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Nationale Demütigung Ungarns«Das wird auf ewig ungerecht bleiben»

Vor hundert Jahren verlor Ungarn mit dem Vertrag von Trianon zwei Drittel seines Territoriums. Den Jahrestag nutzt Premier Viktor Orbán für nationalistische Zwecke aus.

Doppelbödiger Umgang mit Trianon: Viktor Orbán, Ministerpräsident Ungarns.
Doppelbödiger Umgang mit Trianon: Viktor Orbán, Ministerpräsident Ungarns.
Foto: Getty Images

Es wird ein stilles Gedenken am Donnerstag, wenn sich die Unterzeichnung des Vertrags von Trianon zum 100. Mal jährt. In Budapest hat der grüne Bürgermeister Gergely Karácsony die Bürger um 16.30 Uhr zu einer Schweigeminute aufgerufen. Strassenbahnen, U-Bahnen und Busse werden dann anhalten. Doch die ganz grosse Feier, die Ministerpräsident Viktor Orbán für diesen Tag geplant hatte, wird ausfallen, weil die Corona-Pandemie ihren Schatten auch auf die Erinnerung wirft. Grössere Veranstaltungen sind untersagt.

Die Enthüllung eines gewaltigen Trianon-Denkmals gegenüber dem Parlament in Budapest muss warten. 100 Meter ist das Mahnmal lang und vier Meter breit – eine tiefergelegte Rampe aus Granit, in deren Mauern die Namen von 12’537 Dörfern und Städten eingraviert sind, die einstmals Teil des Königreichs Ungarn waren. Mit diesem begehbaren «Denkmal der nationalen Einheit» stellt die Regierung den Verlust zur Schau, den Ungarn erlitten hat an jenem 4. Juni 1920 durch die von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs erzwungene Unterzeichnung des Vertrags von Trianon.

Es war der letzte der Pariser Vorortverträge, benannt nach einem einstigen Lustschloss der französischen Könige, und das Abkommen forderte viel von Ungarn: Zwei Drittel seines Territoriums gingen verloren, die Slowakei und die Karpato-Ukraine mussten an die neue Tschechoslowakei abgetreten werden, Siebenbürgen und ein Grossteil des Banats an Rumänien, die Vojvodina an das neue Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das Burgenland ging an Österreich.

Ungarn schrumpfte von 18 auf nur noch 7,6 Millionen Einwohner. Mehr als drei Millionen Magyaren lebten fortan jenseits der Grenzen. Trianon wurde in Ungarn zum Synonym für Verlust und eine nationale Demütigung.

Pandemie-bedingt muss die Einweihung warten: Das Trianon-Denkmal in Budapest.
Pandemie-bedingt muss die Einweihung warten: Das Trianon-Denkmal in Budapest.
Foto: AFP

Für Premier Orbán ist das Trauma von Trianon ein zentraler Baustein seiner Geschichtspolitik, die immer auch Machtpolitik ist. «Was einmal ungerecht ist, wird auf ewig ungerecht bleiben», lautet sein Trianon-Mantra: «Die Zeit heilt keine Amputation.» Um den Opfermythos gebührend zu pflegen, hat er nach seiner Amtsübernahme 2010 per Gesetz den 4. Juni zum «Tag der nationalen Zusammengehörigkeit» erklärt.

Sein Umgang mit Trianon ist zwar nicht offen revisionistisch, aber gewohnt doppelbödig: Einerseits betont er die guten Beziehungen zu den Nachbarstaaten mit ungarischen Minderheiten. Andererseits aber nannte er den von 1920 an fast ein Vierteljahrhundert in Ungarn herrschenden Reichsverweser Miklós Horthy, der die Revision von Trianon zur Staatsdoktrin erhoben hatte, einen «aussergewöhnlichen Staatsmann».

Orbán hat erkannt, dass sich aus der Erinnerung an Trianon politisch Kapital schlagen lässt, beispielsweise aussenpolitisch, wenn er gegen die Partner in der Europäischen Union zu Felde zieht und Ungarn vor dem Einfluss «fremder Mächte» zu schützen verspricht. Innenpolitisch bereitet ihm dies den Boden für die neue nationalistische Politik. Überdies hat er sich damit eine treue Gefolgschaft gesichert unter den Ungarn in der Diaspora, denen er seit 2010 die Doppelstaatsbürgerschaft und damit auch das Wahlrecht anbietet.

Rund eine Million Auslandsungarn haben das gern angenommen und erweisen sich zumeist als treue Wähler von Orbáns Fidesz-Partei. Zudem fördert die Budapester Regierung mit Millionensummen Schulen oder Vereine der ungarischen Minderheit jenseits der Grenzen. Etwa in Rumänien, wo viele der rund 1,2 Millionen ethnischen Ungarn schon als Kinder den Text der Szekler-Hymne gelernt haben: «Wir wurden zu Staub zerrieben in einem Meer von Schlachten.» Der Refrain gipfelt in dem Stossgebet: «Gott, lass Siebenbürgen nicht verloren sein.»

Streit mit Staatschef von Rumänien

Genau diese Befürchtung, nämlich dass Siebenbürgen verloren gehen könnte, allerdings in die andere Richtung, hat Ende April einen Eklat an der Staatsspitze ausgelöst. Rumäniens Präsident Klaus Iohannis, seinerseits Angehöriger einer ethnischen Minderheit, und zwar der deutschstämmigen, wetterte an einer Medienkonferenz: Während er gegen die Corona-Pandemie und somit um das «Leben von Rumänen» kämpfe, sei die Opposition damit beschäftigt, «hinter den Kulissen darum zu kämpfen, Siebenbürgen den Ungarn zu geben».

Was ihnen denn Viktor Orbán als Gegenleistung dafür in Aussicht gestellt habe, fragte er in Richtung der vermeintlichen Vaterlandsverräter im Parlament. Anlass war ein von einer kleinen Partei eingebrachtes Gesetz, das der ungarischen Minderheit in einem Teil Siebenbürgens Autonomierechte verleihen sollte. Das Gesetz scheiterte erwartungsgemäss im Senat, genügte aber als Zündfunke.

Kritiker im eigenen Land hielten Iohannis vor, ausgerechnet er, der Träger des Karlspreises für herausragende Verdienste um die europäische Einigung, schüre Ressentiments gegen die ohnehin benachteiligte ungarische Minderheit. Ungarns Regierung bestellte den rumänischen Botschafter in Budapest ein: Der dortige Aussenminister warf dem rumänischen Präsidenten das «Schüren von Hass» vor.

Exponat aus dem Trianon-Museum in Budapest: Eine Karte zeigt die Landesgrenzen Ungarns vor und nach dem 4. Juni 1920.
Exponat aus dem Trianon-Museum in Budapest: Eine Karte zeigt die Landesgrenzen Ungarns vor und nach dem 4. Juni 1920.
Foto: AFP

Viktor Orbán wiederum profitierte vom Ausfall des rumänischen Präsidenten: Er bekam einen weiteren Anlass, sich zum Jahrestag des Traumas von Trianon als Beschützer der im Nachbarland bedrängten Ungarn zu präsentieren – die obendrein ja auch, so sie sein Angebot der Doppelstaatsbürgerschaft angenommen haben, in Ungarn wählen dürfen.

Als habe ihn der Streit mit dem rumänischen Präsidenten beschwingt, schickte Orbán kurz darauf den ungarischen Geschichtsstudenten per Facebook einen Gruss ins Examen: das Foto eines Globus, auf dem sein Land noch in den Grenzen vor 1920 dargestellt ist – jenes «Gross-Ungarn» umfasste auch wesentliche Teile des heutigen Kroatien.

Der kroatische Präsident Zoran Milanović allerdings liess sich nicht provozieren. Er richtete, ebenfalls per Facebook, einen Wunsch an die Studenten seines eigenen Landes: Sie möchten bitte keine alten Landkarten posten, die Kroatien grösser erscheinen lassen, als es heute ist. «In unseren Schränken und Archiven» gebe es zwar solche Landkarten, erklärte der Präsident. Aber: «Teilt sie nicht, und nehmt sie nicht in eure Profile auf. Sie sind nicht zeitgemäss und nicht mehr relevant – und, noch wichtiger: Sie irritieren unsere Nachbarn über alle Massen.»

7 Kommentare
    Stefano Delrio

    wenn eine Gesellschaft im Jahr 2020 solche historischen Gegebenheiten als identitätsstiftend zelebriert, dann stimmt irgendwas tiefgreifend nicht....gerade die europäische Geschichte zeigt, dass einige heutige Länder teils empfindliche Gebietsverluste hinnehmen mussten....

    die Bündner Herrschaften mussten z.B. Ende des 18. Jh. den Verlust des Veltlins, Bormio und Chiavenna hinnehmen....aber wen kümmert das heutzutage?

    aber solche heldenhaften Opferrollen fallen in gewissen politischen Strömungen auf fruchtbare Erde....und die feiern in Ungarn seit Jahren Urständ!