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Max Richters «Voices»Der neueste Coup eines Kult-Komponisten

Mit seiner 8,5-stündigen Schlafmusik «Sleep» hat Max Richter einst Schlagzeilen gemacht – nun ist er zurück: Mit einem Werk, in dem er die UNO-Deklaration für Menschenrechte vertont hat.

Max Richter hat soeben sein neuntes Solo-Album veröffentlicht; ein Protestwerk, in dem es um Lösungen geht.
Max Richter hat soeben sein neuntes Solo-Album veröffentlicht; ein Protestwerk, in dem es um Lösungen geht.
Foto: Mike Terry (Universal Music)

«Voices» heisst das neueste Werk des britischen Komponisten Max Richter, und ja: Es ist das Werk der Stunde, der ideale Soundtrack für alle, die gegen Rassismus und Gewalt, für Gleichberechtigung und Diversity sind. Den Text liefert die UNO-Deklaration der Menschenrechte; man hört ihn in der historischen Aufnahme von Eleanor Roosevelt (die das Dokument 1948 aus der Taufe gehoben hat), gelesen von der schwarzen Schauspielerin KiKi Layne und als Stimmen-Collage von global zusammengetrommelten Normalos.

Das passt so perfekt, dass es fast schon verdächtig wirkt. Und dann ist da noch die Musik: ein bisschen elektronisch, ein bisschen analog, sehr schlicht, sehr sphärisch, vollkommen kantenfrei. Ambient, versetzt mit zwei Prisen Klassik. Ein Schmiermittel für den Text, weltweit einsetzbar.

Man wählt sich also mit dem bösen Vorurteil einer Marketing-Komposition ins Zoom-Interview mit Richter ein – und erfährt als Erstes, dass alles ganz anders ist. Von wegen Werk der Stunde: «Ich habe vor zehn Jahren mit dem Projekt angefangen, als Reaktion auf Guantánamo», erzählt der 54-Jährige. «Wenn es heute wieder passt, dann nur deshalb, weil die Menschenrechte immer aktuell sind.»

Zehn Jahre? Echt jetzt? «Yeah», sagt Richter: Es klinge ja schon alles sehr einfach, aber es stecke viel Gedankenarbeit in dem Werk. Ein Protestwerk sollte es werden, «aber eines, in dem es nicht ums Problem geht, sondern um die Lösung». Eine Möglichkeit zum Nachdenken sollte es bieten, «es wird so viel geschrien derzeit und so wenig zugehört, ich wollte nicht in dieses Geschrei einstimmen».

«Ich wollte etwas Dunkles in etwas Helles verwandeln – dafür ist Kultur da.»

Max Richter

Und dann war da noch die Frage der musikalischen Mittel: Da kam Richter irgendwann darauf, das Orchester sozusagen auf den Kopf zu stellen, «weil auch die Welt kopfsteht». Also vor allem Celli und Bässe einzusetzen, die tiefen Register in den Fokus zu rücken. «Ich wollte etwas Dunkles in etwas Helles verwandelndafür ist Kultur da.»

Kein Zweifel, Richter kann reden. Sympathisch wirkt er auf dem Bildschirm, reflektiert, engagiert. Gar nicht marketingmässig. Schon eher selbstironisch, etwa wenn man ihn auf seinen Lehrer Luciano Berio anspricht, von dessen avantgardistischen Ansprüchen er sich inzwischen doch ziemlich weit entfernt hat.

Richter grinst, wenn er von diesen Anfängen erzählt: Er habe damals ja selber sehr komplexe Musik geschrieben, «so eine Art Fake-Boulez, praktisch unspielbar, wie das modernistische Studenten damals halt taten». Berio habe ihm zur Vereinfachung geraten, «sehr nett, aber auch sehr deutlich». Er habe ihn auch dazu gebracht, die Musikgeschichte nicht zu verwerfen, sondern einzubeziehen: Wenn nun in «Voices» pseudo-mittelalterliche Chöre weichgespült werden, lässt sich das durchaus darauf zurückführen.

Noch stärker wurde Richter dann von minimalistischen Strömungen geprägt, die in den USA (mit Steve Reich und Phil Glass) und den baltischen Staaten (mit Arvo Pärt) aufkamen. Die schrägen, auch herben Elemente dieser Musik hat er allerdings abgeschliffen. So sehr, dass auch beim zweiten Hören von «Voices» wieder ein gewisses Unbehagen aufkommt: Zwar finden sich all die Elemente, die Richter im Gespräch so pointiert darzustellen weiss. Aber braucht es so viel Hall? So abgegriffene Klavierfloskeln? Und dazu dann noch diese nachdenklichen, ethnisch perfekt austarierten Gesichter im Video?

Richter hatte nichts zu verlieren. Also fragte er Tilda Swinton an. Und sie sagte zu.

Diese Fragen zielen nun allerdings am Phänomen Richter vorbei. Denn dass er genau weiss, wie er welche Mittel einzusetzen hat, ist offensichtlich – anders ist sein Erfolg nicht zu erklären. Fast 92’000 Abonnenten hat er auf Instagram, das ist viel für einen Komponisten, der immer noch zu den Klassikern gezählt wird; dazu kommen ein Vertrag bei Universal Music und ein bemerkenswert breites, auch junges Publikum. Und wenn man in einer kulturell interessierten, aber durchaus nicht musikalisch spezialisierten Runde seinen Namen nennt, nicken die Leute: Doch, den kennen wir. Cool.

Die relevante Frage ist also diese: Warum ist Max Richter cool? Drei Gründe lassen sich ausmachen:

Er hat Courage

Die erstaunlichste Geschichte aus Richters Karriere geht so: 2002 brachte er das Album «Memoryhouse» heraus, und es war ein Flop. Die Plattenfirma machte dicht, eine Tour fand nicht statt, «es haben vielleicht ein Dutzend Leute die Aufnahme gehört». Er dachte sich dann: Wenn sich sowieso niemand für meine Musik interessiert, kann ich ja machen, was ich will. Also zum Beispiel ein Werk über Kafkas Tagebücher. Aber wer könnte die Texte lesen? Tilda Swinton wäre ideal. Und weil Richter nichts zu verlieren hatte, schrieb er an Swintons Agenten. Erfuhr, dass die Schauspielerin eine jener wenigen gewesen war, die «Memoryhouse» gehört hatten. Erhielt deshalb eine ganz und gar unkomplizierte Zusage. Und konnte realisieren, wovon andere Komponisten nicht einmal zu träumen wagen. Das Resultat, «The Blue Notebooks», war dann kein Flop mehr, sondern wurde Kult.

Er hat Beziehungen

Die schöne Geschichte verrät allerdings auch, dass Richter nicht nur Courage (und ein bisschen Glück) hat, sondern auch ein begabter Netzwerker ist. Er wirkte als Pianist und Komponist in diversen Kollektiven, kam auch als Produzent in Kontakt mit unterschiedlichen Musikszenen, schrieb preisgekrönte Filmsoundtracks. In den letzten Jahren hat er zunehmend auch Musik für TV-Serien komponiert («The Leftovers», «Taboo»). Er ist also keiner, der im Elfenbeinturm an seiner Kunst herumbosselt. Er kennt den Markt. Und jene, die ihn prägen.

Er hat eine Nase für Themen

Es werden viele Werke geschrieben. Aber nur ganz wenige, die den Zeitgeist so präzis treffen, dass sie Schlagzeilen machenund einige davon hat Max Richter komponiert. Am erfolgreichsten war «Sleep» (2015), ein 8,5 Stunden langes Werk, das einen durch den Schlaf begleiten soll. Musik zum Schlafen? Ist das ein Gag oder mehr? Auf jeden Fall mehr, sagt Richter. Es gebe ja viel funktionale Musik, zum Heiraten, zum Tanzen – «da kann auch eine Musik, die einem das Aussteigen aus dem Alltagsstress erleichtert, einen Wert haben». Man müsse ja nicht zwingend schlafen dazu, «ich habe auch von Leuten gehört, die das Werk beim Arbeiten hören». Die Musik spielt sich in einem tiefen Frequenz-Spektrum ab, «genau in jenem, das ungeborene Babys hören es ist also eine Ur-Erfahrung, man fühlt sich wohl dabei».

Auch bei «Voices» darf man sich wohlfühlen, wenn Menschen aus aller Welt in über siebzig Sprachen Sätze aus der Menschenrechtsdeklaration lesen. Richter hat die Aufnahmen über einen Social-Media-Aufruf gesammelt, in wenigen Tagen kamen Hunderte von Einsendungen. Jene, die er verwendet hat, sind in den Credits selbstverständlich aufgelistet. Die Richter-Community ist damit zweifellos wieder ein schönes Stück grösser geworden.

Max Richter: «Voices» (Decca, 2 CDs), jetzt erhältlich.