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Britischer Premier zu HauseDer Italiener, der Boris Johnson gesund gemacht hat

Der Premierminister erholt sich auf seinem Landsitz von Corona. Zuvor hatte er sich emotional bei Ärzten, Schwestern und Pflegern am St. Thomas’ Hospital für seine Rettung bedankt.

Ein Pionier auf dem Gebiet der Beatmungsmedizin: Professor Luigi Camporota.
Ein Pionier auf dem Gebiet der Beatmungsmedizin: Professor Luigi Camporota.
Foto: PD

Es soll nicht wenige Briten gegeben haben, die Tränen der Rührung über das Video geweint haben, in dem ihr von Covid-19 genesener Premierminister sein euphorisches Dankeschön für den NHS, den National Health Service, ausdrückte: Ärzte, Schwestern und Pfleger am St. Thomas’ Hospital hätten ihm das Leben gerettet. Der NHS sei, so Johnson nach seiner Entlassung, unbesiegbar – und «powered by love».

Er bedankte sich insbesondere bei «Jenny aus Neuseeland und Luis aus Portugal», die 48 Stunden nicht von seiner Seite gewichen seien. Das Spital bedankte sich dann wiederum bei Johnson und bat, die Privatsphäre der Mitarbeiter zu achten, die nun alle Welt kennen lernen möchte.

Jeder dritte Arzt ist ein Migrant

An der Seite von Jenny und Luis war indes auch Luigi aus Italien – besser bekannt als Professor Luigi Camporota, Pionier auf dem Gebiet der Beatmungsmedizin, Berater für Intensivmedizin, Forscher am King’s College London. Wie so viele andere Ärzte, Schwestern und Pfleger in Grossbritannien sind auch Luis, Jenny und Luigi Migranten. Jeder siebte der knapp zwei Millionen Mitarbeiter im Gesundheitsdienst ist Ausländer, bei Ärzten ist es sogar knapp jeder dritte.

Der Brexit und ein neues Einwanderungsrecht könnten bald schon dazu führen, dass das medizinische Personal, welches das Land gerade dringender denn je braucht, abwandert oder wegbleibt. Mindestens 100’000 Mitarbeiter fehlen schon jetzt – ganz zu schweigen von Schutzkleidung, Tests und Beatmungsgeräten.

Voll des Lobes und der Dankbarkeit für seine Pflegenden: Premier Boris Johnson nach der Entlassung aus dem Spital.
Voll des Lobes und der Dankbarkeit für seine Pflegenden: Premier Boris Johnson nach der Entlassung aus dem Spital.
Foto: Keystone

Camporota gehört zu den bekannteren unter den Medizinern, die das personell ausgeblutete und unterfinanzierte britische Gesundheitssystem am Laufen halten; dass der 50-Jährige aus Kalabrien unter anderem am St. Thomas’ Hospital arbeitet, dürfte einer der Gründe dafür gewesen sein, dass der Premierminister dort behandelt wurde.

Mit dem Ausbruch des Coronavirus ist der Italiener, der seit 2004 in Grossbritannien behandelt, lehrt und forscht und international hervorragend vernetzt ist, noch ein bisschen bekannter geworden. Anfang April hatte er vor der Europäischen Gesellschaft für Intensivmedizin einen vielzitierten Vortrag zu den Problemen der Beatmung von Corona-Patienten gehalten – virtuell, versteht sich. Der Titel seines Vortrags «Wie beatme ich Patienten mit Covid-19-Infektion» sei ziemlich ehrgeizig, sagte er mit einem Anflug von einem Lächeln, denn noch immer wisse man sehr wenig darüber, wie man «richtig» behandle.

Nach einer Erholung könne sich urplötzlich eine lebensgefährliche Verschlechterung einstellen, sagt Camporota.

Was er dann erläuterte, dürfte jedoch in etwa das gewesen sein, was sein Team Tage später mit Boris Johnson erlebte. Der hatte sich in der Downing Street selbst isoliert, bevor er doch noch in die Klinik musste. Es gebe bei vielen Patienten eine Art Kipp-Punkt, so Camporota, an dem sich nach einer Phase der scheinbaren Erholung urplötzlich eine lebensgefährliche Verschlechterung einstelle. Er vermute, sagte er in seinem eleganten, fast singenden Englisch, dass das Virus «biphasic» sei, also in zwei Phasen daherkomme: es schlafe, bevor es erneut gefährliche Symptome hervorrufe.

«Wir holen sehr schnell auf»

Der Mediziner, der an der Universität Reggio Calabria studiert und den Doktor an der Universität von Southampton gemacht hat, hatte schon vor Wochen gemahnt, dass die Zahl der Infizierten in Grossbritannien bedenklich schnell stark ansteige. «Wir holen im Vergleich zum restlichen Europa sehr schnell auf.» Mittlerweile verzeichnet Grossbritannien mehr als 11’000 Tote. Wissenschaftler befürchten, dass das Königreich am Ende eines der am schwersten betroffenen Länder in Europa sein werde.

Der Premier hat überlebt. Er hatte Glück. Fans schreiben seine Genesung in erster Linie seiner Charakterstärke zu, die an Winston Churchill erinnere. Die italienische «Repubblica» sieht es anders: Camporota sei «der Mann, der Boris Johnson gesund gemacht hat».

18 Kommentare
    Lidia

    Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es in Reggio Calabria keine medizinische Fakultät gibt...