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Da war mal wasDer Doppelgänger vom Val Veddasca

Mitunter kann die Ähnlichkeit von Menschen schon verblüffend sein.

Der italienische Journalist und Schriftsteller Tiziano Terzani (1938–2004).
Der italienische Journalist und Schriftsteller Tiziano Terzani (1938–2004).
Foto: zvg

Jeder Mensch auf dieser Welt habe irgendwo einen Doppelgänger, lautet eine gängige Volksmeinung. Obs stimmt, weiss ich nicht. Dass sich Menschen aber, auch wenn sie keinerlei Verbindungen miteinander aufweisen, zum Verwechseln ähnlich sein können, habe ich immer wieder erlebt. Zum letzten Mal in meinem Feriendomizil im Val Veddasca. Dort lebt Luigi B., Waldbauer und Holzhacker, ein Bär von einem Mann mit Rauschebart und langen Haaren und den gütigsten Augen, die man sich vorstellen kann.

Wer Luigi begegnet, glaubt, den italienischen Schriftsteller und Journalisten Tiziano Terzani vor sich zu haben. Das ist jedoch allein schon deshalb nicht möglich, weil Tiziano Terzani 2004 im Alter von knapp 66 Jahren verstorben ist. Der Florentiner mit dem unverkennbaren Charakterkopf war viele Jahre Asien-Korrespondent des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel». Und er war eine so unerschrockene wie unbestechliche Figur – gegenüber dem kommunistischen China ebenso kritisch eingestellt wie gegenüber dem kapitalistischen Japan. Als er 2004 einem Krebsleiden erlag, hinterliess er – was heutzutage selten vorkommt – ein ebenso grosses journalistisches wie literarisches Werk.

Kein Mann des Wortes

Doch zurück ins Val Veddasca und zu Luigi B. Er ist nebst allen äusserlichen Ähnlichkeiten ebenso unerschrocken und unbestechlich wie sein Doppelgänger Tiziano. Ein Mann des Wortes ist er allerdings nicht. Luigi sagt nicht viel, trinkt wortkarg seinen Rotwein, ohne dabei unfreundlich zu wirken. Wenn ihm aber in einer Bar oder einem der «Circoli» genannten kleinen Restaurants im Val Veddasca zu viel geredet wird, kann ihm schon mal eine Bemerkung entfahren wie «tante parole per niente», oder er verlässt vorübergehend den Raum, um seinen Roten in Ruhe «fuori» zu geniessen.

Und wie seinerzeit Tiziano Terzani lässt sich auch Luigi B. von niemandem etwas vorschreiben. So habe er sich, wie man im Veddasca erzählt, vor einiger Zeit in Spitalpflege begeben müssen. Spitalleben und ärztliche Anordnungen aber waren nichts für ihn. Weisse Kittel und Luigi passten nicht zusammen. Und so verliess der unerschrockene Bergler eben auf eigene Faust das Provinzspital wieder. Man kann sich gut vorstellen, dass er auch dabei nicht viele Worte verloren hat.

Bisher schien die Flucht aus dem Provinzspital auch folgenlos geblieben zu sein. Luigi B. trank jedenfalls auch diesen Herbst wieder seinen Roten im Circolo.

1 Kommentar
    Babette Schwarz

    Herzlichen Dank Herr Gubler für Ihren berührenden Bericht.

    Wirkt (für mich) wie Balsam auf die Wunde des weltweiten Corona-Theaters!