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Tim Krohn im Münstertal Der Erfolgsautor, der Häuser renoviert und eine Pension betreibt

Der Schriftsteller ist auch ein ungewöhnlicher Unternehmer: Leser können sich über Crowdfunding in seine Bücher einkaufen. Das Geld steckt Tim Krohn in die Sanierung historischer Häuser. Wie schafft er das alles?

Ganz in seinem Element an diesem etwas aus der Zeit gefallenen Ort in Graubünden: Der Schriftsteller Tim Krohn lebt seit sechs Jahren im Münstertal.
Ganz in seinem Element an diesem etwas aus der Zeit gefallenen Ort in Graubünden: Der Schriftsteller Tim Krohn lebt seit sechs Jahren im Münstertal.
Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Tim Krohn ist im Hauptberuf Schriftsteller, und zwar ein sehr produktiver. Seit letztem Herbst hat er vier Bücher herausgebracht, zuletzt den Krimi «Engadiner Hochjagd» und «Die heilige Henni der Hinterhöfe», eine Geschichte über eine Halbjüdin im Berlin der Zwanziger- und Dreissigerjahre. Doch eigentlich ist es ein Wunder, dass Krohn überhaupt noch zum Schreiben kommt, denn die Liste seiner Tätigkeiten ist lang.

Der 55-Jährige betreibt mit seiner Frau Micha Friemel auch eine Pension im Bündner Münstertal, er ist Handwerker und Hobby-Restaurator, Gründer des lokalen Kunstvereins und Organisator von Ausstellungen, er war bis vor kurzem beim Zürcher Taschenhersteller Freitag engagiert, und er kümmert sich mit seiner Frau nicht nur um die vier Kinder im Alter zwischen neun Monaten und sieben Jahren, sondern auch um seine betagte Mutter, die im gleichen Haus lebt.

Raus aus der Stadt

Er arbeite viel besser, seit er nicht mehr im Zürcher Kreis 5, sondern hier im Bergtal in Graubünden lebe, sagt Krohn, der in Nordrhein-Westfalen geboren und in Glarus aufgewachsen ist. Die Natur, die Ruhe, die alten Häuser, das alles gebe ihm sehr viel Energie. Dass das Schriftstellerpaar vor sechs Jahren im Münstertal gelandet ist, war eine Laune des Zufalls; über eine Anzeige haben die beiden das alte Bauernhaus in Santa Maria gefunden und sich augenblicklich in die riesige Gewölbeküche verliebt.

Andere hätten sich durch die hohen Kosten und die anstehenden Renovationsarbeiten abschrecken lassen, Krohn dagegen wurde erfinderisch und lotete neue Geschäftsmodelle aus. So startete er 2016 das Langzeitprojekt «Menschliche Regungen», eine Art Enzyklopädie menschlicher Gefühle und Charakterzüge. Über eine Crowdfunding-Plattform lud er seine Leserschaft ein, Begriffe aus einer Liste auszuwählen und mit drei eigenen Stichworten zu ergänzen – Krohn verwob die gewählten Themen dann zu einer Handlung. So konnten sich die Leser für 250 Franken in einen Episodenroman einkaufen, wer 750 Franken zahlte, erhielt zusätzlich eine persönliche Lesung.

Kollegen lästern

Dank Crowdfunding waren so rasch über 40000 Franken zusammengekommen, noch bevor das erste Buch über den Ladentisch ging. Zwar lästerten manche Kollegen, Krohn sei vom Schriftsteller zum Kunstgewerbler mutiert, der für Geld alles mache. Doch dieser liess sich nicht beirren und stürzte sich bald ins nächste Abenteuer.

Er erfuhr, dass die Chasa Parli, ein leer stehendes Haus weiter vorne im Dorf, zum Verkauf stand. Nach der Besichtigung des 400-jährigen Gebäudes wusste das Schriftstellerehepaar, dass es hier eine Pension einrichten wollte. Auf Lesereisen sammelte Krohn fast 300000 Franken für das Projekt, und als der Verleger Daniel Kampa ihn fragte, ob er für seinen neu gegründeten Verlag Krimis schreiben möchte, sagte Krohn zu unter der Bedingung, dass er das Honorar im Voraus bekam, und zwar gleich für drei Bücher. Seit zwei Jahren sind die acht Zimmer in der Chasa Parli gut besucht – nicht nur Schriftstellerinnen und andere Kunstschaffende sind zu Gast, sondern unterschiedlichste Menschen, die sich eine Auszeit gönnen, Workshops anbieten, in Ruhe arbeiten oder ihr Leben überdenken wollen.

«Executive Vice Pleasident for Global Happiness»

Weil das Schriftstellerpaar noch viel vorhat mit dem alten Haus – etwa die Einrichtung eines Cafés im Garten –, braucht es zusätzliche Mittel. So amtete Krohn beim Taschenhersteller Freitag bis im April für ein Jahr im Mandat als «Executive Vice Pleasident for Global Happiness». Die Freitag-Brüder hatten darauf verzichtet, das 25-Jahr-Jubiläum ihrer Firma mit einem rauschenden Fest zu feiern, und stattdessen zwei Externe beauftragt, auf ihre Kosten etwas mehr Glück in die Welt zu bringen. Krohn kam dieser Aufgabe nach, indem er zwölf Kunstschaffende einlud, einen Monat in der Chasa Parli zu verbringen. So entstanden zahlreiche Überraschungen für künftige Freitag-Kunden, Glücksmuscheln, handgeschriebene Gedichte oder pointierte Lebensweisheiten, die in neuen Taschen versteckt darauf warten, Kunden zu überraschen.

Krohn möchte die Abwechslung nicht mehr missen, zu viel Zeit zum Nachdenken könne auch lähmen, findet er. Zudem liebe er es, werthaltigen Dingen ein zweites Leben zu schenken. Fragt man ihn nach dem gemeinsamen Nenner all seiner Aktivitäten, so antwortet Krohn, er wolle in erster Linie dafür sorgen, dass das Münstertal aufgewertet werde. Im Engadin und in Tirol sei zu sehen, was passiere, wenn sich Täler dem Massentourismus verschrieben und ihre Seele verkauften. Hier in der Münstertaler Biosfera hingegen sei sie noch zu finden, die pure Schönheit und wohltuende Reizarmut.

Krohn mag den Kontrast zwischen dieser Urtümlichkeit und der modernen Kunst, die er dank seinen Beziehungen und der eigenen Pension ins Münstertal holen kann. Er ist bestens vernetzt im Dorf, wirkt politisch geschickt darauf hin, dass in die Lebensqualität im Naturpark statt in Schneekanonen investiert wird. Dieses Multitalent, dem die Eltern früher immer damit gedroht haben, wenn er so weiterfahre, komme er in ein Kinderheim für Schwererziehbare, ist an diesem etwas aus der Zeit gefallenen Ort ganz in seinem Element.

3 Kommentare
    Ralf Schrader

    'Leser können sich über Crowdfunding in seine Bücher einkaufen.'

    Grund genug ihn nicht zu lesen. Jede Verknüpfung zwischen Kultur und Geld muss im Keim erstickt sein.