Zum Hauptinhalt springen

Olympia-SerieDer Körper läuft, der Kopf rechnet

Laufen und über ein Hindernis springen, das hört sich eigentlich ganz simpel an. Doch der Hürdensprint ist deutlich komplexer, wie der BaZ-Selbstversuch mit dem Oberwiler Jason Joseph zeigt.

Jason Joseph zeigt BaZ-Sportredaktor Tilman Pauls die Hürden-Technik.
Jason Joseph zeigt BaZ-Sportredaktor Tilman Pauls die Hürden-Technik.
Nicole Pont

«Ein Meter», denke ich, bevor ich an diesem Nachmittag die Halle betrete, «ist doch kein Problem». «Ein Meter», denke ich, «das ist ja gar nicht so hoch». Dann stellt Jason Joseph die erste Hürde auf die Bahn und sagt: «Wir starten mal mit 76 Zentimetern.»

76 Zentimeter? Ich weiss nicht, ob ich erleichtert oder beleidigt sein soll. Ich will wissen, was die Faszination des Hürdensprints ausmacht. Und ja, dafür würde ich heute, wo das Coronavirus noch kein grosses Thema ist, am liebsten mit den offiziellen 106,68 Zen­timetern üben. Aber es dauert nicht lange, bis ich froh bin über die 76 Zentimeter, die sich vor mir auftürmen. «Ein Meter», denke ich plötzlich, «nie im Leben».

Vermutlich sieht Joseph, was in mir vorgeht. «Keine Angst, wir fangen einfach an und steigern uns.» Er muss es wissen: In der Schweiz ist kein Läufer die 110 Meter Hürden schneller gelaufen als der 21-jährige. 13,39 Sekunden. Aber heute ist er nicht als schnellster Hürdensprinter der Schweiz gefordert. Sondern als Lehrer für den jetzt schon deprimiertesten Anfänger des Landes.

Und die ersten Gehversuche heben meine Stimmung nicht: Ich stehe im rechten Winkel zu den Hürden, diesen 76 Zentimeter tiefen Hürden. Joseph sagt: «Wir arbeiten uns nach rechts. Ziehen das rechte Bein seitlich über die Hürde, dann das linke. Im gleichmässigen Rhythmus.»

Ich bin zum ersten Mal überfordert. Bei Joseph sieht es spielend leicht aus.

Joseph ist elf Jahre alt, als sein Lehrer an einem Schulsporttag das Talent entdeckt. Vorher spielt Joseph Fussball, Basketball. Aber beides ist für ihn nie das Wahre. «Ich bin kein Teamsportler», sagt er. Also folgt er dem Rat seines Lehrers und beginnt in der Nachwuchsgruppe des LC Therwil mit dem Training. Erst zwei Jahre später sagt Philipp Schmid, sein Trainer, dass Joseph es mal mit den Hürden versuchen solle, das könnte passen. Aber es passt nicht.

Joseph tut sich schwer, auch wenn er dank seiner Körpergrösse meist zu den Besten gehört. «Ich bin am Anfang nicht mit der Technik klar gekommen. Das mit den Hürden und mir, das war keine Liebe auf den ersten Blick». Trotzdem macht er weiter.

«Wir fangen einfach an und steigern uns dann.» Jason Joseph macht vor, wie man richtig über die Hürden steigt.
«Wir fangen einfach an und steigern uns dann.» Jason Joseph macht vor, wie man richtig über die Hürden steigt.
Nicole Pont

15 Minuten sind in der Halle auf der Schützenmatte vergangen und ich bin noch nicht ein Mal über eine der Hürden gestiegen. Geschweige denn gesprungen. Erst geht es auf der rechten Seite an den Hürden vorbei, dann wieder auf der linken. Mal sind die Beine gestreckt, mal angewinkelt. Zwischendurch ein Sprung.

Es geht darum, ein Gefühl zu entwickeln. Für die Hürden, aber auch für den Rhythmus, den es beim Laufen später braucht. Jede Übung eine kleine Choreografie: Rechtes Bein, Zwischenschritt, linkes Bein, Zwischenschritt. Joseph tanzt vor, ich mache es nach. Ich versuche es zumindest.

«Da habe ich gemerkt: Hey, ich bin gut, in dem, was ich mache. Und trotzdem war ich skeptisch.»

Jason Joseph

2017 gelingt Joseph der Durchbruch. Mit 13,25 Sekunden unterbietet er den Schweizer U20-Rekord über die tieferen Hürden. Weltweit gibt es nur einen Athleten in seiner Altersklasse, der schneller ist: De’Jour Russell aus Jamaika. Kurz darauf wird Joseph U20-Europameister.

«Da habe ich gemerkt: Hey, ich bin gut, in dem, was ich mache. Und trotzdem war ich skeptisch», sagt er heute. Es gibt genügend Beispiele von guten Nachwuchsläufern, von denen man später nie mehr etwas gehört hat. Die Hürden werden mit dem Wechsel zur U23 ein letztes Mal erhöht, die Technik noch wichtiger, aber für Joseph ist all das kein Problem.

Im Juli 2018 stellt er mit 13,39 Sekunden den bis heute gültigen Schweizer Rekord auf. Ein Jahr später wird er U23-Europameister. Spätestens da weiss er: «Ich ziehe das jetzt durch.»

Ich springe zum ersten Mal über eine Hürde. Wobei, das kann man so eigentlich auch nicht sagen. Besser wäre wohl: Ich schleiche über eine Hürde. Denn bevor ich es irgendwann mit Tempo probieren kann, müssen die Bewegungsabläufe stimmen. Und das geht nicht anders als im Zeitlupentempo, was – zugegeben – auch mit meiner ausbaufähigen Koordinationsfähigkeit zusammenhängt.

Mein Schwungbein, das linke, geht zuerst über die Hürde. Nach oben ziehen, möglichst gerade in Richtung Brustkorb. Absetzen hinter der Hürde, aber immer auf den Fussballen bleiben. Nie mit der ganzen Sohle auf den Boden. Dann das rechte Bein, das Nachziehbein, das leicht seitlich vom Körper abgespreizt über die Hürde gezogen wird. Es sind viele Einzelschritte, die stimmen müssen, bevor sie zu einer flüssigen Bewegung verschmelzen.

Meine Hände rudern durch die Luft, der Oberkörper ist verdreht, aber ich weiss nicht mal, in welche Richtung. «Schau nach vorne», sagt Joseph. Aber ich kann nur auf meine Füsse schauen.

Dass das Schwungbein eine andere Bewegung macht als das Nachziehbein, macht die Sache anspruchsvoll. Dass mein Kopf bei jeder Hürde den gespiegelten Ablauf für die seitenverkehrte Bewegung umrechnen muss, lässt mich fast verzweifeln. Ich brauche nach jeder Hürde eine Pause, um genau zu überlegen, welcher Fuss jetzt wohin muss. Ich sehe aus wie ein Storch.

«Ich bin froh, dass meine Mutter mir hilft. Ihr kann ich blind vertrauen.»

Jason Joseph

Joseph muss erfahren, dass sich mit seinen Laufzeiten auch der Alltag ändert. Plötzlich rufen ihn Journalisten an, während er in der Schule sitzt. Es gibt immer mehr Anfragen, das Interesse wächst. Irgendwann wird es so viel, dass Joseph Hilfe braucht.

Susan Gross ist das, was man seine Managerin nennen würde, wenn sie nicht gleichzeitig auch Josephs Mutter wäre. Sie filtert alle Termine und trägt sie in den gemeinsamen Kalender ein, damit der Sohn sie zwischen seinen sieben, acht Trainingseinheiten pro Woche nicht vergisst. «Ich bin froh, dass meine Mutter mir hilft», sagt Joseph, «ich weiss, ich kann ihr blind vertrauen.»

Neben ihr hat der Oberwiler ein mehrköpfiges Team, das sich um ihn kümmert: Vater Zephirin, geboren auf St. Lucia, ist für die Athletik zuständig. Claudine Müller von den Old Boys ist die hauptverantwortliche Trainerin, aber auch mit Philipp Schmid arbeitet Joseph noch zusammen. Er hat einen Mentaltrainer und zwei Personen, die sich um seine Vermarktung kümmern.

Jason Joseph zeigt BaZ-Sportredaktor Tilman Pauls die Hürden-Technik.
Jason Joseph zeigt BaZ-Sportredaktor Tilman Pauls die Hürden-Technik.
Nicole Pont
Jason Joseph zeigt BaZ-Sportredaktor Tilman Pauls die Hürden-Technik.
Jason Joseph zeigt BaZ-Sportredaktor Tilman Pauls die Hürden-Technik.
Nicole Pont
Jason Joseph zeigt BaZ-Sportredaktor Tilman Pauls die Hürden-Technik.
Jason Joseph zeigt BaZ-Sportredaktor Tilman Pauls die Hürden-Technik.
Nicole Pont
1 / 4

Mit jedem Durchgang bekomme ich ein besseres Gefühl für den Bewegungsablauf: Knapp einen halben Meter vor der Hürde mit dem Schwungbein abdrücken, die gegenüberliegende Hand in die Höhe nehmen und den Fuss hinter der Hürde so schnell wie möglich auf den Boden bringen. Das rechte Bein, in einer schnellen Bewegung nach vorne ziehen. Weiter zur nächsten Hürde.

Mal mache ich fünf Schritte, mal sieben, mal neun. Je nach Tempo, je nachdem, was grade besser passt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Joseph die 9,14 Meter zwischen den Hürden mit nur drei Schritten überwindet. Etwas mehr als drei Meter pro Schritt? Wie soll das gehen?

Ich habe mich damit abgefunden, dass ich heute nicht über eine 106 Zentimeter hohe Hürde springen werde.

«Er ist mit dem Kopf jetzt mehr bei der Sache.»

Claudine Müller, Josephs Trainerin

2020 hätte das nächste grosse Jahr für Joseph werden sollen. Er hat alles dem Sport untergeordnet, die Wirtschaftsmittelschule vorerst unterbrochen. «Das hat sich ausgezahlt», sagt Claudine Müller, «er ist mit dem Kopf mehr bei der Sache. Das wird ihm helfen, noch schneller zu werden.»

Natürlich hätte Olympia der emotionale Höhepunkt werden sollen. Aber das eigentliche Ziel war die EM im August, bei der Joseph eine Medaille zuzutrauen gewesen wäre. Für die perfekte Vorbereitung war in diesen Tagen ein Camp mit weiteren Spitzenathleten in den USA geplant. Aber dann kam das Virus.

Die Bewegungen werden flüssiger, die Schritte sicherer und das Tempo höher. Und: Mit etwas mehr Geschwindigkeit wird es einfacher, weil man nicht mehr über jede Aktion nachdenkt. Der Automatismus übernimmt, die Storchen-Taktik hat sich gelohnt. Und trotzdem passiert es immer wieder, dass ich mit den Schritten nicht so zur nächsten Hürde komme, wie ich das gerne hätte.

Drei Schritte zwischen den Hürden, das wäre das Ziel, auch wenn die Hindernisse hier kaum mehr als fünf Meter voneinander entfernt sind. Und trotzdem ist das Problem immer wieder: Bin ich zu langsam, reichen die drei Schritte nicht. Bin ich zu schnell, habe ich nicht genug Platz für den Absprung. Der Rhythmus bleibt die grösste Schwierigkeit.

Trotzdem bin ich zufrieden, als Joseph nach einer Stunde sagt: «Wir stellen die Hürden jetzt auf 86 Zentimeter, was meinst du?» Klar, es sind keine 106,68 Zentimeter. Aber es fühlt sich mindestens genau so gut an.