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Sind Sie nicht …? Willi ErzbergerDer Macho mit dem weichen Kern

Man nannte ihn «Big Willi»: Reporter Willi Erzberger schrieb für die einstige «National-Zeitung» und die BaZ. Er machte sich einen Namen als Experte für Velorennen. Mit über 80 Jahren gilt er noch immer als einer der bestvernetzten Journalisten der Schweiz.

 «Meine Frau ist das klare Landei  – ich der Städter»: Willi Erzberger.
«Meine Frau ist das klare Landei ich der Städter»: Willi Erzberger.
Foto: -minu

Er sagt von sich selber: «Wer als Arschloch geboren wurde, kann nicht als Nachtigall sterbenNa gut eine Nachtigall war er nie. Er war der Orkan in den Redaktionsstuben der Brüller vom Dienst. Allerdings: Nie hätte einer gelacht – sondern jeder zuckte etwas hilflos ob Erzbergers lautem Humor die Schultern: «Big Willi halt man darf ihn nicht allzu ernst nehmen.» ABER: WILLI ERZBERGER WAR EINE MARKE – ER HÖRTE DAS GRAS WACHSEN. UND GILT AUCH HEUTE MIT ÜBER 80 JAHREN ALS EINER DER BESTVERNETZTEN JOURNALISTEN DER SCHWEIZ.

Erzberger recherchierte für die einstige «National-Zeitung». Er schrieb über den FCB, reportierte aus der ganzen Welt über Curling, Fussball, Velo. Sein Gegenspieler bei den «Basler Nachrichten» war Urs Hobi. Später, als die Zeitungen fusionierten, wurden Erzberger-Hobi zum «Tandem infernal». Hockten sie nach Redaktionsschluss noch auf ein Bier in der Conti-Stube, grölte Hobi: «Ich schreibe besser…» Erzberger polterte zurück. «Aber i c h schreibe die Wahrheit

Willi hat sich bei mir zum Frühstück angekündigt. Über sein uraltes Handy lässt er wissen: «ICH FINDE DEINE VERDAMMTE STRASSE NICHT…» 15 Minuten später steht er grinsend an der Türe – karierte Schildmütze à la Nick Knatterton. Und ein Kittel, der an ihm herumflattert wie eine Fahne im Sturm: «Was sagst du jetzt: Ich habe 35 Kilo weniger.»

Affinität zum Radsport

Gut. Aber seine Jacke stammt immer noch aus der 3XL-Epoche. «Eines Tages ich wollte an den FCB-Match – hat es mir den Hosenknopf einfach davongespickt. Das war der Moment, als ich beschloss: Der Ranzen muss weg.

Bald lagen in der Wohnung nur noch kalorienarme Crackers herum. Vreni, meine Frau, bekam Vögel. ‹Sag bitte nicht, dass du wieder abnehmen willst…Als ich es wirklich durchzog, hat sie mich zum ersten Mal in meinem Leben gelobt: Das hätte ich dir nie zugetraut…›» Er setzt sich an den Tisch: «Du kannst schreiben, was du willst. Aber schreib Willi nie mit Ypsilon. Ich bin kein Schwoob›…»

Also – im Schnellgalopp: Hausgeburt an der Beinwilerstrasse 9 (zweiter Stock!) Speditionslehre-Abschluss und danach ständig motzender Zolldeklarant («die hatten Bammel vor mir») … Schrieb als aktiver Rollhockeysportler die ersten Berichte für die «National-Zeitung» – und wurde d i e Lawine in der Journalisten-Landschaft unserer Region.

Ich habe mich nie verbiegen können.»

Willi Erzberger

Aufgewachsen bist du also im Gundeli? «Gleich einen Ballwurf neben der Kunschti›. Dort habe ich die Hälfte meiner Jugend verbracht – die andere Hälfte mit meinem Vater an Velorennen, er war ein Radfahrnarr…»

Die Affinität zum Radsport machte ihn später zum wohl bekanntesten Experten an Velorennen – europaweit. Erzberger fehlte an keinem – ob Giro, Tour de Suisse oder Tour de France: Er fuhr mit dem BaZ-Auto immer dem Leader-Trikot hinterher. Und wenn es für andere Journalisten unmöglich war, von den Etappensiegern ein Interview zu bekommen: Für ihren «Big Willi» hatten die Stahlross-Helden aus aller Welt immer Zeit. Er ist eine Legende im Radel-Zirkus. Bis heute.

Quarantäne im Kleinbasel

Nur dank Erzberger kam die Tour de Suisse nach Basel: «Ich hatte Ruedi Reisdorf auf den Anlass heiss gemacht – also stemmten wir die Riesenkiste zusammen. Mit einem Zeitfahren über die Mittlere Brücke… und über 20000 Zuschauern am Strassenrand. Zwei Jahre später holten wir auch die Tour de France hierher…»

Das ginge zu Corona-Zeiten kaum mehr… Apropos: Wie bist du mit dem Lockdown umgegangen?

«Als übermässiger Nutzer der Flimmerkiste bekomme ich rote Flecken, wenn rund um die Uhr nur noch von Corona geschwafelt wird. Mein vertrocknetes Seniorengehirn kann das nicht mehr ablagern. Sie verbieten den Senioren alles – und wollen uns überall weghaben. Um euch zu schützen›, sagen sie. Aber irgendwie fühle ich mich ausgemistet und zum schizophrenen Abfall degradiert»

Du hast die Quarantäne in deiner Kleinbasler Wohnung durchgezogen «Na ja – an den Wochenenden bin ich zu Vreni nach Liesberg. Meine Frau hat dort einen Garten. Das ist natürlich schöner, als da in der Wohnung zu hocken…» Ihr habt getrennte Wohnungen? «Meine Frau ist das klare Landei ich der Städter. Zuerst lebten wir in Allschwil. Als die BaZ vom Aeschenplatz nach Kleinhüningen zügelte, kamen wir ins Kleinbasel. Vreni stellte klare Bedingungen: Am Tag meiner Pensionierung ziehe i c h aufs Land… Sie zog es durch. Ich aber behielt die Wohnung in der Stadt.»

Schmutzige Wäsche im Rollkoffer

Er wird etwas leiser: «Für mich war die räumliche Trennung lange ein Kulturschock – Ich habe mich nie um Haushalt und solche Dinge gekümmert. Konnte weder kochen noch putzen. Meine Frau sieht das jetzt als Nacherziehungsakt. Allerdings darf ich ihr die schmutzigen Hemden im Rollköfferchen zum Waschen bringen…»

Du bist ein verdammter Macho! «Klar. Aber s i e ist das Beste, was mir im Leben widerfahren ist. Ich konnte ihr das nie so richtig sagen – Macho eben. Aber wir feierten eben den 58. Hochzeitstagalso bitte: geht doch!!!»

Er grinst jetzt: «Im Übrigen habe ich daheim nie viel zu sagen gehabt. Meine Frau heisst zwar Erzberger. Und nicht Schmidt Erzberger. Sie hasst diesen ganzen Genderscheiss – aber sie war stets eine eigenständige Frau und Persönlichkeit. Ist es bis heute. Und schmeisst den Laden

Findest du, dass «Big Willi» etwas stiller geworden ist?

«Stiller? – Nein! Vielleicht etwas weniger big. Seit ich mich runtergehungert habe, kann ich einfach nicht mehr so viel reinschaufeln wie früher. Ich verlange in den Beizen eine halbe Portion. Und die Wirte bringen eine ganze, weil sie denken: Der alte Schurni muss sparen…»

Er wird nun leise: «Ich bin ein Sonntagskind. Laut geboren doch war ich immer am rechten Ort zur rechten Zeit. Ich habe mich nie verbiegen können. Heute ist alles um mich herum sanfter. Ich ruhe in mir selbst und bin plötzlich zum Natur-Menschen geworden. Ich wandere. Hocke mich in eine Wiese. Und schaue mir diese seltsame Welt aus der Käfersicht an. Karl Valentin hat mal gesagt: DER MENSCH IST GUT, DIE LEUTE SIND SCHLECHT. Irgendwie trifft es das »

3 Kommentare
    Ronnie König

    Den traf ich mal nach einem Unfall beim Horburgrennen, ja das gab es mal. Ich nahm ihn als einer der Samariter wahr die dort Dienst taten, mein Vater war einer und ich dabei. Was ich jetzt lese wusste ich nicht. Und beim match etwas später grüssten sich er und Vater, ich nahm es wahr und verstand nicht. Einer der plauderte wie einer der eh nur rumstand. Was man nicht alles später noch lernen kann. Bei der Tribüne damals, Horburg , sassen sie und wenige bewegten sich, meist bei Stürzen, oder grossen Prämien und verwegenen Spurts mehr. Er tigerte auch sonst wie es scheint. Die Mütze trug er aber nicht. Es gab auch bei Runden was damals, der Sponsor deutlich genannt.