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Szenische LesungDas Virus, das der Teufelsspinne ähnlich sieht

Die Theatercompany Texte und Töne beleuchtet Parallelen zwischen der Corona-Pandemie und zwei literarischen Werken des letzten Jahrtausends.

Was fast wie eine Pressekonferenz unter freiem Himmel beginnt, nimmt zunehmend szenische Züge an.
Was fast wie eine Pressekonferenz unter freiem Himmel beginnt, nimmt zunehmend szenische Züge an.
Foto: Ernst Rudin

«Ich begrüsse Sie ganz herzlich zum heutigen Point de Presse zum Thema Coronavirus», sagt eine Frau, die am langen Tisch ganz vorne sitzt. Neben ihr: fünf weitere Personen, die mit starrem, ernstem Blick die Besucherinnen und Besucher anblicken.

Nein, am Samstagabend ging keine Pressekonferenz vom Bundesrat oder von Fachexperten des Bundes über die Bühne. Die szenisch-musikalische Lesung «Die schwarze Spinne», die am Samstagabend in Aesch unter freiem Himmel Premiere feierte, war viel mehr als das: eine Mischung von Jeremias Gotthelfs «Die schwarze Spinne» und Jürg Federspiels «Die Ballade von der Typhoid Mary», wunderbar verwoben mit der Realität von 2020.

Die Sitzordnung der Schauspieler und das anfängliche Format der szenischen Lesung, welche die Theatercompany Texte und Töne unter der Regie von Kaspar Geiger auf die Bühne bringt, sind zunächst schon angelehnt an die täglichen Pressekonferenzen des Bundes. Aber: Das ist bei weitem nicht die einzige Parallele, die daraus gezogen werden kann. Company und Schauspieler führen dem Zuschauer vor Augen, wie zum einen die Novelle von 1842, zum anderen der Roman von 1982 nach etlichen Jahren inhaltlich immer noch so verblüffend aktuell sein können.

Das Böse breitet sich aus

Zahlreiche Missstände machen den Protagonisten der beiden literarischen Texte zu schaffen. Ob es die Dorfbewohner sind, die in der Gotthelf’schen Novelle von einer Epidemie und der Verbreitung des Bösen bedroht werden, oder ob es die Einwohner New Yorks sind, die der Typhus heimsucht – die Ähnlichkeiten zur Corona-Krise sind eindeutig: Wie auch die schwarze Spinne – oder eben das Böse – verbreitet sich das Coronavirus unkontrolliert weiter. Wie auch die damaligen Dorfbewohner versuchen auch wir, das Virus zu bekämpfen und schnellstmöglich in die gewohnte Normalität zurückzukehren. Und wie Mary unwissend Trägerin von Typhus ist und die Krankheit verbreitet, so sprechen auch heute die Ärzte von Coronavirus-Überträgern ohne Symptome.

Die sechs Schauspieler Alexandra Meier, Sophie Eglin, Peter Zimmermann, Gerrit Neuhaus, Andreas Daniel Müller und Rino Hosennen switchen geschickt von der einen Geschichte zur anderen und halten dabei nicht immer die feste Sitzordnung ein, sondern stehen auf und krönen das Vorgetragene mit performativen Höhepunkten. Begleitet werden sie von Akkordeonistin Olivia Steimel und Cellistin Karolina Öhman, die mit den gesetzten musikalischen Akzenten dem Theaterabend einen mysteriösen Touch verleihen.

Inzwischen hat die schwarze Spinne überhandgenommen. Nicht nur im Dorf der Erzählung, sondern auch im Publikum. Sie webt ihr Spinnennetz quer über den gesamten Platz und zwischen den Zuschauern. In der Geschichte versuchen die Dorfbewohner die schwarze Spinne zu besiegen, zu verdrücken, zu töten. Sie glauben, es geschafft zu haben, doch dann funkelt sie die Teufelsspinne mit ihren Augen an. Sie ist noch da! Genauso wie das Coronavirus – auch wenn wir nicht sehen können, wie es uns anfunkelt.

Nächste Aufführungen: 19. August um 20.30 Uhr und 23. August um 17 Uhr im Sonnenbad Binningen; 29. August um 20.30 Uhr und 30. August um 17 Uhr im Areal Cheesmeyer in Sissach. Tickets unter tickets@texteundtoene.ch, 077 511 35 61 oder an der Abendkasse.