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Seligsprechung von Carlo AcutisDer «Influencer Gottes»

Der Teenager, der der vor 14 Jahren an Leukämie starb, ist der erste Millennial im Kreise der Seligen. Das hat auch damit zu tun, wie er das Internet nutzte.

Seliggesprochen: Ein Bild von Carlo Acutis wird während der Zeremonie in Assisi enthüllt.
Seliggesprochen: Ein Bild von Carlo Acutis wird während der Zeremonie in Assisi enthüllt.
Keystone

Der Teenager mit dem dunklen Wuschelhaar sieht auf den Bildern aus, als schliefe er. Er trägt Jeans, Sportjacke und Turnschuhe, aber gut, Jugendliche halten es ja manchmal für überflüssig, sich vor dem Hinlegen ihrer Kleider zu entledigen. Der Italiener Carlo Acutis aber schläft nicht, er ist tot, seit 14 Jahren, gestorben im Alter von 15 Jahren an Leukämie, nur drei Tage nach der Diagnose. Vergangenes Jahr wurde sein Leichnam exhumiert und «mit Kunst und Liebe wieder zusammengefügt», wie es Domenico Sorrentino, der Erzbischof von Assisi ausdrückt. Anfang Oktober wurde Acutis' Körper in einem Glassarg in der Kirche Santa Maria Maggiore öffentlich aufgebahrt.

Vor 14 Jahren gestorben: Der Leichnam von Carlo Acuti wird in der Kirche Santa Maria Maggiore öffentlich aufgebahrt
Vor 14 Jahren gestorben: Der Leichnam von Carlo Acuti wird in der Kirche Santa Maria Maggiore öffentlich aufgebahrt
Keystone


Am Samstag wurde Acutis seliggesprochen – der erste Millennial im Kreise der Seligen. Die Beinamen, die ihm die italienischen Medien verliehen, sind sehr weit entfernt von denen der Märtyrer und Erleuchteten früherer Jahrhunderte: «Influencer Gottes» nennen sie ihn, «Cyber-Apostel» oder «Patron des Internets».

Eine Online-Datenbank für Wunder aller Art

Papst Franziskus hatte Acutis immer wieder als Vorbild für junge Menschen gelobt. Er habe gewusst, «wie man die neue Kommunikationstechnik einsetzt, um das Evangelium zu übermitteln», sagte er vergangenes Jahr. Acutis half bereits im Alter von zehn Jahren Priestern dabei, Websites für ihre Pfarreien einzurichten, und warb im Internet für seinen Glauben. Als Elfjähriger begann er mit grosser Detailversessenheit, ein Online-Verzeichnis christlicher Wunder anzulegen – sein Lebenswerk, wenn man es so nennen will.

Aber allein die Auflistung der Wunder anderer Seliger und Heiliger reicht nicht aus für eine Seligsprechung. Das strenge Regelwerk der katholischen Kirche erfordert, falls es sich bei dem Seligsprechungsanwärter nicht um einen Märtyrer handelt, den Nachweis eines eigenen Wunders. 2013 erkannte der Vatikan die Heilung eines schwer kranken brasilianischen Jungen als Wunder an, der in seinen Gebeten Acutis um himmlischen Beistand gebeten hatte.

Seither wächst in Italien die Verehrung für den verstorbenen Teenager. Zur Seligsprechung in der Basilika des heiligen Franz von Assisi reisten etwa 3000 Pilger an, die, wegen der Corona-Massnahmen, nicht alle im Inneren Platz fanden. Die Zeremonie wurde auf eine Grossleinwand vor der Kirche übertragen, auch auf mehreren Internetplattformen war der Gottesdienst live zu verfolgen.

Kein Platz mehr im Innern: Besucher des Gottesdientes vor der Basilika
Kein Platz mehr im Innern: Besucher des Gottesdientes vor der Basilika
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Carlo Acutis sei ein «ganz normaler, einfacher, netter Junge» gewesen, sagte Kardinal Agostino Vallini, der die Messe zelebrierte. Bereits zuvor hatten italienische Medien in ihren zahlreichen Porträts berichtet, dass er Fussball liebte, manchmal bockig war und gerne an der Konsole spielte. Allerdings soll Acutis, eher Teenager-untypisch, sich selbst ein Playstation-Limit von einer Stunde pro Woche auferlegt haben. «Er hatte eine überraschend christliche Reife», sagte der Kardinal. Acutis besuchte täglich die Messe und kaufte von seinem Taschengeld Schlafsäcke für Obdachlose in seiner Gemeinde. Das Internet sei für ihn ein Mittel zur Begegnung und zum Dialog gewesen, kurzum: «ein Geschenk Gottes» – und Cybermobbing ein Gräuel.

Nach der Seligsprechung pilgerten die Gläubigen von der Basilika hinüber zu Acutis' Leichnam in der Kirche Santa Maria Maggiore, auf Bildern ist zu sehen, wie einige von ihnen ehrfürchtig ihre Hand auf das Glas legen. Noch bis zum 17. Oktober bleibt der Selige in Jeans und Turnschuhen dort aufgebahrt.

12 Kommentare
    heinz zürcher sen.

    Aberglauben wie im Mittelalter ! Nicht nur die katholische Kirche, auch andere "Religionen" und Sekten verdienen mit sog. "Wundern" Millionen. Verantwortungsvolle Redaktoren sollten solchen Berichten wenigstens beifügen, dass diese ins Reich der Sagen und Märchen gehören und jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren.