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Unheimliche Kultur Davor hatten wir als Kinder Angst

Blutrünstige Hasen, gruselige Stimmen und zwielichtige Gestalten – manche Ängste lassen unsere Kulturjournalisten bis heute nicht los. Uns interessierte zudem, was Ihnen in der Kindheit einen bleibenden Schrecken eingejagt hat.

Als Kind macht einem vieles Angst – aber warum? Das wollen wir herausfinden. (Symbolbild)
Als Kind macht einem vieles Angst – aber warum? Das wollen wir herausfinden. (Symbolbild)
Foto: Caleb Woods

Fast jeder kann sich an eine tiefe Furcht aus der Kindheit erinnern und manche Ängste stecken einem noch Jahre später in den Knochen. In diesem Artikel offenbart die Kulturredaktion der Basler Zeitung ihre einprägsamsten Schreckmomente aus der Kindheit und fragte die Leserinnen und Leser nach den Ihrigen.

In einem Folgeartikel wirft eine Basler Kinderpsychologin einen Blick auf die gesammelten Zuschriften und hilft zu verstehen, woher die Ängste stammen, was diese verraten und wie wir sie bewältigen können.

Und nun: Diese Kindheitsängste haben in der Kulturredaktion für schlaflose Nächte gesorgt.

Der Ton macht die Angst

So nett sah Trudi Gerster aus. Doch ihre Stimme konnte ganz schön unheimlich sein.
So nett sah Trudi Gerster aus. Doch ihre Stimme konnte ganz schön unheimlich sein.
Foto: Adrian Moser

Ich kann mich an einen speziellen Moment in meiner Kindheit erinnern, in dem ich wirklich, wirklich Angst hatte. Und ich bin froh, kann Trudi Gerster das hier nicht mehr lesen. Vielleicht wäre sie entsetzt, wenn sie hören müsste, dass sie es war, die mich so in Panik versetzte (vielleicht würde sie aber auch geschmeichelt lachen).

Als ihr Rumpelstilzchen auf der Märliplatte erstmals zu Wort kam, ergriff mich eine Furcht wie noch nie zuvor. Ich versuchte, mich hinter der Polstergruppe in Sicherheit zu bringen, wurde aber erst erlöst, als die Nadel nicht mehr durch die Rille fuhr und wieder Stille herrschte. Bis heute stelle ich fest, dass mich Akustik viel mehr zu plagen vermag als Optik. Ich kann ganz cool «The Shining» schauen oder «Saving Private Ryan», wenn der Ton abgeschaltet ist. Sonst? Eher nicht. (mw)

Der Mann im Gebüsch

Diese dunkle Statue auf dem Leonhardskirchplatz kann einem einen Schrecken einjagen.
Diese dunkle Statue auf dem Leonhardskirchplatz kann einem einen Schrecken einjagen.
Skulptur: Peter Moilliet

Versteckt zwischen Sträuchern stand er da, die grosse Hand erhoben, den breiten Mund leicht geöffnet. Seine stumpfen Augen starrten aus dem bärtigen Gesicht mit der riesigen Nase von oben auf mich herab. Ich passierte den Hünen meist rennend. Zu gross war meine Angst, er könnte mit seiner Pranke nach mir greifen und mich vielleicht in sein grosses Maul stopfen.

Das dunkel oxidierte Bronzedenkmal auf dem Leonhardskirchplatz jagte mir als Kind gehörig Angst ein. Irgendwann überwand ich meine Furcht und trat dem Riesen mutig entgegen: Da stand ein gemütlicher Mensch im Efeu, mit einer Zigarre in der Hand und schien etwas zu erzählen. Hätte es damals Wikipedia schon gegeben, hätte ich leicht erfahren, dass es sich bei Rudolf Riggenbach um einen der ersten Basler Denkmalpfleger (1932-1954) handelte und dieser alles andere als gefährlich war. Die Statue von Peter Moilliet erinnert seit 1971 an das Engagement des Kunsthistorikers und Basler Originals für seine Heimatstadt. (juk)

Der langohrige Tod

Der Protagonist Hazel begegnet dem Tod.
Der Protagonist Hazel begegnet dem Tod.
Screenshot: Watership Down (1978)

Das ist doch kein Kinderfilm! Dieser Meinung bin ich noch heute. Doch damals, als ich es mir mit meiner besten Freundin auf dem Sofa gemütlich machte, um «Unten am Fluss» (nach dem Buch «Watership Down» von Richard Adams) zu gucken, konnte ich nicht ahnen, dass der Zeichentrickfilm mich jahrelang albtraumartig heimsuchen würde.

In dem 91-minütigen Film von 1978 sterben insgesamt 63 Kaninchen auf der Leinwand. Das sind durchschnittlich sieben tote Häschen alle zehn Minuten. Doch was mir noch viel mehr Angst machte als das blutige Gemetzel und ein langohriger Kannibale, war der Tod. Als rotäugiger Schatten sprang das «Todeshäsli», wie wir es nannten, über die Hügel und Wiesen. Widerstandslos. Und keiner entkam dem stummen Gevatter.

Noch heute wird mir ganz anders, wenn ich an die schwarze Silhouette denke, die unangekündigt auftaucht und über die Landschaft gleitet: schweigend, langsam, unerbittlich. Der Schrecken sitzt scheinbar so tief, dass allein die Recherche für diesen Beitrag das Todeshäsli nach Jahren wieder einmal in meine Träume eingeladen hat. (rap)

Kinderfänger und Spione

Robert Helpmann als ominöser Kinderfänger in «Tschitti Tschitti Bäng Bäng».
Robert Helpmann als ominöser Kinderfänger in «Tschitti Tschitti Bäng Bäng».
Foto: IMDb

Eine lange Nase, ein unwirsch stechender Blick spickt suchend nervös von der einen Ecke in die andere: Der Kinderfänger drängt in die heilvolle Welt des Spielzeugladens ein und schnüffelt wie ein Hund auf der Jagd den versteckten Kindern nach, die er mit Süssigkeiten anlockt und in einen Käfig einsperrt. Und: Zwei Spione spuken in der Landschaft umher, beobachten aus ihren Verstecken das Familiengespann in ihrem weltberühmten Gefährt.

Wer kennt diese Szenen? Genau, aus dem Klassiker «Tschitti Tschitti Bäng Bäng» (1968) stammen sie. Der auf der Buchvorlage von Ian Fleming basierende Film mit Dick Van Dyke berührte mich damals in aussergewöhnlichem Masse. Schleuderte mich von höchst beglückenden zu tief furchterregenden Gefühlszuständen und wieder zurück wie grosses Kino eben sein sollte. (viv)

Grässliches Ende von Max und Moritz

Max und Moritz werden in die Mühle gesteckt.
Max und Moritz werden in die Mühle gesteckt.
Illustration: Wilhelm Busch

Angst vor Büchern? Nie. Aber Furcht vor den schlimmen Illustrationen. Zum Beispiel bei Wilhelm Busch: Wie Max und Moritz vom Müller zu Korn zermahlen werden. Ich kann als Erwachsene nur rekonstruieren, warum der Schrecken so tief war, dass er bis heute im Gedächtnis bleibt.

Erstes Bild: Dass der Müller zwei Kinder umbringt, das war ungeheuerlich. Inwieweit ist Erwachsenen überhaupt zu trauen? Zweites Bild: «Rickeracke geht die Mühle mit Geknacke.» Von zwei Menschen aus Fleisch und Blut bleiben nur noch Körner übrig. Geht das überhaupt? Das Unwahrscheinliche wird möglich. Die kindliche Hoffnung, straflos davonzukommen, wird grausam zerstört. Drittes Bild: Die Körner bilden die Umrisse der beiden toten Buben nach. Aber ihre Münder grinsen noch. Zwei Untote, die irgendwie noch leben. Einerseits Horror, andererseits tiefer Wunsch der kleinen Leserin; die Buben sollen überleben. Letztes Bild: «Doch sogleich verzehret sie Meister Müllers Federvieh.» Grausig, das. Und irgendwie auch lustig. Angstlust. Wobei Wilhelm Busch nur die Angst weckt, nicht die Lust, die Gefahr letztlich überwinden zu können. (chr)

Tibetanischer Albtraum

Hergés «Tim in Tibet» von1960 jagte ihm auf den letzten Seiten Angst ein.
Hergés «Tim in Tibet» von1960 jagte ihm auf den letzten Seiten Angst ein.
Illustration: Hergé, Carlsen-Verlag

Auch nach mehr als 50 Jahren kriege ich Gänsehaut, wenn ich an den Comic-Band «Tim in Tibet» denke. Das liegt nicht etwa an den vielen Gefahren, die der tapfere Reporter auf seinem Weg durch den schneebedeckten Himalaja überwinden muss. Sondern am grimmig dreinblickenden Yeti, der in den allerletzten Seiten von Hergés Meisterwerk in Erscheinung tritt.

Als Tim die Höhle wieder verlassen will, wohin der Yeti seinen Freund Chang nach einem Flugzeugabsturz verschleppt hat, taucht der Schneemensch unverhofft auf und blockiert den einzigen Ausgang. Diese Szene hat für mich etwas unverhofft Albtraumhaftes an sich, weil Hergé den Yeti hier zum ersten Mal in seiner ganzen Bedrohlichkeit zeigt. Gegen diesen tibetanischen King Kong scheint selbst der sonst so findige Tim machtlos. (nj)

Ein fürchterlicher Mörder

Ein echter Kinderschreck: Lurtz (Lawrence Makoare) am Set von «Der Herr der Ringe».
Ein echter Kinderschreck: Lurtz (Lawrence Makoare) am Set von «Der Herr der Ringe».

«Findet die Halblinge! Findet die Halblinge!», schreit Lurtz, der erste Anführer der von Saruman gezüchteten Uruk-Hai, am Ende des ersten Teils von «Der Herr der Ringe». Sein Name scheinbar harmlos, versetzt einen seine Erscheinung – so nämlich fühlte ich mich, als ich ihn über dem Waldstück auftauchen sah – in Angst und Schrecken.

Diese erweist sich denn auch mehr als berechtigt, tötet er doch kurz danach Boromir, den menschlichsten aller Charaktere, mit drei Pfeilen in die linke Seite. Besonders schlimm an dieser Szene ist, dass man nach dem Einschlag des ersten Pfeils den zweiten und dritten schon förmlich vorbeipfeifen hört – dass sie ihr Ziel nicht erreichen könnten? Unvorstellbar. Denn Lurtz ist zum Töten geschaffen. (ln)

Der gruselige «Tatort»-Vorspann

Der Vorspann der «Tatort»-Reihe hat ihn hinter den Fernsehsessel getrieben.
Der Vorspann der «Tatort»-Reihe hat ihn hinter den Fernsehsessel getrieben.
Foto: ARD/SF DRS/ORF

Mein Vater besass einen schwarzledernen Fernsehsessel. Daneben liess es sich als Kind gut auf dem Teppich kauern und mitglotzen. Es liess sich auch gut dahinter kauern. So habe ich meine ersten «Tatort»-Erfahrungen gemacht, mit gespitzten Ohren und vermutlich blasser Nase. Keine Ahnung, wie alt ich war, jedenfalls reichte der Vorspann völlig aus: dieses nervöse Augenpaar, der verfolgte Mann, die Kamerahetzfahrt über nachtnassen Asphalt, und vor allem die Titelmusik des Jazzers Klaus Doldinger mit einem gewissen Udo Lindenberg an den Trommeln.

Da gab ich meinem Fluchtinstinkt hinter den Fernsehsessel gern nach. Auf diese Art habe ich mehrere frühe «Tatort»-Morde überlebt, aber nie der verdienten Überführung des Übeltäters beigewohnt. Vielleicht war das ja der Ursprung meines TV-Krimi-Traumas: die fehlende Katharsis. Aber vorher war nun mal Bettzeit. Mit der Zeit kriegte ich schon spitz, dass nach maximal zehn Minuten Tötungsdelikt der Schrecken vorüber war und gemütliche Ermittlungsroutiniers wie Gustl Bayrhammer die Welt wieder ins rechte Lot rücken würdendas war lange vor Schimanski. Viel später erfuhr ich, dass die Augen im Vorspann zu einem entfernten Verwandten meiner ersten langjährigen Freundin gehören. Da hatte ich aber schon keine Angst mehr. (sr)

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5 Kommentare
    Karl F.

    Schreckmümpfeli auf Radio Beromünster und Aktenzeichen XY waren meine Angsträume .