Zum Hauptinhalt springen

Entdeckt: Die KinderautobahnDer Disco-König aus den Langen Erlen

Heinz P. Müller schaut auf ein schillerndes Leben zurück. Generationen von Baslern kennen ihn aber vor allem als Betreiber der Kinderautobahn in den Langen Erlen.

Seit fast 50 Jahren flitzen Kinder auf Elektroautos an Heinz P. Müller vorbei.
Seit fast 50 Jahren flitzen Kinder auf Elektroautos an Heinz P. Müller vorbei.
Foto: Kostas Maros 

Aus einer Box spielt laute Disco-Musik aus den 1970er-Jahren. Ein Ami-Schlitten, ein blitzblanker Monte Carlo Baujahr 79, röhrt. Am Steuer ein ausgewählt gekleideter Herr, der alle Blicke auf sich zieht. Nur die Umgebung, in der sich diese Szene abspielt, fällt etwas aus dem Rahmen. Passen würde das im Disco-verrückten New York der späten 1970er-Jahre. Doch wir befinden uns in Basel. Genauer in den Langen Erlen.

Der Mann am Steuer ist Heinz P. Müller. Er betreibt die Kinderautobahn neben dem Tierpark. Bereits drei Generationen von Baslern haben hier ihren Zweifränkler in eines der batteriebetriebenen Autos gesteckt und sind in Heinz P. Müllers kleinem Verkehrsgarten herumgefahren. Der stylische Auftritt des 82-Jährigen kommt jedoch nicht von ungefähr. Er ist das Überbleibsel eines bewegten, schillernden Lebens.

Sein makelloser Stil sei ihm angeboren, sagt Müller: «Ich kann ja nicht rumlaufen wie ein Clochard.»
Sein makelloser Stil sei ihm angeboren, sagt Müller: «Ich kann ja nicht rumlaufen wie ein Clochard.»
Foto: Kostas Maros 

Die Disco-Musik aus den Boxen beim Verkehrsgärtchen wird leiser. Der amerikanische Moderator Emperor Rosko des Radiosenders The Mighty KBC meldet sich zu Wort. Diese spezielle Sendung sei für Heinz, «Basels answer to Hugh Hefner», also für die Basler Antwort auf den «Playboy»-Gründer. Heinz P. Müller hat mehrere CDs der Show. Sie war ein Geschenk seines Sohnes zum 77. Geburtstag. Zu hören sind alles Disco-Hits aus dem Jahre 1977, jenem Jahr, in dem die Disco-Welle durch den Film «Saturday Night Fever» noch mehr Schub erhielt und auch Heinz P. Müller mit dem Happy Life in Hornussen bei Frick seinen eigenen Nightclub eröffnete. Emperor Rosko trat dort auf seiner DJ-Tournee auf. Doch was sollte die «Playboy»-Anspielung? «Wahrscheinlich wegen der Fräuleins», meint Müller und winkt ab.

Heinz P. Müller wuchs auf dem Bruderholz auf. Er habe in Basel «jede Privatschule besucht, die es gibt», weil er immer wieder rausgeworfen wurde. «Mit 18 habe ich sofort ein Geschäft aufgemacht, einen Getränkehandel.» Er belieferte auch Gusti Berner, den damaligen Erlenpark-Wirt, der zu jener Zeit die Kinderautobahn betrieb. Von ihm übernahm er 1972 das Geschäft: «Es hat mir einfach gefallen. Immer an der frischen Luft zu sein, gesund zu bleibenes ist etwas ganz anderes, als die ganze Nacht mit Tänzerinnen in Nightclubs zu trinken.»

Und er hat ein Herz für Kinder. Neben der Autobahn steht ein Tischlein mit Spielsachen, damit sie sich nicht langweilen, falls sie warten müssen. «Kennst du den Osterhasen?», fragt er ein Mädchen, das gerade von einem der Autos steigt und an der Hand ihres Vaters bei ihm vorbeigeht. «Der hat etwas für dich dagelassen», sagt er und drückt dem Kind ein Schokoladenei in die Hand.

Zuvor war die Kleine in vollem Karacho in ein Verkehrsschild gefahren. Passiert ist, dank einem Schutzreifen um das Signal, nichts: «Unsere Haftpflichtversicherung ist unbelastet. Wir hatten noch nie einen richtigen Unfall», sagt Müller stolz.

Langweilig werde es ihm hier nie. «Ich schneide Pflanzen oder mache kleine Reparaturen an den Autos.» Auch während des Treffens mit der BaZ kann er kaum eine Minute ruhig sitzen.

Kleine Reparaturen nimmt Müller in seiner Werkstatt, die neben der Kinderautobahn steht, selber vor. Auch die Batterien werden hier geladen.
Kleine Reparaturen nimmt Müller in seiner Werkstatt, die neben der Kinderautobahn steht, selber vor. Auch die Batterien werden hier geladen.
Foto: Kostas Maros 

Auch neben der Kinderautobahn lief und läuft in seinem Leben immer irgendetwas. Er gründete nicht nur den Nachtclub Happy Life, er pflanzte auch Eukalyptus in Afrika an und hat den Pilotenschein gemacht. («Ein eigenes Flugzeug konnte ich mir nicht leisten. Dafür sind zu wenige Leute in die Langen Erlen gekommen.» (lacht)) Er erzählt von seiner damaligen französischen Freundin, die Showgirl und Sängerin war und mit den Beatles auf Tournee gewesen sei. Er zieht eine alte Pressemappe hervor: «Ich wollte mit ihr auch eine Platte produzieren, wurde aber aus dem Studio geworfen

Seine jetzige Freundin lebe auf den Bahamas, erzählt Heinz P. Müller. Dort verbringe er normalerweise auch den Winter: «Sie war Feuerkünstlerin und hatte als Artistin beim allerersten Bondfilm einen kurzen AuftrittMit ihr sei er momentan daran, einen Nachtclub auf den Bahamas aufzubauen, allerdings gehe es nicht so richtig vorwärts.

Es hat geregnet. Deshalb sind nicht viele Spaziergänger in den Langen Erlen. Ein Paar läuft vorbei. «Kommen Sie, bis 185 Kilo dürfen Sie fahren», ruft er lachend. Nie habe er 1972 als 34-Jähriger damit gerechnet, ein halbes Jahrhundert später immer noch hier zu stehen. Und obwohl er mittlerweile 82 Jahre alt ist, denkt er noch nicht ans Aufhören: «Mit 99 Jahren lass ich mich pensionieren. Das hier hält mich frisch und jung. Andere sind in diesem Alter mit Rollatoren unterwegs – das ist nichts für mich.» Er, der auf der ganzen Welt herumjettete, bereue es kein bisschen, hier alt zu werden: «Das hier ist doch auch schön», sagt er, zeigt auf das Grün, das ihn umgibt, und fügt an: «Sogar noch schöner.»

Lieber Elektroauto als Rollator – Heinz P. Müller denkt nicht ans Aufhören.
Lieber Elektroauto als Rollator – Heinz P. Müller denkt nicht ans Aufhören.
Foto: Kostas Maros 

Die Kinderautobahn in den Langen Erlen ist an Wochentagen ab 13 Uhr und am Wochenende und an Feiertagen ab 10 Uhr in Betrieb – ausser es regnet. Dann dürfen die Batterie-betriebenen Autos nicht fahren.