Zum Hauptinhalt springen

Verbot von Grossevents«Der Konzertbetrieb in ganz Europa kollabiert»

Der Bund prüft eine Ausweitung des Verbots von Grossveranstaltungen bis März 2021. Die Kulturbranche ist alarmiert. Vier Vertreter nehmen Stellung.

Fans beim Konzert von EDM-Superstar David Guetta im Hallenstadion im Jahr 2018.
Fans beim Konzert von EDM-Superstar David Guetta im Hallenstadion im Jahr 2018.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Im schlimmsten Fall bleiben die grossen Konzerthallen des Landes bis Ende März 2021 leer. Der Bund prüft aktuell, das Verbot für grössere Veranstaltungen in den kommenden Frühling hinein auszuweiten, was neben dem Sport- auch den Kulturbetrieb im Land längerfristig betreffen würde. Hier äussern sich vier Vertreter aus der Veranstalterbranche über die Pläne des Bundes.

Stefan Breitenmoser, Geschäftsführer SMPA

Der Geschäftsführer des Branchenverbands der professionellen Schweizer Konzert-, Show- und Festivalveranstalter (SMPA) ist «irritiert» über die neuste Entwicklung. Er hätte davon aus den Medien erfahren, sagt Stefan Breitenmoser. Auch wisse man bei der SMPA nichts davon, dass die Vorschläge zurzeit bei Kantonen und Verbänden in Vernehmlassung seien, wie in dieser Zeitung berichtet wurde. «Wir kennen keinen Kulturverband, der einbezogen wurde. Offenbar ist die Kultur wieder der Wirtschaftszweig, welcher von den Plänen aus den Medien erfahren muss. Das ist ein Affront», sagt Breitenmoser. Vertreter des Verbandes hätten zuletzt vergeblich das Gespräch mit dem BAG gesucht.

Die Ausweitung des Veranstaltungsverbots wäre gemäss Breitenmoser nicht verhältnismässig. «Es gibt aus unserer Sicht heute keinen Grund, einen so weitreichenden Entscheid bis Ende März 2021 zu fällen. Reisen ist weitgehend erlaubt, im Alltag gelten wenig Massnahmen – nur bei Veranstaltungen will man jedes Detail regeln.»

Breitenmoser fordert langfristige finanzielle Unterstützung für die Branche über Ausfall- und Kurzarbeitsentschädigung sowie Erwerbsersatz. Die Verlängerung wäre sonst der «Tod eines ganzen, jetzt schon stark angeschlagenen Wirtschaftszweigs, inklusive Dienstleister wie Technikfirmen.»

Ende Woche will der SMPA-Vorstand tagen. «Wir müssen auch prüfen, ob alle Veranstaltungsarten gleich zu behandeln sind. Veranstaltungen in Clubs dauern beispielsweise viel länger als eine bestuhlte, 90-minütige Comedyshow.» Beim Sport würden noch einmal andere Bedingungen gelten. Man könne hier nicht alles über einen Kamm scheren.

Musikfans am Blue Balls Festival 2019 vor dem KKL Luzern.
Musikfans am Blue Balls Festival 2019 vor dem KKL Luzern.
Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Urs Leierer, Direktor Blue Balls Festival

Das Blue Balls Festival findet seit 28 Jahren in mehreren Venues rund ums Luzerner Seebecken statt, über 100’000 Besucher lockt das Stadtfestival jeweils an. Das Blue Balls war einer der ersten Grossevents, der im Zuge der Corona-Pandemie hierzulande abgesagt wurde. Jetzt prescht Veranstalter Urs Leierer erneut vor und sagt: «Ich fordere eine sofortige Öffnung für den Normalbetrieb. Mit Schutzmassnahmen, die realistisch sind.»

Der Bundesrat würde mit dem Verbot für Grossveranstaltungen Sport und Kultur «ausbluten» lassen, so Leierer. Aktuell seien die allermeisten Beschäftigten in der Eventbranche auf Kurzarbeit, teils bis zu 100 Prozent. Es komme bald zu Entlassungen, dann zu Konkursen. «Ich kenne die Reserven anderer Veranstalter nicht. Aber die bisherigen Ausfallentschädigungen reichen maximal bis Ende Jahr.»

Die Auflagen für Veranstaltungen seien theoretische Ansätze, die sich in der Praxis nicht umsetzen lassen würden. «Sie verunmöglichen ein professionelles, wirtschaftliches Arbeiten. Es ist ein Hohn, der es uns theoretisch ermöglicht, wieder zu veranstalten, aber praktisch funktioniert es nicht.»

Für Leierer ist klar, dass der Bund bei verlängertem Verbot Kultur und Sport mit permanenten Zahlungen unterstützen muss, wenn er Kultur und Sport wie bis anhin erhalten wolle. Zu den wirtschaftlichen kämen gesellschaftliche Probleme: «Mit dem Verbot von emotionalen Grossveranstaltungen raubt man den Menschen die Seele. Macht das nicht das Leben auf eine andere Art kaputt?» Es gehe dabei nicht nur um Geld, viele Kulturschaffende würden gerade ihre Identität verlieren.

In ganz Europa sei der Konzertbetrieb am Kollabieren. «Dieses Jahr wird es keine grossen Konzerte mehr geben. Es ist schon alles auf den nächsten Frühling geschoben. Die Angst hat alles im Griff. Damit wir uns richtig verstehen: Wir sollen uns schützen, aber nicht auf Teufel komm raus. Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät.»

Anke Stephan, Samsung Hall

Für die Betreiber der grossen Konzert-Venues ist bereits die aktuelle Situation eine «finanzielle Katastrophe», sagt Anke Stephan, CEO der Samsung Hall in Dübendorf. «Uns wurde Ende Februar 2020 ein faktisches Berufsverbot ausgesprochen», so Stephan. Konzerte mit maximal 1000 Zuschauern würden sich wirtschaftlich nicht rechnen, Conventions oder Firmenevents seien für die Veranstalter mit zu viel Risiko verbunden. Eine Verlängerung des Verbots würde die Lage verschärfen

«Firmen sind durch die Verbote und Auflagen verunsichert, keiner möchte die Verantwortung übernehmen, falls etwas passieren würde. Eine Planbarkeit ist aufgrund der ständig wechselten Vorschriften und Restriktionen nicht gegeben.» Gleichzeitig müssten die Kosten für die Liegenschaft weiterhin bezahlt werden. Darum seien sie als Betreiber auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Der Staat gebe vor, was «sie zu tun und zu lassen» hätten, sagt Stephan. «Es ist fatal.» Die einzige Möglichkeit sei jetzt, abzuwarten, was bis März 2021 möglich ist. Mit den Behörden und Verbänden sind die Hallenbetreiber im Austausch. «Vorschläge gibt es seit Monaten viele, aber man lässt uns nicht handeln.»

Stefan Wyss, Gadget abc Entertainment Group

Die Gadget abc Entertainment Group ist einer der grössten Rundumplayer in der Schweizer Musikbranche. Unter einem Dach bündelt sie die Organisation von Konzerten und mehreren Festivals, ein eigenes Label sowie das Management von Künstlerinnen und Künstlern. Eine Verlängerung des Veranstaltungsverbots wäre «unverständlich und nicht lösungsorientiert anhand der andauernden Krise», sagt Stefan Wyss, Partner und Director Concerts & Touring. Es würde eine Konkurswelle drohen. «Ein Veranstaltungsverbot von über einem Jahr ist daher nicht zu tolerieren.»

Für Wyss liegt ein Grundproblem darin, dass es keine einheitlichen Ansätze gebe und von Kanton zu Kanton unterschiedliche Regelungen gelten würden. «So ist eine klare und vertrauensbildende Planung kaum möglich. Es wurden möglichst viele Veranstaltungen auf spätere Zeitpunkte verschoben, aber eine mehrfache Verschiebung werden die Konsumenten und Künstler wohl kaum mehr akzeptieren.»

Die Grösse einer Veranstaltung sei zudem nicht allein massgebend dafür, ob ein Schutzkonzept vor Ort umgesetzt werden könne. Bei einem bestuhlten Grosskonzert sei das Abstandhalten und die Rückverfolgung einfacher als bei einer Clubshow. «Die Sicherheit geht vor», so Wyss, «aber es ist wichtig, dass Veranstalter die Chance erhalten, in Kooperation mit Behörden Lösungsansätze für grosse Veranstaltungen unter Berücksichtigung von angebrachten Schutzmassnahmen zu erarbeiten und durchzusetzen.»

Christian Gremelmayr, Mainland Music

Mainland Music veranstaltet zahlreiche Konzerte im mittelgrossen Sektor und holt viele aufstrebende internationale Künstlerinnen und Künstler in die Schweiz. Christian Gremelmayr von der Geschäftsleitung betont, dass ein anhaltendes Konzertverbot weitreichende Folgen hat. «Man muss verstehen, dass nicht nur der Veranstalter leidet, sondern auch die Künstlerinnen und Künstler, Venues, Technik- und Transportfirmen, Brauereien, Caterer, Sicherheitsfirmen, Ticketinganbieter, Medienunternehmen und ganz viele weitere Personen, die an solchen Events beschäftigt und bezahlt werden.»

Da Konzertveranstalter in einem internationalen Umfeld tätig seien, könnten sie momentan nicht planen. «Für eine Tournee durch Europa muss die Reisefreiheit gewährleistet sein, und die Konzerte müssen in Kapazitäten durchgeführt werden können, die sich wirtschaftlich rechnen.»

Zusammen mit weiteren Konzertveranstaltern und dem Branchenverband SMPA wolle Mainland Music nun Lösungsansätze ausarbeiten. Gremelmayr macht auch gleich einen konkreten Vorschlag: «Stehplatzkonzerte, die ein junges Publikum ansprechen, sollten mit Hygienemassnahmen, Sektoren und einer Kontaktliste durchführbar sein. Die Kantone müssen dafür aber das Contact-Tracing in den Griff bekommen. Zeit hatten sie ja dafür. Notfalls könnten sie auch Personen auf Kurzarbeit aus unserer Branche dafür rekrutieren.»

91 Kommentare
    M. Reinhard

    kommt doch alle in die Schweiz - am besten nach Zürich - hier ist alles erlaubt