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Musik während CoronaDer Krise die lange Nase zeigen

Den Musikern Michael Sauter und Fiona Apple ist trotz Pandemie ein musikalischer Geniestreich gelungen.

Zelebriert mit seinen Lockdown Jumpers Optimismus und Lebensfreude: Michael Sauter.
Zelebriert mit seinen Lockdown Jumpers Optimismus und Lebensfreude: Michael Sauter.
Foto: Antonino Panté

Michael Sauter

Wenn man eine Hitparade der in den letzten Wochen und Monaten vorherrschenden Gefühle erstellen würde, dann läge die Ohnmacht wohl dicht gefolgt von Trübsal und Trotz auf dem vordersten Rang. Während der Ungewissheit der Corona-Krise eine positive Lebenshaltung zu bewahren und die Hoffnung hochzuhalten, gelingt nur wenigen. Umso schöner, wenn diese wenigen sich zwischendurch auf den sozialen Medien Gehör verschaffen – so wie der musikalische Tausendsassa Michael Sauter alias DJ Air Afrique. In seinem Studio tief unter der Zürcher Josefstrasse trommelte der etablierte Komponist für Film, Theater und Tanz in den vergangenen Wochen eine kleine Truppe aus befreundeten Musikern aus Jamaika und Afrika zusammen. Gemeinsam entstanden in gelösten Sessions Stücke wie «Party at Home» und «Feel Like Dancing» (zu kaufen auf Bandcamp) – fröhliche Quarantäne-Hymnen im Dance-hall-Stil der Achtzigerjahre, deren sich niemand erwehren kann. Ihre Videos unter dem Namen Lockdown Jumpers wurden auf Facebook tausendfach geteilt

Fiona Apple

Sie spielt wie eine Urgewalt. So, als würde sie ständig mit Leben und Tod jonglieren, so als würde in ihr gerade ein Orkan toben, der sie unablässig hin und her schleudert. Und dabei sitzt sie meist zu Hause, in ihrem Haus in Venice Beach, mit dem Hund zu ihren Füssen und durchlebt Dinge, die ihr Jahre zuvor widerfahren sind. Fiona Apple McAfee-Maggart (43) hat die Gabe, ihre Hypersensibilität alle paar Schaltjahre in unwiderstehliche Songs zu giessen. Anscheinend hat sich dieser musikalische Verarbeitungsprozess über Jahrzehnte etabliert: In der Youtube-Doku «Fiona Has Wings» verrät die eigenwillige New Yorker Sängerin und Pianistin, dass sie schon als Kind bei irgendwelchen Unstimmigkeiten stets in ihr Zimmer gerannt sei und stundenlang komponiert habe. Immer, aber nur dann.

Fiona Apple sitzt gern daheim und grübelt. Alle paar Jahre entsteht ein elektrisierendes Album.
Fiona Apple sitzt gern daheim und grübelt. Alle paar Jahre entsteht ein elektrisierendes Album.
Foto: PD

Denn zwischen den Gefühlsausbrüchen tut sie nicht viel – aber auch das mit vollster Überzeugung. «Ich verlasse mein Haus und meine Nachbarschaft nur ganz selten – und das ist keineswegs eine traurige Tatsache», sagte sie schon 2006 zur Veröffentlichung ihres dritten Albums «Extraordinary Machine» in einer Talkshow. «Ich habe eine Handvoll guter Freunde und schöne Orte, die ich frequentiere, und das reicht mir.» Ihr aktuelles Album «Fetch the Bolt Cutters» ist gar eine Hommage an ihr Haus. Es ist – nach einer unergiebigen, dreiwöchigen Session auf einer Ranch im ländlichen Texas – zu grossen Teilen auch dort entstanden und aufgenommen worden.

Hier, in ihrem Refugium, kehrt sie zu unbefriedigenden Beziehungen und Begegnungen zurück, arbeitet sich genüsslich-wütend an alten Schulkameradinnen ab oder hält in «Under the Table» wohl gegenüber einem Exfreund fest, dass sie an keiner Tischgesellschaft mundtot zu machen sei, auch wenn er ihr noch so starke Tritte unter dem Tisch gebe. Kaum jemand kann so gut austeilen wie Fiona Apple in ihrem Homeoffice, an den Tasten ihres Klaviers. Es scheint ihr nur in dieser selbst auferlegten Quarantäne – ohne jeden Zeitplan, ohne jeglichen Alltagsdruck – zu gelingen, aus negativen Gefühlen, selbstbestärkende Songs zu formen.