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Leitartikel zum NetzausbauDer Bundesrat im Bann der 5G-Neurotiker

Der Netzausbau bringt schnelleres Internet, ohne den Elektrosmog zu vergrössern. Der Widerstand gegen neue Antennen bleibt dennoch gross – und der Bundesrat druckst herum.

Demonstration der Gegner des Ausbaus des 5G-Netzes in Bern.
Demonstration der Gegner des Ausbaus des 5G-Netzes in Bern.
Archivfoto: Susanne Keller

Die Schweiz ist in mehrerlei Hinsicht eine Musterschülerin. So hat sie sich zum Beispiel dem Kampf gegen Elektrosmog verschrieben. Bedenken, dass Handystrahlen die Gesundheit gefährden könnten, nimmt der Bundesrat ernst. Die Regierung orientiert sich denn auch nicht nur am international gebräuchlichen Grenzwert für elektromagnetische Strahlung. Nein, sie hat für Orte, an denen sich viele Leute aufhalten, einen besonders strengen Wert festgelegt: Der sogenannte Vorsorgegrenzwert liegt zehnmal tiefer als der sonst übliche. Dass die ambitionierte Regel tatsächlich mehr Sicherheit bezüglich Strahlenschutz bringt, ist nicht erwiesen. Man will einfach vorsichtig sein.

Die Schweiz gilt aber auch als Vorreiterin in der 5G-Technologie. Der Mobilfunkstandard der fünften Generation, der ultraschnelles Internet ermöglicht, ist im europäischen Vergleich weit fortgeschritten. Anfang 2019 wurden die Mobilfunkfrequenzen für 5G an Swisscom, Sunrise und Salt versteigert. Die drei Telecomkonzerne entrichteten dafür 380 Millionen Franken an den Bund.

Widersprüchliche Ziele

Das Problem ist: Das Vorsichtsprinzip und die 5G-Ambitionen des Bundesrats vertragen sich schlecht. Der neue Mobilfunkstandard führt zwar nicht zwangsläufig zu mehr Elektrosmog, doch wegen des fixen Vorsorgegrenzwerts hierzulande lässt sich nicht das ganze Potenzial der Technik ausschöpfen.

Zudem stösst der Bau weiterer 5G-Antennen auf erbitterten Widerstand in Teilen der Bevölkerung. In den letzten Monaten haben sich – um Beispiele aus der Region zu nennen – Menschen in Binningen, Münchenstein und Arlesheim zu Hunderten organisiert, um gegen geplante 5G-Anlagen zu kämpfen.

Der Widerstand gegen 5G erstaunt umso mehr, als die Technik im Grunde eine Fortentwicklung des bisher Bekannten darstellt.

Aber nicht nur Bürger sind skeptisch, sondern auch in gewissen kantonalen Amtsstuben lässt man sich sehr viel Zeit mit der Bewilligung von Antennen. Der Schweizer Telecom-Aufseher Stephan Netzle hat sich deshalb im Sommer voller Sorge an den Bundesrat gewandt. «Unsere kürzliche Konsultation der Mobilfunkbetreiberinnen hat ergeben, dass in den letzten 12 Monaten weniger als 10 Prozent von über 1200 Gesuchen zum Auf- und Ausbau von Mobilfunkantennen behandelt und bewilligt worden sind», schrieb er in einem Brief. Und dann sind da noch Kantone wie Genf und Waadt, die einen Baustopp für 5G verhängt haben, obwohl dies gar nicht in ihrer Kompetenz liegt; der Entscheid ist verfassungswidrig.

Der Widerstand gegen 5G erstaunt umso mehr, als die Technik im Grunde eine Fortentwicklung des bisher Bekannten darstellt. Klar, es sind neue, leicht höhere Frequenzen von 3,5 Gigahertz zu den bisherigen Frequenzbändern hinzugekommen. Die neuen Frequenzen wurden früher aber bereits in anderen Bereichen eingesetzt – und mit ähnlichen Frequenzbereichen (2,4 und 5 Gigahertz) arbeitet auch das Modem zu Hause.

Dank der neuen Frequenzbänder lassen sich deutlich mehr Daten übermitteln als bisher – und dies auf schnellere und sicherere Weise. Die 3,8 Gigahertz haben indes ein Manko: Ihre Reichweite ist kleiner als jene von tiefen Frequenzen. Deshalb sind zusätzliche Sendestationen nötig: Neben leistungsstarken Antennen sind für die Feinabdeckung auch viele kleinere Anlagen nötig. Sie kommen vor allem in Innenstädten und an anderen stark frequentierten Orten zum Einsatz, weil hier viele Menschen gleichzeitig mit Internet versorgt werden wollen. 5G-Gegner sprechen in dem Kontext oft von einem «Antennenwald» und befürchten, dass dieser zu einem Elektrosmog bis in die hintersten Gassen und Winkel führen wird.

Die Annahme ist insofern irreführend, als die Nähe zwischen Antennen und Handynutzer die Strahlenbelastung tendenziell reduziert: Wegen der kurzen Distanz ist weniger Energie nötig, um das Signal zum Empfänger zu bringen.

Kommt hinzu, dass ältere Antennen – bildlich gesprochen – nach dem Giesskannenprinzip funktionieren: Die Strahlen gehen gleichförmig seitlich ab. Im Vergleich dazu zeichnet sich 5G durch adaptive Antennen aus: Dank diesen lassen sich Mobilfunkstrahlen wie Scheinwerfer auf die einzelnen Handynutzer richten. Durch die Konzentration des Funksignals sind die Anwender, während sie im Internet surfen, allenfalls höherer Strahlung ausgesetzt als bei heutigen Antennen. Dafür strahlen die 5G-Antennen nur dann und dorthin, wo sie auch gebraucht werden. Die durchschnittliche Strahlenbelastung nimmt also nicht zwangsläufig zu.

Flexibilität gefordert

Wenn Swisscom, Sunrise und Salt nun eine Änderung des Vorsorgegrenzwerts fordern, so geschieht dies nicht zuletzt mit Blick auf die adaptiven Antennen: Diese können punktuell zu einer höheren Strahlenbelastung führen, doch im Ganzen ergäbe sich wohl ein Nullsummenspiel. Der international gebräuchliche Immissionsgrenzwert liesse sich problemlos einhalten.

Was die Eigenschaften von Mobilfunkstrahlen und ihren Einfluss auf den menschlichen Körper angeht: Diese sind noch immer Gegenstand der Forschung und werden unter Wissenschaftlern zum Teil äusserst kontrovers diskutiert. Nicht zuletzt deshalb hat sich die Schweiz fürs Vorsorgeprinzip entschieden und strengere Grenzwerte erlassen als viele europäische Nachbarn.

Sollte es der Regierung mit ihrem Prinzip ernst sein, so sollte sie das Augenmerk aber wohl eher auf das private Konsumverhalten richten als auf 5G-Antennen: Die weitaus grösste Strahlenbelastung geht für den Einzelnen nämlich noch immer vom eigenen Handy aus – und nicht etwa von umliegenden Antennen.

Und was macht der Bundesrat? Er hat letzten Frühling entschieden, keine Entscheidung zum Grenzwert zu fällen. Dieser werde auf dem rekordverdächtig tiefen Niveau belassen, man wolle weitere Studien abwarten. Für Swisscom und Co. heisst dies: Sie bleiben auf halb fertigen 5G-Netzen und ihren millionenteuren Frequenzen sitzen. Aus der Schweiz, der Musterschülerin, wird ein Land der Blockade und der Widersprüche. Immerhin: Die Regierung hat im August signalisiert, Lösungen für adaptive Antennen suchen zu wollen, ohne jedoch Lockerungen bei den Vorschriften in Aussicht zu stellen.