Zum Hauptinhalt springen

Krise im St.-Jakob-ParkDer FCB braucht einen neuen Präsidenten

Zämme schwach. Bernhard Burgener hat seine Glaubwürdigkeit verspielt. Es ist Zeit für einen Neuanfang.

Mister Unsichtbar: FCB-Präsident Bernhard Burgener in seinem Büro in Pratteln. Foto: Florian Bärtschiger
Mister Unsichtbar: FCB-Präsident Bernhard Burgener in seinem Büro in Pratteln. Foto: Florian Bärtschiger

Bei Bernhard Heusler wäre es so gelaufen: Der Präsident hätte sich mit seinen fünf wichtigsten Spielern verabredet. Und ihnen bei einer Tasse Kaffee erklärt: «Lieber Valentin, lieber Fabian, lieber Taulant, lieber Jonas und lieber Silvan, die Corona-Krise hat uns in einen finanziellen Engpass getrieben. Die Geschäftsleitung, die ganze Clubspitze sowie der Trainerstab verzichten ab sofort auf 30 Prozent Lohn, und wir wären froh, wenn ihr Spieler auf 20 Prozent verzichtet.» Das Thema wäre in einer halben Stunde besprochen und das Zeichen gegen aussen klar gewesen: Alle für einen, einer für alle. Zämme stark.

Bei Bernhard Burgener läuft es so: Die wichtigsten Spieler überlegen sich, was sie tun könnten. Die Geschäftsleitung überlegt sich, was sich wohl die Spieler überlegen könnten. Erste Gerüchte machen die Runde, Journalisten spitzen die Ohren. Es kommt eine Clubmitteilung, die die Spieler als Geldsäcke diffamiert. Der Präsident spricht, wenn überhaupt, nur mit seinen Adlaten im Umfeld, der Cheftrainer verzieht sich in die Bündner Berge, der CEO erzählt auf dem Basler Lokalsender irgendetwas von «zämme stark», die enttäuschten Spieler äussern sich auf Instagram, die Presse zerreisst den FC Basel einmal mehr in der Luft, ehe dann endlich, zwei Wochen später, eine Einigung verkündet wird.

Klima des Misstrauens

Das Thema Lohnkürzungen beim FC Basel im Frühling 2020: nichts weiter als eine Blaupause jener Probleme, die sich immer und immer wiederholen, seit Bernhard Burgener im Frühling 2017 den Stab von Bernhard Heusler übernommen hat. Der aktuelle Mehrheitsaktionär ist nicht in der Lage, mit einer klaren Strategie, begleitet von einer vernünftigen Kommunikation, den Club zu führen. Schlimmer noch: Er hat ein Klima des Misstrauens geschaffen, das sich wie zäher Nebel quer durch alle Abteilungen im Club verbreitet.

Noch vor knapp drei Jahren strahlte die Sonne über dem St.-Jakob-Park: Burgener, der tüchtige Geschäftsmann aus Zeiningen, stellte den FC Basel, den Stolz einer ganzen Region, auf neue Füsse. Mit dem Konzept «Für immer Rotblau» verkaufte er seine Bubenträume. Die alte Crew um Heusler, Heitz und Co. hatte sich nach acht Meistertiteln in Serie totgesiegt, nun kam frisches Blut an die Macht: Die Spielerlegenden Marco Streller, Alex Frei und Massimo Ceccaroni sollten als Verwaltungsräte Burgener auf dem Weg in die Zukunft assistieren. Doch schon bald offenbarten sich erste Risse im FCB-Gemälde. Die Inthronisierung von CEO Jean-Paul Brigger war ein Flop. Jungtrainer Raphael Wicky musste nach nur einem Jahr gehen. Alex Frei flüchtete aus seinem Amt im Verwaltungsrat, weil die Probleme, die er offen im Gremium ansprach, negiert wurden. Kultfigur Marco Streller war als Sportchef überfordert, aber vor allem in seiner Handlungsfähigkeit von Burgener eingeschränkt. Als er im Sommer 2019 auch Marcel Koller austauschen wollte, wurde er über Nacht von Burgener und Roland Heri ausgebremst. Seither ist auch Streller Geschichte. Und Massimo Ceccaroni wurde mit dem Projekt Chennai nach Indien ausgelagert.Burgener hat eine eigene Vorstellung davon, wie ein Club zu führen ist. Als Eigentümer ist das auch sein gutes Recht. Er darf Personen tauschen, Jobs schaffen, Strukturen ändern. Er ist nicht verpflichtet, der Presse jeden Tag Auskunft zu geben. Und wenn sein FC Basel in eine finanzielle Krise rutscht, muss er vom Polster, das ihm die FCB Holding AG bietet, nehmen, was er braucht solange das geht. Es ist sein Geld und seine Verantwortung. Aber Bernhard Burgener hat es verpasst, die grossen Linien bei diesem Club zu zeichnen. Er hat bei praktisch jeder wichtigen Personalentscheidung danebengegriffen, zuletzt, als er Roland Heri auf den Schild des CEO hob.

Burgener hat seine wichtigsten Angestellten nicht gestärkt, sondern ihnen das Vertrauen entzogen, weil ihm schlicht die Empathie abgeht. «Zämme stark» ist bei ihm eine Phrase, er bevorzugt eher Alleingänge. Und dann die Finanzen: Wer in nur zweieinhalb Jahren geschätzt 35 Millionen Franken Erspartes verbrennt, hat etwas falsch gemacht. Immer und immer wieder beklagte sich Burgener darüber, dass der FCB-Apparat zu aufgebläht und zu teuer sei, und hatte nur Sparen als Gegenmittel gesehen. Es ist derselbe Apparat, der zuvor unter weitsichtiger Führung mit klugen Investments und maximalem Einsatz der Verantwortlichen zuverlässig Gewinne abwarf. Burgeners Vorgänger Bernhard Heusler, Gigi Oeri, Werner Edelmann oder René C. Jäggi hatten auch ihre Macken und Fehler. Aber sie spürten, wenn es der FCB-Familie nicht gut ging, und handelten entsprechend. Edelmann zum Beispiel stellte sein Ego hintenan und machte Gigi Oeri Platz, damit sich die Mäzenin entfalten konnte. Alle merkten instinktiv, wann die Zeit gekommen war, um Veränderungen anzupacken oder selbst zu gehen. Weil sie wussten, dass es für den Club das Beste war.

Das Image der Ich-AG

Burgener scheint aus seinen Fehlern nichts zu lernen. Wie war das nach dem Trainertheater um Marcel Koller im Juni 2019, als sich die ganze Fussball-Schweiz über die Basler lustig gemacht hatte? «Wir müssen unsere vereinsinterne Kommunikation verbessern», hatte Burgener versprochen. Alles nur Phrasen, zumal er damit primär gemeint haben dürfte, dass er dafür sorgen wolle, dass keine Interna nach aussen dringen. Das Image der Ich-AG, die vor allem eine prosperierende Buchhaltung im Auge hat, konnte der 62-Jährige bis heute nicht abstreifen. Burgener mag etwas von Business verstehen. Aber er versteht definitiv nichts von den Eigenheiten, die das Fussballgeschäft täglich abverlangt.

Das zeigt sich auch beim Trainer. Es wäre doch so einfach für Marcel Koller, in der Corona-Krise ein Zeichen zu setzen. Der Zürcher könnte mit ein paar Spielern in einer gemeinnützigen Organisation Hilfe leisten. Er könnte in Basel präsent sein und zeigen, dass er da ist. Kleine Gesten. Stattdessen verbringt Koller Zeit in den Bergen, als ginge ihn die Krise des FC Basel nichts an. Ob er wohl schon weiss, dass er im Sommer mit grösster Wahrscheinlichkeit gehen muss? Das Hin und Her mit dem Zürcher ist unwürdig. Koller ist ein Trainer alter Schule, aber vor allem ist er für Burgener viel zu teuer. Dass mit Alex Frei ein Talent aus der eigenen U-18 bereitsteht, welches noch vor kurzem enttäuscht aus Burgeners Verwaltungsrat flüchtete, ist die hübsche Pointe dieser Trainerposse. Es ist Zeit für einen Neuanfang. Der FCB braucht einen neuen Präsidenten. Einen, der ein griffiges Konzept hat für eine Zukunft, die dem Fussball in der Post-Corona-Zeit alles abverlangen wird. Einen Präsidenten, der Vertrauen nicht vorgaukelt, sondern vorlebt. Einen Macher, dem es gelingt, neue Geldgeber ins Boot zu holen und eine neue Aufbruchstimmung zu erzeugen. Es ist zu viel kaputtgegangen beim grössten und erfolgreichsten Schweizer Fussballclub der letzten Jahre.

Der FCB braucht einen Präsidenten, der Vertrauen nicht vorgaukelt, sondern vorlebt.

Hören Sie unseren Fussball-Podcast «Dritte Halbzeit»

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

79 Kommentare
    Roland Thüring

    Es gibt einen guten Satz, "der Kopf fängt immer oben an zu stinken" und auch in diesem Fall. Ich sehe das Projekt von 2017 "zämme stark" zu 100% als gescheitert. Angefangen in der Personalie Brigger im Vorstand und VR hinunter in die Mannschaft. Ein Fussballclub führen wie in der Wirtschaft, ja aber auch immer mit einer vorwärts Strategie, d.h. immer investieren und dies war 2017 möglich, ich frage mich nur wo hin sind die Millionen geflossen. Im übrigen Herr Marcel Rohr zu kritisieren fände ich falsch, denn auch zu beginn, haben andere Baz Journalisten, den FCB hinterfragt. Sorry es reicht nicht, das Finanzwesen zu kennen und das Gefühl haben, man könne es im Fussball anwenden wie in der Wirtschaft. Auch dass man in der Juniorenabteilung im Trainerstab einen kahl Schlag vornimmt, ist für mich zu hinterfragen, den wir haben eines der besten Trainerausbildungsprogramme auf der Welt, sogar der DFB nimmt die Schweiz als Vorbild und so schlecht können diese Juniorentrainer nicht ausgebildet sein, wenn man auf die Erfolge schaut, zwar in der Vergangenheit. Aber auch hier habe ich das Gefühl, diese Änderung wurde im 2017 eingeleitet. Wir FCB Mitglieder haben die Möglichkeit das zu ändern, was den Vorstand und VR angeht, also kommt an die GV 2020, sollte diese stattfinden.