Der Barde unter den Bossen

Wie Gregorio Bellocco, ein Mafiaboss aus dem kalabrischen Rosarno, seine eigenen Tugenden auf der Flucht besingt.

Von Oliver Meiler Immer wieder überrascht uns die Unterwelt, die italienische besonders, mit Talenten und Ambitionen, derer man sie nicht verdächtigt. Oder mit spirituellen Pulsierungen, die nachgerade romantisch wirken, wenn man um die krude Skrupellosigkeit der Mafiosi im Umgang mit dem Nächsten weiss. Zum Beispiel der Kalabrier Gregorio Bellocco (62), Boss aus Rosarno, im Gefängnis seit fünf Jahren. Er beschreibt sich selber als harten Hund, der allen Tugenden seines Standes nachlebt. Und er beschreibt sich gerne, ja er besingt sich in wahren Hymnen, wie nun bekannt wurde, beseelt von dichterischer Verve. Die italienischen Medien nennen ihn schon den «Boss Cantautore», den Liedermacher unter den Bossen. Auf dem Schwarzmarkt gibt es CDs mit seinen Werken, die wohl zu seiner Heroisierung beitragen sollen. Einige sind auch auf Youtube zu hören und klingen wie neapolitanische Schnulzen. Hier ein paar Verse aus «Nu cane fedele» («Ein treuer Hund») – ein Hohelied auf sich selbst auf der Flucht und ein gleichzeitiges Verdammnis aller Verräter, die das Schweigegesetz brechen: «Ich sollte es wie die Alten tun / Die Zunge sollte ich ihnen abschneiden, diesen Schweinehunden / Doch bin ich doch einer, der an Gott glaubt / Niemandem will ich wehtun / Nur strapazieren sollte man meine Geduld nicht / Trachtet danach, euch um euren eigenen Kram zu kümmern / Wenn ihr Frieden wollt / Verratet mich nicht, wenn ihr mich seht.» Neu ist das Material nicht, dem grossen Publikum erschliesst es sich aber erst jetzt. Gregorio Bellocco stand lange der Filiale der ’Ndrangheta von Rosarno vor, einer Kleinstadt ganz unten an der Stiefelspitze, die unlängst wegen des Aufstands zugewanderter Plantagenarbeiter weltweit Schlagzeilen machte. Sein Clan war da massgeblich beteiligt, schürte den Hass gegen die Ausländer, organisierte die Hatz. Gut möglich, dass die Aktion ferngesteuert oder zumindest inspiriert war vom Boss im Knast, der in seinem Repertoire auch recht rassistische Stücke führt. Nun hat die Polizei am Dienstag in einer weiteren spektakulären Operation gegen die ’Ndrangheta das Netzwerk jener ausgehoben, die Bellocco während vieler Jahre geholfen haben, sich vor seinen Jägern zu verstecken: ein Dutzend kleinere Fische, sogenannte picciotti, die sich von der selbstlosen Aufopferung eine Beförderung erhofften. Und die Polizei hob Verstecke aus: 14 unterirdische Bunker, umfunktionierte Ställe – ein System von Fluchtwegen und Unterkünften. Der Erfolg der Operation erklärt sich nicht unwesentlich aus der poetischen Ader des singenden Bosses, der in seinen Liedern Details seiner Flucht preisgab, als wollte er die Polizei damit necken. Einmal gelang es Bellocco, einer Razzia zu entkommen. Daraus entstand «Circondatu», kalabrisch für umzingelt: «Ich bereite mich für die Jagd vor / Da sehe ich, wie ein Mann aus dem Garten flieht / Ich folge ihm mit dem Blick / Da höre ich den Ruf: Halt, Polizei! / Ich fühle mich verloren und umzingelt / Werfe mich in den Fluss / Der Strom ist so stark, dass ich fast ertrinke / Er zerrt mich mit, als wäre ich tot.» Viel Drama, viele krumme Reime sind da drin, in der kargen Kunst des Barden unter den Bossen. Vielleicht schafft er es in die Charts. Kategorie Underground. Ausgesungen: Gregorio Belloccowird verhaftet. Foto: AP, Keystone

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt