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Basler Künstler Peter WirzDer lästige Sohn des Ethnologen

Er galt bei Zeitgenossen als «schwachsinnig», onanierte öffentlich und wurde später kastriert. Der behinderte Sohn des Ethnologen Paul Wirz hinterliess jedoch ein beachtliches zeichnerisches Werk.

Peter Wirz verarbeitete in seinen Arbeiten die Erlebnisse aus seinem Alltag.
Peter Wirz verarbeitete in seinen Arbeiten die Erlebnisse aus seinem Alltag.
© Sammlung Dadi Wirz

Man hat in Basel vielleicht schon vom Ethnologen Paul Wirz (1892–1955) gehört, der immer wieder Neuguinea bereiste, ein ziemlich abenteuerliches Leben führte und die Sammlung des Museums der Kulturen bereicherte. Man kennt möglicherweise auch seinen 1931 geborenen Sohn Dadi Wirz, einen Künstler, der ebenfalls viel unterwegs war, lange Jahre aber auch als Dozent an der Basler Schule für Gestaltung unterrichtete. Der Dokumentarfilm «Der wilde Weisse» von Renatus Zürcher zeigte 2008, wie Dadi Wirz sich in Neuguinea auf die Spurensuche seines dort verstorbenen und begrabenen Vaters begab – und liess erahnen, was für eine bizarre Gestalt dieser Mann war, der aus einer vermögenden Fabrikantenfamilie stammte.

In Institutionen versorgt

Wohl nur wenige wussten bisher, dass dieser in seiner Familie «Pascha» genannte Paul Wirz aus erster Ehe noch einen anderen Sohn hatte: Der 1915 geborene Peter Wirz litt unter einer geistigen Behinderung, stand den Lebensplänen des Ethnologen im Wege und wurde bei Verwandten und später in Institutionen versorgt. Dieser nur 1,58 Meter grosse Mann mit kantigem Kopf und eckiger Brille, der im Jahr 2000 verstarb, hinterliess ein beachtliches zeichnerisches Werk.

Als Dadi Wirz 1982 erste Kostproben davon Michel Thévoz unterbreitete, dem damaligen Leiter der Collection de l’Art Brut in Lausanne, zeigte dieser grosses Interesse am Schaffen von Peter Wirz. Erstmals präsentierte das einstige Basler Museum für Gestaltung 1989 in der Ausstellung «Musée sentimentale de Bâle» neben Objekten von Paul und Dadi Wirz auch Zeichnungen von Peter Wirz. Und 1990 brachte Dadi fünf Zeichnungen seines Halbbruders, dessen Werk er hütet, in der Gruppenausstellung «L’Art Brut et ses lisières» unter, die der Basellandschaftliche Kunstverein damals im Sissacher Schloss Ebenrain veranstaltete. 2004 richtete das St. Galler Museum im Lagerhaus für naive Kunst und Art brut dem Aussenseiter ein eigenes Kabinett ein. Dieses soll 2021 erweitert werden.

Postume Gerechtigkeit

Nun legt der Basler Dramaturg und Autor Andres Müry, mütterlicherseits mit der Familie Wirz verwandt,
ein Buch über seinen Onkel Peter Wirz vor, dem er in seiner Jugend nur wenige Male begegnet war. Der grossformatige, schön gestaltete und reich illustrierte Band zeichnet die schwer belastete Biografie dieses Mannes und die turbulente Geschichte seiner Familie nach, befasst sich ausführlich mit seinen künstlerischen Ambitionen, ordnet sein Werk ein und lässt damit einem Menschen, den niemand haben wollte, postum Gerechtigkeit widerfahren. Denn von frühsten Kindesbeinen an wurde Peter Wirz permanent abgeschoben.

Bei seiner Geburt war er wie sein Vater an Syphilis erkrankt und musste medikamentös behandelt werden. Während sich seine Eltern dann gleich auf eine vierjährige Forschungsreise begaben, wuchs das Kind bei verschiedenen strengen und religiösen Verwandten auf, dann in Heimen und Anstalten. Später schickte man es bei Gärtnern und Bauern zur Arbeit. Nach dem Unfalltod (oder Suizid?) von Peters Mutter brachte der Vater, bevor er wieder auf Reisen ging, seinen Sohn eigenhändig als Verdingkind auf einem Hof in Deutschland unter, wo man den störrischen Buben jedoch nicht behalten wollte.

Entmündigt, aber dienstfähig

Weil der heranwachsende Peter Wirz mit seinen Zeichnungen bei Mädchen Aufmerksamkeit sucht, wird in ihm eine Gefahr gesehen. Die Psychiatrische Poliklinik Basel diagnostiziert eine «Debilität und Psychopathie». Da es in der Familie seiner Mutter psychische Erkrankungen gab, spricht man von «Erbkrankheit», moniert aber auch «läppische Wichtigtuerei». 1938 wird Peter Wirz entmündigt, während des Krieges aber gleichwohl als HD-Soldat aufgeboten. Nach einem Unfall dort wird er in einem Sanatorium untersucht. Der leitende Arzt hält fest: «Es handelt sich um einen Originaltypus, wo die exakte medizinische Diagnose schwerfällt.
Er ist sicher nicht einfach schwachsinnig, sondern in gewissen Dingen recht intelligent. Daneben hat er aber Verschrobenheiten, die etwas an Defektzustände nach gewissen Geisteskrankheiten erinnern.»

Als HD-Soldat erlebte Peter Wirz die Zeit des Krieges intensiv mit und brachte dies auch in seinem Werk zum Ausdruck.
Als HD-Soldat erlebte Peter Wirz die Zeit des Krieges intensiv mit und brachte dies auch in seinem Werk zum Ausdruck.
© Dadi Wirz

Peter Wirz war auffällig, aber fügte sich mehr oder weniger in sein Schicksal, das er nicht nur mit seinen Zeichnungen, sondern auch mit verstörenden Worten hellsichtig kommentierte. Er war – aus verständlichen Gründen – wohl egozentrisch, aber nicht gemeingefährlich, erregte jedoch durch öffentliches Onanieren Anstoss. Als bei ihm 1948 eine Psychose ausbrach, wurde er in Basel in die Psychiatrische Anstalt Friedmatt eingeliefert und 1950 – mit seiner Einwilligung – kastriert.

Unbeachtetes Schaffen

Von diesem Eingriff versprach er sich, wie ihm offenbar suggeriert wurde, mehr innere Ruhe. In der Folge fristete er sein Leben in der «Milchsuppe», dem heutigen Werkstätten- und Wohnzentrum Basel. Dieses glich damals zwar noch eher einem «Arbeitslager», wie es Andres Müry nennt, als einer sozialen Einrichtung, ermöglichte Wirz aber auch freien Ausgang. So streifte er immer wieder in der Stadt herum und besorgte sich etwa antiquarische Bücher, mit denen er seinen Wissensdurst befriedigte.

Sein Bezug zu Basel kommt in Peter Wirz’ Arbeit «Madonna» durch die Fasnachts-Tambouren zum Ausdruck.
Sein Bezug zu Basel kommt in Peter Wirz’ Arbeit «Madonna» durch die Fasnachts-Tambouren zum Ausdruck.
© Dadi Wirz

Seine eigenen Nöte des Nicht-normal-Seins sowie als Verstossener und Herumgeschobener verarbeitete Peter Wirz vor allem in seinen Zeichnungen, die er zwar nicht ohne Weiteres preisgab, die aber auch niemand in seinem Umfeld besonders interessierten. Anders als in der Berner Klinik Waldau, wo der Psychiater Walter Morgenthaler schon früh seinen Schützling Adolf Wölfli förderte, oder in Heidelberg, wo der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn die künstlerischen Arbeiten seiner Patienten sammelte, überliess man in Basel Peter Wirz mit seinen Zeichnungen sich selbst. Dadurch gingen viele seiner Werke verloren. Hätte sein Halbbruder Dadi Wirz sich nicht der 700 Blätter angenommen, auf die er eines Tages stiess, wären wohl auch sie heute verschollen. Umso wertvoller ist denn auch, wie Andres Müry sich diesen Arbeiten in der Monografie annähert, sie mit den Lebensumständen seines Onkels konkret in Verbindung bringt und wie sie auch Monika Jagfeld, die Leiterin des St. Galler Museums im Lagerhaus, in diesem Buch analysiert.

Zeichnen als Ventil

Die Zeichnungen zeigen eindrücklich, wie sehr Peter Wirz vom religiösen Klima seines Umfelds geprägt war und wie er mit den Zwängen, denen er ausgeliefert war, umzugehen versuchte. So tauchen bei ihm denn immer wieder Gewaltmotive auf. In seinen Arbeiten schuf er sich aber auch einen eigenen heraldischen Kosmos, reagierte auf das Weltgeschehen und versuchte, seine sexuellen Nöte sowie seine ungestillte Sehnsucht nach Liebe und Akzeptanz zu verarbeiten.

Peter Wirz, der sich selbst als «Monsieur le peintre» bezeichnete, wird mit dieser Monografie und der erweiterten Präsentation seines Werks in St. Gallen, so ist Monika Jagfeld überzeugt, nun endlich «die Anerkennung erhalten, die er zeit seines Lebens vergeblich erhofft hat».

Andres Müry: «Wirziana: Die andere Welt des Peter Wirz», zahlreiche Abbildungen, Verlag Vexer, 2020, ca. 48 Fr.

Die Buchvernissage findet am 18. September um 18 Uhr im Restaurant Zur Mägd statt. Aufgrund des Coronavirus wird um Anmeldung gebeten: amuery@aon.at

1 Kommentar
    Roger Holzer

    Spannender Artikel. Toll recherchiert.