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NachrufDer Letzte von allen

Die Welt ist voller spannender Menschen und Tiere: Sie sind vom Aussterben bedroht.

Die Aussterbenden: Wer ein Nördliches Breitmaulnashorn sehen will, sollte ins historische Museum gehen.
Die Aussterbenden: Wer ein Nördliches Breitmaulnashorn sehen will, sollte ins historische Museum gehen.
Foto: Bettina Matthiessen

Das Leben schreibt die aufregendsten Geschichten. Wenn Menschen sterben, kann man sie noch einmal erzählen. Die Geschichte von Jessi Combs zum Beispiel, der schnellsten Frau auf vier Rädern, die bei 885 Stundenkilometern in ihrem Auto umkam. Die Geschichte von George Joseph Laurer, der den Strichcode erfunden hat, ohne den heute kein Supermarkt auskommt. Die Geschichte von Amadeo «Tarzán» Carrizo, dem Goalie, der sich 1957 erstmals mit Handschuhen ins Tor stellte. Die Geschichte von Wayne Fitzgerald, der die schönsten Vorspanne im Hollywood-Kino erfand.

Oder aber die Geschichte von Katherine Johnson, die Mathematikerin bei der Nasa wurde - als erste Afroamerikanerin überhaupt. Die Geschichte des Golfers Doug Sanders, der den Ball aus 90 Zentimeter Entfernung am 18. Loch vorbeischob und deshalb niemals den Sieg bei einem Major-Turnier schaffte. Die Geschichte des indischen Hungerkünstlers Prahlad Jani, der sich nach eigenem Bekunden jahrzehntelang nur von Sonnenenergie ernährte.

Oder auch die Geschichte von Zindzi Mandela, die 1985 im Stadion von Soweto eine Botschaft ihres inhaftierten Vaters Nelson unter dem Titel «My Father Says» verlas. Die Geschichte von Jhon Jairo Velásquez, genannt Popeye, der für den kolumbianischen Drogenboss Pablo Escobar die Drecksarbeit machte. Oder die Geschichte des Seán Ó Cofaigh, eines herausragenden Vertreters des irischen Nationalsports Hurling, der den Hurley schwang wie kaum ein anderer. Es sind Geschichten, bei denen man bisweilen tief im Internet schürfen musste, um sie auszugraben. Eine Schatzsuche.

Die Geschichten all dieser Menschen und vieler mehr haben wir über die Jahre, als die Nachricht ihres Ablebens zu uns drang, an dieser Stelle aufgezeichnet. Nachgerufen (und eine Träne nachgeweint) haben wir auch dem Nördlichen Breitmaulnashorn, unserem Lieblingstier, das mehr oder weniger ausgestorben ist. Nun wird auch diese Kolumne sterben, aber das Leben in all seiner Vielfalt, das sich in dieser Kolumne spiegelte,
es geht weiter.

2 Kommentare
    B.Z.

    Aber der Mensch repräsentiert nur eine Spezie und dominiert alle Andern (außer einige Viren und Bakterien) dramatisch.

    Sollte unsere Arroganz und Gier nicht in eine Balance kommen, werden wir die Vernetztheit mit allem Andern, welches nicht Mensch ist, soweit bringen, dass das System kollabiert.

    Dann werden überhaupt keine Geschichten mehr zu hören sein und keine Erinnerungen bestehen ..... diese Kolumne auch nicht.