denn schon während der Französischen Revolution führte General Toussaint Louverture einen Sklavenaufstand an und führte Haiti in die Unabhängigkeit. Der Ausstellungstitel «One Month After Being Known in That Island» bezieht sich auf eine Passage im Friedensvertrag, in der postuliert wurde, dass die spanischen Truppen einen Monat nach dem 22. Juli 1795, dem Datum, an dem das Dokument unterzeichnet wurde, bereit seien, ihre Plätze, Häfen und Gebäude auf der Insel zu räumen und an die Truppen Frankreichs zu übergeben. Da die revolutionären Sklaven die Plätze, Häfen und Gebäude aber längst in Beschlag genommen hatten und die Truppen ihrer Majestät längst nicht mehr darüber verfügten, war der Vertrag nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem er formuliert war.

Somit steht gewissermassen am Anfang der Geschichte von Ländern wie der Dominikanischen Republik und Haiti eine Geschichtslüge, die in einmaliger Klarheit vor Augen hält, dass die Realität der Mächtigen eine ganz andere ist als jene der Geknechteten. Es sollte nicht die letzte Abmachung fremder Machthaber über die Gegebenheiten in der Karibik gewesen sein, die mit einem Satz oder einem Strich auf der Landkarte die Inseln des Archipels aufteilten, ihre Grenzen modifizierten oder ihre Beziehungen zueinander zerstörten. Das führte zu einer politischen, sozialen und kulturellen Fragmentierung, die in der Karibik bis heute eine kulturelle Einheit blockiert hat, wie sie etwa Éduoard Glissant mit dem Ruf nach einer «Créolité» forderte.

Ein Meer von Inseln: Elisa Bergel Melo: «Seasons» (2020).
Ein Meer von Inseln: Elisa Bergel Melo: «Seasons» (2020).
© Caribbean Art Initiative

Genau diese Fragmentierung macht die venezolanische Künstlerin Elisa Berger Melo, die zurzeit in der Dominikanischen Republik lebt, in der Ausstellung zum Thema einer Kunstinstallation. Sie stellte 85 fiktive Inselumrisse her, in denen sie alle Nationen der Karibik miteinander kombinierte. Sie bezeichnet das als falsche Landkarten, die den vielfältigen und chaotischen Lebensraum Karibik darstellen sollen. Die Holzklötze sind nun in der Ausstellung auf einem quadratischen Brett ausgelegt. Zudem schuf sie eine Serie bezaubernder Cyanotypien, auf denen die hölzernen Inseln die Belichtung verhinderten und damit ein blaues Meer mit schattenhaften Inseln hinterliessen. Damit wolle sie bewusst machen, sagt sie, das der Ort, wo man lebe, das Bewusstsein bestimme. Denn das Dasein eines Insulaners sei notwendigerweise ein fragmentiertes.

Die Ausstellung mit Kunst aus der Karibik in der Kulturstiftung Basel H. Geiger, an der Spitalstrasse 18 in Basel, dauert bis zum 15. November.