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Aufstand der MuttenzerkurveDer FCB-Machtkampf eskaliert

Die Fankurve verlangt den Rücktritt des Basler Verwaltungsrats. Es ist die spektakulärste Entwicklung rund um einen Verein voller Grabenkämpfe. Und eine mit Explosionsgefahr.

Februar 2019: Protest der Muttenzerkurve gegen das Engagement des FC Basel in Indien: «Ein weiterer Schritt in die falsche Richtung.» Kurz darauf verliessen die Fans die Kurve.
Februar 2019: Protest der Muttenzerkurve gegen das Engagement des FC Basel in Indien: «Ein weiterer Schritt in die falsche Richtung.» Kurz darauf verliessen die Fans die Kurve.
Foto: Keystone
April 2018: Protest der Kurve dagegen, dass der FCB Instagram-Influencer Werbung machen liess: «Ihr habt einen Knall und wir sehen schwarz.»
April 2018: Protest der Kurve dagegen, dass der FCB Instagram-Influencer Werbung machen liess: «Ihr habt einen Knall und wir sehen schwarz.»
KEYSTONE
Februar 2018: Protest dagegen, dass sich der FC Basel eine E-Sports-Abteilung zugetan hat: «E-Sports den Stecker ziehen.»
Februar 2018: Protest dagegen, dass sich der FC Basel eine E-Sports-Abteilung zugetan hat: «E-Sports den Stecker ziehen.»
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Es ist ein Donnerknall, als die Muttenzerkurve am Mittwoch ein Schreiben auf ihre Website stellt. Die 1000 Wörter sind Anklageschrift und Urteil zugleich. Sie beschreiben die Ära von Bernhard Burgener als Besitzer und Präsident des FC Basel so vernichtend, dass als Zusammenfassung 9 Buchstaben reichen: «Zit zum goo!», lautet der Titel. Zeit, zu gehen.

Nun haben nicht einmal beim FCB die Fans in der Kurve die Macht, den gesamten Verwaltungsrat zum Rücktritt zu zwingen. Aber die Muttenzerkurve hat mit ihrer Forderung die nächste Stufe des rotblauen Machtkampfes gezündet. Es ist eine mit Explosionskraft.

Dabei gab es ja schon zuvor genügend Streitpunkte innerhalb des Vereins. CEO Roland Heri und Sportchef Ruedi Zbinden haben das Heu selten auf einer Bühne. Minderheitsaktionär David Degen ist Zbinden gegenüber ebenfalls kritisch eingestellt. Dazu formiert sich auf der Geschäftsstelle Widerstand gegen die externen Berater der Firma Chameleo AG, die auf Anweisung von Präsident Burgener beim FCB tätig sind. Burgener ist zugleich Verwaltungsratspräsident der Chameleo AG.

Dass die Spieler vergessen haben, dass sie der Club im Streit um den Corona-Lohnverzicht öffentlich an den Pranger gestellt hat, darf getrost bezweifelt werden. Und über allem schwebt drohend das Problem, dass der FCB dringend frisches Kapital braucht, um über den Oktober hinaus liquide zu bleiben.

Das alles würde schon reichen, um den Club an den Rand der Handlungsunfähigkeit zu bringen. Da kann er sich einen weiteren Konfliktherd eigentlich nicht leisten. Aber nicht nur darum kann der Protest der Kurvenfans für den FCB so gefährlich werden.

Böse Erinnerungen an 2006

Es gab in diesem Jahrtausend schon einmal eine Zeit, in der sich in Basel Clubführung und Kurve entfremdeten. Der Streit kulminierte am 13. Mai 2006. An jenem Abend, an dem der FC Zürich mit einem Tor in der 93. Minute den Meistertitel gewann. Die anschliessenden Ausschreitungen wurden von SRF live in die guten Stuben der Schweiz geliefert und bekamen in den Medien den Titel «Schande von Basel».

Dank cleverer Entscheidungen und viel Arbeit ging der FCB gestärkt aus jener dunklen Nacht hervor. Weil der Club in der Folge viel Zeit in den Dialog mit den Ultras investierte und so eine Basis des Vertrauens schuf. Diese verhindert nicht alle Gewalt und nicht jeden Mist, der in einer Kurve gebaut wird. Aber sie kann viele potenzielle Konflikte lösen, bevor sie gewaltsam zum Ausbruch kommen.

Die neue Führung unter Burgener nun hat diesen wichtigen Dialog nicht abgebrochen. Es ist ihr etwas noch Schlimmeres passiert: Sie hat trotz regelmässiger Treffen mit der Kurve ihr Vertrauen verloren. Was bezeichnend für die gesamte Ära Burgener ist: Kommunikation ist die herausragendste Schwäche seines FC Basel.

Nun ist auch die Muttenzerkurve nicht einfach zu fassen. Ihre Mitteilungen schreibt sie konsequent anonym. Trotzdem tritt sie gegen aussen als einzige Stimme einer heterogenen Menge an FCB-Fans auf. Wobei sie natürlich nicht alle rund 6500 Menschen vertreten kann, die bei einem Heimspiel im Sektor D des St.-Jakob-Parks stehen und sitzen. Ihre Stimme ist vor allem jene der verschiedenen Fan-Gruppierungen, die in der Heimkurve mit- und nebeneinander leben.

Doch so heterogen die Muttenzerkurve auch zusammengesetzt sein mag – sie ist durchaus gut organisiert. Sie bietet Anhängern des FCB eine Rechtshilfe an. Sie betreibt hinter dem Stadion eine Bar. Sie schickt vor einem Cupfinal Mitglieder nach Bern, um den Ort zu rekognoszieren, an dem sie sich laut Weisung der Polizei versammeln soll. Sprich: Wer die Kurve gegen sich hat, hat sicher kein einfaches Leben als FCB-Präsident.

Hat Degen sogar viel mehr als ein Vorkaufsrecht?

Kommt dazu, dass sich Burgener im Oktober den Mitgliedern des Vereins FC Basel zur Wiederwahl stellen muss, wenn er Präsident bleiben will. 2019 erhielt er noch 65 Prozent der Stimmen. Schon das war eine Ohrfeige. Jetzt scheint eine Abwahl zumindest möglich. Auch wenn die meisten Vereinsmitglieder nicht aus der Kurve stammen.

Vermutlich wäre es cleverer, wenn Burgener im Oktober freiwillig auf den Präsidententitel verzichten würde. Der Verein FC Basel hält sowieso nur 25 Prozent der Aktien der FC Basel 1893 AG, zu der die Profifussballer des FCB gehören. Burgener würde mit seiner FC Basel Holding AG weiterhin 75 Prozent an der 1893 AG halten – und könnte den FCB damit weiterhin nach seinem Gusto führen.

Denn wenn er nicht will, kann niemand Burgener dazu zwingen, seine Aktien an der FC Basel Holding AG zu verkaufen. Nicht einmal die Kurve.

Wenn jemand einen Hebel hätte, dann wäre das noch am ehesten David Degen. Dem ehemaligen FCB-Spieler gehören seit September 2019 zehn Prozent der Holding AG. Es gibt Gerüchte, dass Degen nicht nur ein Vorkaufsrecht hält für den Fall, dass Burgener seine Aktien abgeben will. Demgemäss soll Degen sogar ein Kaufsrecht besitzen. Er könnte Burgener also die Aktien jederzeit zu bereits festgelegten Konditionen abkaufen.

Degen und Burgener haben sich zu den entsprechenden Gerüchten nie geäussert.