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Leitartikel zum 1. AugustDem Nationalfeiertag droht die Sinnlosigkeit

Grill und Raketen allein reichen nicht. Zum Fest gehört auch ein offizielles Rahmenprogramm.

Politikerinnen und Politiker – im Bild der Baselbieter Regierungsrat Isaac Reber – waren in früheren Jahren an den Bundesfeiern präsenter als heute.
Politikerinnen und Politiker – im Bild der Baselbieter Regierungsrat Isaac Reber – waren in früheren Jahren an den Bundesfeiern präsenter als heute.
Nicole Pont

Nun gehört also auch der Schweizer Nationalfeiertag zu den Corona-Opfern. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle offiziellen Anlässe vom 31. Juli und 1. August in der Region abgesagt. Keine Ansprachen, keine offiziellen Feuerwerke. Letztere können zum Teil auch wegen der herrschenden Trockenheit und der Brandgefahr nicht stattfinden. Zum ersten Mal, seit Volk und Stände den 1. August 1993 zum gesetzlichen Feiertag erkoren haben, gibt es keine Bundesfeiern. Ein Verlust?

Nicht unbedingt. Vielleicht bietet die Zwangspause sogar eine Chance. Die Chance nämlich, über einen Feiertag nachzudenken, der in den vergangenen Jahren – bezeichnenderweise seit er gesetzlich arbeitsfrei ist – zunehmend seinen Sinn verloren hat. Die Frage «Worum geht es am 1. August?» ist immer mehr in den Hintergrund geraten beziehungsweise von Grilldüften und Feuerwerksemissionen vernebelt worden.

Die Sinnkrise begann mit der Unsitte, die Feierlichkeiten auf den 31. Juli vorzuverlegen. Dies, um Frau und Herrn Schweizer einen geruhsamen Nationalfeiertag zu ermöglichen, nachdem sie sich am Abend zuvor dem Andenken an die Gründung der Eidgenossenschaft gewidmet hatten. Das zumindest war beabsichtigt. In den letzten Jahren aber haben die Bundesfeiern vielerorts immer weniger Publikum angezogen. Einen freien Tag brauchte es dafür jedenfalls nicht. Und auch Politikerinnen und Politiker drängen an den Bundesfeiern längst nicht mehr so zahlreich aufs Rednerpult wie in früheren Jahren – ausser vielleicht in Wahljahren.

Stattdessen hat sich der 1. August beziehungsweise der Nationalfeiertag von den öffentlichen Plätzen und Waldhäusern in die Eigenheimgärten verlagert, wo erst grilliert, gegessen und getrunken wird, um sich dann anschliessend am privaten Feuerwerk zu erfreuen. Doch was heisst erfreuen? An gewissen Orten scheint man sich unter Nachbarn einen eigentlichen Konkurrenzkampf darüber zu liefern, wer das farbigste, längste und lauteste Privatfeuerwerk auffährt. Mit der Konsequenz, dass man im nächsten Jahr noch einen draufsetzt. Nicht selten beginnt das Ganze auch schon in den ersten Abendstunden des 31. Juli und dauert – mit kurzen Unterbrüchen – bis in die frühen Morgenstunden des 2. August.

Sollten diese Privatpartys dem Virus zum Opfer fallen, man würde sie nicht vermissen. Doch diese scheinen nicht in Gefahr zu sein. Im Gegenteil, es ist zu befürchten, dass die fehlenden Bundesfeiern und die Feuerungsverbote im Wald und in Waldnähe die privaten Aktivitäten in den Wohngebieten noch zusätzlich anheizen. Der 1. August wäre dann im Corona-Jahr auf dem Niveau einer grossen Grillfete angekommen.

Vielleicht realisieren wir ja ohne Bundesfeiern, dass die Willensnation zur Spassgesellschaft zu verkommen droht.

Nun mag man einwenden, dies sei bei den traditionellen kirchlichen Feiertagen auch nicht viel anders. Es wisse auch kaum mehr jemand, welche Bewandtnis es beispielsweise mit Auffahrt habe. Das mag sein. In diesen Fällen ist es die Kirche, die ein Angebot bereithält, von dem die Gläubigen Gebrauch machen, während für die anderen Auffahrt eben ein freier Tag ist, den es seit Menschengedenken gibt. Um den aber auch kein Brimborium gemacht wird und der deshalb auch keiner Rechtfertigung bedarf. Ein Nationalfeiertag aber, speziell, wenn er auch noch per Volksentscheid zum «Sonntag» erklärt wurde, ist einem Zweck gewidmet. Entfällt dieser, kann getrost auf den Feiertag verzichtet werden.

Aber vielleicht fehlt ja dieses Jahr etwas, wenn – von bundesrätlichen Radio- und Fernsehansprachen abgesehen – uns niemand mehr an die Wurzeln der Schweiz erinnert. Wobei in diesem Zusammenhang völlig egal ist, ob es nun um historisch verbürgte Tatsachen oder um Mythen geht. Oder wenn am Nationalfeiertag niemand mehr auf die Stärken unseres Landes hinweist, die Schwächen reflektiert oder Fragen nach der künftigen Ausrichtung stellt. Vielleicht realisieren wir dann, dass die Willensnation Gefahr läuft, zur Spassgesellschaft zu verkommen.

Ich wünsche mir jedenfalls, dass möglichst vielen Schweizerinnen und Schweizern, die 2020 Corona-bedingt ohne Bundesfeier auskommen müssen, der diesjährige 1. August irgendwie unvollständig vorkommt. Etwa so wie ein Heiligabend, an dem man nur noch isst, trinkt und Geschenke auspackt, aber mit keinem Wort mehr an die Weihnachtsgeschichte erinnert wird.