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Folgen für berufliche VorsorgeDen Pensionskassen geht es wegen Corona deutlich schlechter

Die Corona-Krise deckt Schwächen in der beruflichen Vorsorge auf. Eine anhaltende Rezession könnte einige Pensionskassen hart treffen.

Corona beeinflusst nicht nur den Arbeitsalltag, sondern auch die berufliche Vorsorge: Mehrere Pensionskassen geraten deswegen in Unterdeckung.
Corona beeinflusst nicht nur den Arbeitsalltag, sondern auch die berufliche Vorsorge: Mehrere Pensionskassen geraten deswegen in Unterdeckung.
Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Der sogenannten zweiten Säule geht es schlecht: Gemessen am Vorsorgekapital war per Ende April ein Viertel der beruflichen Vorsorge in Unterdeckung. Das bedeutet, es waren zu wenig Mittel vorhanden, um die Renten finanzieren zu können. Zum Vergleich: Ende 2019 waren – ebenfalls kapitalgewichtet – nur 1,1 Prozent der Vorsorgeeinrichtungen in Unterdeckung. Diese Zahlen hat die Oberaufsichtskommission berufliche Vorsorge (OAK) an ihrer Jahresmedienkonferenz veröffentlicht.

Der Hauptgrund für die Verschlechterung sind Kursverluste an den Börsen – ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Kurse haben sich zwar bereits wieder etwas gefangen, doch nach wie vor schmälern Buchverluste das Vorsorgekapital erheblich. Per Ende März wären die Zahlen zur Unterdeckung noch schlechter ausgefallen. Wenn sich die Wirtschaft und damit auch die Wertschriftenkurse nun rasch wieder erholen, besteht wenig Grund zur Sorge, zumal sich die Unterdeckungen in Grenzen halten. Trotzdem rechnet die OAK schon jetzt für das laufende Jahr mit einem deutlichen Anstieg der Unterdeckungen. Eine anhaltende schwere Rezession könnte hingegen für einige Pensionskassen gravierende Folgen haben.

Zu wenig Reserven

Die Krise legt auch Schwächen offen, welche die OAK mit Zahlen unterlegt. So sind die sogenannten Wertschwankungsreserven nur zu durchschnittlich 65 Prozent geäufnet. Diese Reserven dienen als Polster, um Kursstürze an den Börsen finanziell abzufedern. Ist das Polster nicht dick genug, kann eine Pensionskasse zum Sanierungsfall werden.

Es mag erstaunen, dass viele Pensionskassen trotz zahlreichen erfreulichen Börsenjahren seit der Finanzkrise immer noch nicht genügend solche Reserven beiseitelegen konnten. Dazu haben unter anderem zwei Punkte beigetragen. Erstens haben Vorsorgeeinrichtungen aufgrund der anhaltend tiefen Zinsen die Erwartungen bei den künftigen Kapitalerträgen kontinuierlich gesenkt. Mit geringeren Erträgen wird es schwieriger, Reserven zu finanzieren. Zudem haben sie in ihren Rechnungen vermehrt die steigende Lebenserwartung berücksichtigt. Je länger eine Rente finanziert werden muss, desto weniger Geld bleibt, um Reserven zu bilden.

Bei steigender Lebenserwartung und sinkenden Zinsen müsste eigentlich auch der Umwandlungssatz runtergehen. Doch bisher sind politische Anläufe gescheitert.

Und wie die OAK feststellt, verschärft die Corona-Krise das seit Jahren ungelöste Problem mit den zu hohen Umwandlungssätzen. Mit diesem Satz wird die Rente bestimmt. Bei einem gesetzlichen Umwandlungssatz von 6,8 Prozent auf einem Vorsorgekapital von 100’000 Franken beträgt die jährlich ausbezahlte Rente also 6800 Franken. Bei steigender Lebenserwartung und sinkenden Zinsen müsste eigentlich auch der Umwandlungssatz runtergehen, da es je länger, je schwieriger wird, diesen zu finanzieren. Doch bisher sind politische Anläufe gescheitert.

Derzeit steht eine weitere umstrittene Reform an, bei der unter anderem Gewerkschaften, Gewerbeverband und Pensionskassenverband um eine Lösung ringen. Da die mit dem zu hohen Umwandlungssatz in Aussicht gestellten Rentenzahlungen garantiert sind, kommt es zu einer Umverteilung: Die Angestellten helfen mit den Erträgen auf ihrem Vorsorgekapital mit, die Auszahlungen an die Rentner zu finanzieren. Laut OAK ist diese Umverteilung im Jahr 2019 auf 7,2 Milliarden Franken gestiegen – im Vorjahr waren es noch 5,1 Milliarden Franken.

Zu grosse Versprechen

Die Corona-Krise akzentuiert auch Probleme bei den Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen, bei denen viele kleinere und mittelgrosse Unternehmen angeschlossen sind. Einige dieser Firmen könnten aufgrund von Liquiditätsproblemen oder gar einem drohenden Konkurs in Zahlungsrückstand geraten.

Bei den offenen Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen besteht das Problem, dass sie sich in einem Wettbewerb um Anschlüsse von Arbeitgebern befinden. Die Bedeutung dieser Einrichtungen in der beruflichen Vorsorge wächst seit Jahren. Sie streben nach Wachstum, und manchmal haben angeschlossene Dienstleistungsgesellschaften auch finanzielle Interessen. «Dies führt zu höheren Risiken bei den Leistungsversprechen und der Verzinsung der Vorsorgegelder, um sich im Wettbewerb zu profilieren», sagt OAK-Direktor Manfred Hüsler.

Aufgrund des tiefen Zinsniveaus liegen aber auch die Zinsversprechen vieler anderer Pensionskassen weiterhin zu hoch. Laut OAK-Präsidentin Vera Kupper Staub sind in diesem Punkt über 60 Prozent der Vorsorgeeinrichtungen einem eher hohen oder einem hohen Risiko ausgesetzt. Das kann längerfristig schmerzhafte Folgen haben.