Der Geist von Bretton Woods ist in Gefahr

Vor 75 Jahren legte eine Konferenz im US-Bundesstaat New Hampshire die Grundlagen für die Wirtschafts- und Währungsordnung der Nachkriegszeit. Ihr Erbe droht zu verglühen.

«Im Zustand grossartiger Konfusion»: Delegierte diskutieren an der Konferenz von Bretton Woods über das künftige Weltfinanzsystem. Foto: Alfred Eisenstaedt (Getty Images)

«Im Zustand grossartiger Konfusion»: Delegierte diskutieren an der Konferenz von Bretton Woods über das künftige Weltfinanzsystem. Foto: Alfred Eisenstaedt (Getty Images)

Bretton Woods ist eigentlich gar keine richtige Ortschaft, sondern eine Ansammlung von Häusern rund um ein Luxusresort mit Namen Hotel Mount Washington und einen Golfplatz. Früher, als es noch keine Klimaanlagen gab, zogen in den Sommermonaten die reichen Familien aus Boston hierher, in den Norden des Bundesstaates New Hampshire, um der schwülen Hitze in der Stadt zu entgehen. Heute kommen in das schneeweisse Hotel, erbaut 1902 im Stil der spanischen Renaissance, Touristen aus der ganzen Welt; ein Zimmer kostet zwischen 250 und 600 Dollar (zuzüglich Steuern und Gebühren).

Vor 75 Jahren, 1944, stand das Hotel Mount Washington leer – eine Folge von Kriegswirtschaft und Weltwirtschaftskrise. Doch dann beschloss der amerikanische Finanzminister Henry Morgenthau, genau hierher eine internationale Konferenz einzuberufen. Dabei dürfte die Abgeschiedenheit von Bretton Woods mitten im Krieg (die Alliierten landeten im Juni in der Normandie) eine grosse Rolle gespielt haben.

Die Regierung in Washington liess das damals etwas heruntergekommene Haus in wenigen Wochen auf Staatskosten renovieren. Die Arbeiten waren bei Konferenzbeginn noch nicht abgeschlossen, was während der Konferenz zu vielen Klagen führen sollte.

Ein erfolgreiches System

Die «International Monetary and Financial Conference of the United and Associated Nations» (so der offizielle Titel) begann am 1. Juli 1944. Insgesamt 730 Delegierte und Experten waren nach Bretton Woods gereist, ungefähr dreimal so viele, wie das Finanzministerium in Washington erwartet hatte. Sie kamen aus 44 Nationen, wovon einige noch von deutschen Truppen besetzt waren (etwa Frankreich, die Niederlande und Belgien) oder den Status von Kolonien hatten (Indien und Burma).

Als die Delegierten am 22. Juli ihre Arbeit abschlossen, konnten sie nicht ahnen, dass sie gerade an einer der erfolgreichsten Konferenzen des 20. Jahrhunderts teilgenommen hatten. Das in Bretton Woods beschlossene System bescherte den Industrieländern nach dem Krieg ein Vierteljahrhundert, in dem die Wirtschaft doppelt so schnell wuchs wie in irgendeinem vergleichbaren Zeitraum vorher oder nachher, wie die Ökonomen Barry Eichengreen (Universität Berkeley) und Peter B. Kenen (Princeton) anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Konferenz schrieben.

Das System fester Wechselkurse, auf das sich die Konferenz geeinigt hatte, gibt es zwar schon lange nicht mehr, die Bretton-Woods-Institutionen jedoch, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank, spielen weiter eine zentrale Rolle in der Weltwirtschaft. Vor allem aber hat der Geist von Bretton Woods – noch – überlebt, die Überzeugung, dass sich Währungs- und Handelsfragen am besten durch internationale Zusammenarbeit lösen lassen. Oder wie es der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt in seiner Grussbotschaft an die Delegierten schrieb: «Handel ist das Herzblut einer freien Gesellschaft. Wir müssen dafür sorgen, dass die Arterien, durch die das Blut fliesst, nicht wieder verstopft werden wie in der Vergangenheit, durch künstliche Hindernisse, die aufgrund sinnloser Rivalitäten errichtet wurden.»

Freier Handel und Frieden hängen eng miteinander zusammen – an diese Überzeugung Roosevelts ist zu erinnern in einer Zeit, in der Protektionismus wieder modern geworden ist, ganz besonders in Amerika. Einer der Gründe für den Erfolg von Bretton Woods, so schreiben die Ökonomen Eichengreen und Kenen, war die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten hinter dem System standen, dass sie es durch Sanktionen schützten und auch dafür zahlten, zum Beispiel im Marshallplan für das kriegszerstörte Europa. Mit «America First» hätte das alles nicht funktioniert.

Die Konferenz war nach Aussagen von Teilnehmern ein kreatives Chaos. «Bretton Woods ist tatsächlich ein aussergewöhnlich schöner Flecken», schrieb der britische Ökonom Lionel Robbins, jedoch sei «alles im Zustand grossartiger Konfusion». Lydia Lopokova, ebenfalls Mitglied der britischen Delegation, bezeichnete das Mount Washington Hotel als «Tollhaus»: «Die Wasserhähne laufen den ganzen Tag, die Fenster kann man weder öffnen noch schliessen, die Wasserleitungen sind repariert, oder auch nicht».

Der Schlüssel zum Erfolg war, dass die USA hinter dem System standen. Mit «America First» hätte das alles nicht funktioniert.

Lopokovas Mann, der Ökonom John Maynard Keynes, beklagte sich, dass er vor 200 Menschen in Räumen mit miserabler Akustik reden musste, viele unter ihnen mit bescheidenen Kenntnissen des Englischen – «und die Russen verstehen nur unter äussersten Schwierigkeiten, um was es geht». Keynes war der unbestrittene Star der Konferenz. Als Autor der bahnbrechenden «General Theory» war er weltberühmt, während des Krieges fungierte er als heimlicher Finanzminister des Vereinigten Königreichs. Der Ökonom war aber auch gehandicapt. Er litt an einer schweren Herzkrankheit, an deren Folgen er 1946 sterben sollte. Seine Frau achtete während der ganzen Konferenz peinlich darauf, dass er sich nicht überanstrengte.

Und Keynes hatte einen Rivalen: Harry Dexter White, Staatssekretär im amerikanischen Finanzministerium und starker Mann der Konferenz. White beurteilte die Ausgangslage ganz ähnlich wie Keynes: Die Welt war auch deshalb in die Katastrophe gestürzt, weil die Staaten in der Krise Währungskriege gegeneinander geführt hatten und so den Welthandel zum Erliegen brachten. Daher wollte er ein System fester Wechselkurse errichten, die an den Dollar gebunden waren und welche die Teilnehmer nur durch Vereinbarung ändern konnten. Die USA garantierten, dass sie die eigene Währung in unbegrenzter Höhe für 35 Dollar je Feinunze in Gold tauschten. Sollte ein Land in Schwierigkeiten geraten, gab es eine Art Versicherung, den IWF, der gegen Auflagen Hilfskredite vergab.

Keynes dachte genau umgekehrt. Er glaubte, dass das vom Krieg ausgelaugte Grossbritannien ein System frei handelbarer Währungen nicht aushalten würde. Deshalb erdachte er ein Modell, in dem freier Welthandel auch ohne konvertible Währungen möglich gewesen wäre. Danach hätten die Staaten untereinander Waren getauscht, Überschüsse und Defizite wären mittels einer Kunstwährung namens «Bancor» ausgeglichen worden. Das Ganze nannte Keynes «Clearing Union». Tatsächlich hatte der Keynes-Plan nie eine Chance. Die USA waren längst zur alles dominierenden Wirtschaftsmacht geworden, was Harry White fast unbegrenzte Verhandlungsmacht gab. Daher verabschiedete die Konferenz in Bretton Woods den White-Plan mit nur wenig Änderungen. IWF und Weltbank wurden dann auf einer Konferenz in Savannah (im US-Bundesstaat Georgia) offiziell gegründet.

White war im Übrigen ein äusserst machtbewusster Mann. Er sorgte dafür, dass IWF und Weltbank ihren Sitz in Washington bekamen, also nahe bei der amerikanischen Regierung, und nicht am Sitz der Vereinten Nationen in der Finanzmetropole New York, was eigentlich nahegelegen hätte. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass White unmittelbar nach dem Krieg als sowjetischer Spion enttarnt wurde.

Wie der Ökonom Benn Steil in seiner Monografie über die Konferenz («The Battle of Bretton Woods») schreibt, handelte White dabei vor allem aus Idealismus. Er hoffte, dass nach dem Krieg die USA gemeinsam mit der Sowjetunion die Welt beherrschen würden. Der Feind wäre dann das britische Weltreich gewesen, das es 1944 ja noch gab.

Möglicherweise hat auch die überaus grosszügige Behandlung der Sowjetunion in Bretton Woods mit Whites politischen Ideen zu tun. Obwohl es klar war, dass die abgeschottete sowjetische Planwirtschaft niemals in das System von Bretton Woods passen würde, sollte die UdSSR drittgrösstes Mitglied des IWF werden, nach den USA und Grossbritannien. Der Kalte Krieg machte den Plänen schnell ein Ende. Allerdings hatte Whites Spionagetätigkeit eine skurrile Spätfolge. Eigentlich war der Staatssekretär gesetzt als erster Direktor des neuen IWF. Als White enttarnt wurde, zogen die USA Whites Nominierung zurück und sorgten auch nicht für Ersatz. Seither wird der IWF immer von Europäern geleitet, zuletzt von Christine Lagarde, heute designierte Präsidentin der Europäischen Zentralbank.

Zur Ironie des Schicksals gehört es, dass der Kern des White-Plans, das System fester Wechselkurse mit Dollar-Gold-Bindung, nur kurze Zeit funktioniert hat. Es begann, wenn man es genau nimmt, erst 1958, als die meisten europäischen Währungen konvertibel wurden. Es endete am 15. August 1971, als der damalige amerikanische Präsident Richard Nixon einseitig die ­Verpflichtung aufkündigte, jederzeit Dollar in Gold zu tauschen.

Opfer seines eigenen Erfolgs

Das System ging dabei an seinem eigenen Erfolg zugrunde: Die Weltwirtschaft konnte nur dann ausreichend mit Dollars versorgt werden, wenn die Vereinigten Staaten ein Handelsdefizit hatten. Dieses Defizit führte aber dazu, dass die Goldreserven der USA sich erschöpften. Das Phänomen ist unter dem Namen «Triffin-Paradoxon» in die Geschichte eingegangen (nach dem belgischen Ökonom Robert Triffin, der es entdeckt hat). Für die Bundesrepublik Deutschland hatte das Paradoxon einen angenehmen Nebeneffekt: Ihre ausserordentlich hohen Goldreserven entstanden in dieser Zeit.

Aus der Distanz betrachtet, zeigt sich: Es sind nicht die Details des White-Plans, welche die Konferenz zu einem Erfolg gemacht haben. Es ist der Geist von Bretton Woods, die Kombination aus amerikanischer Führung und internationalem Willen zur Kooperation.

Und dieser Geist ist heute gefährdeter denn je.

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