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TV-Gespräche in Corona-ZeitenDer Actionstar von «Schweiz aktuell»

Das Abstandsinterview treibt den Fernsehjournalismus in neue Höhen: «Schweiz aktuell» macht schon zeitgemäss choreografiertes Thrillerkino.

Die Reportage vom Circle am Flughafen Zürich.
Video: SRF

Die Kamera schwenkt um von der Reporterin auf den Projektleiter, er sieht den Angriff kommen und lockert wie auf Knopfdruck die Schultern, jetzt beginnt die fight scene im Rohbau des neuen Zentrums Circle mit Aussicht auf den nächtlichen Zürcher Flughafen: energische Gesten, dynamische Kamera, Flutlicht und Skyscraper-Kulisse.

Hinter dem Beitrag «Mehr leerstehende Büros wegen Home Office» in der Sendung «Schweiz aktuell» vom Donnerstag verbirgt sich eine veritable Action-Plansequenz, einfach ohne Schiesserei. Die Kamera bewegt sich in einer einzigen Einstellung und mit viel Energie auf die Figuren zu, die Intensität ist allgemein hoch, es handelt sich nämlich um eine Liveschaltung: Reporterin Catherine Thommen, Circle-Projektleiter Beat Pahud und Immobilienmanagement-Dozent Christian Kraft reden über Bürokomplexe und Leerstand, während sie untereinander genau jenen Abstand einhalten, den es braucht, um dem Gegenüber eine Pistole vorzuhalten.

Im Actionkino nennt man das ein «Standoff», berühmt wurde zum Beispiel die Szene in «Reservoir Dogs» von Quentin Tarantino, wo sich die Figuren alle gegenseitig eine Waffe vorhalten, sodass erst mal gar nichts passiert.

Foto: PD

In «Schweiz aktuell» stirbt glücklicherweise niemand, dafür haben wir hier alle Motive und Techniken des modernen Actionfilms beisammen: die ungeschnittene Einstellung, die quasi-dokumentarisch die Heftigkeit eines andauernden Kampfs simuliert; das beliebte Set des leer stehenden Hochhausstockwerks, wo globale Megacities-Architektur mit der Gefahr des Fenstersturzes verbunden wird; die grimmigen Stilmittel von Flutlichtstrahlern und nächtlichem Hintergrund, die Unmittelbarkeit erzeugen, denn hier ist der Schattenwurf des Kameramanns kein Fehler, sondern ein Beleg für den kernigen Realismus der Produktion.

Von «Skyfall» bis «Fight Club» gibt es zahlreiche Actionsequenzen auf leeren Hochhausetagen. Der James-Bond-Film von Sam Mendes macht daraus irgendetwas zwischen frenetischem Schattentheater und Apple-TV-Bildschirmschoner, der Showdown in «Fight Club» nutzt das Stockwerk als Aussichtsplattform für erzählerische Detonation; in jedem Fall geht viel Glas kaputt.

Auch die Plansequenz erfreut sich im Actionkino nach Jahren von hypernervösen Gewaltkompositionen, die nur noch aus einzelnen Wahrnehmungssplittern zu bestehen schienen, neuer Beliebtheit. Zuletzt probierte es der Netflix-Hit «Extraction» mit einer knapp 12-minütigen Kampfsequenz. Da wurde natürlich an allen möglichen Stellen getrickst, aber dafür entsteht ein Mitten-im-Gewühl-Gefühl.

Screenshot: SRF 

Gewiss, da sagt niemand den Satz «Dr Circle isch nid en Bürokomplex», aber im Grunde sind die Formen vergleichbar: Auch «Schweiz aktuell» arbeitet mit Raumtiefe und sportlicher Ausdauer, auch hier wird eine Standardsituation dynamisiert.

Generell gewinnt die ungeschnittene Einstellung wegen Corona an Auftrieb: Für sie müssen nämlich weniger Kameraleute und Techniker im Einsatz sein, und die Schauspieler geniessen es, ganze Szene durchspielen zu können. So wie Beat Pahud vom Circle, der auf sein Regie-Signal wartet – und dann Attacke.

6 Kommentare
    Karin Waser

    Dankeschön. Jetzt weiss ich, weshalb ich von dieser Sendung nur Bilder und ein irritierendes Gefühl zurückgeblieben sind.