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Coronavirus in China«Das Verhalten von Donald Trump ist unverantwortlich, fast schon kriminell»

Viele Chinesen nähmen es persönlich, wenn im Westen ihre Regierung kritisiert werde. Davon würde die Kommunistische Partei profitieren, sagt der Intellektuelle Kaiser Kuo.

«Die Menschen nehmen es persönlich, wenn im Westen die chinesische Regierung kritisiert wird.»
«Die Menschen nehmen es persönlich, wenn im Westen die chinesische Regierung kritisiert wird.»
Kaiser Kuo/PD

Das chinesische Regime sagt, es habe das Coronavirus im Griff. Stimmt das?

Es ist praktisch unmöglich, das zu überprüfen. Ich habe grosse Vorbehalte bei den Berichten, gemäss denen es keine Neuinfektionen gegeben habe. Es ist aber umgekehrt kaum vorstellbar, dass es Tausende neue Fälle gibt, die vom Regime verschwiegen werden. China hat anfangs sehr viel falsch gemacht. Nehmen Sie die Geheimnistuerei, die Vertuschung, die Festnahme von Li Wenliang, dem Doktor aus Wuhan, der früh warnte. Aber in den vergangenen Wochen haben die chinesischen Behörden ziemlich bewundernswert reagiert.

Nach dem Tod des Arztes Li Wenliang protestierten ungewöhnliche viele in den sozialen Medien. Was ist daraus geworden?

Das Regime hat diese Proteste damals weniger stark unterdrückt, als man erwarten konnte. Es war eindeutig eine Entscheidung von oben, den Menschen zu erlauben, ihren Unmut kundzutun. Die Führung wusste, dass dies nicht zu Protesten auf den Strassen führen würde. Später hat die Kommunistische Partei die Zensur aber wieder massiv hochgefahren. In der vergangenen Woche wurden in einem Bericht die lokalen Behörden in Wuhan scharf kritisiert, weil sie Li Wenliang festgenommen hatten und ihn den Brief unterschreiben liessen, in dem er sich selber beschuldigte. Das ist ermutigend, aber natürlich ist das auch eine Reaktion, die nicht ausreichend ist und zu spät kommt.

Der chinesische Präsident Xi Jinping war frühzeitig über das Coronavirus informiert, unternahm trotzdem lange nichts. Wieso steht nicht er im Zentrum der Kritik?

Die chinesische Bevölkerung misstraut den lokalen Behörden stärker als der Regierung in Peking. Für viele bedeutet Kritik an der chinesischen Führung auch Kritik an China als Land an sich. Die Menschen nehmen es persönlich, wenn im Westen die Regierung kritisiert wird. Davon profitiert die Kommunistische Partei natürlich. Ironischerweise gilt deshalb: Je kritischer sich der Westen gegenüber Xi Jinping oder der Kommunistischen Partei äussert, desto mehr wird die Bevölkerung diese Kritik verurteilen. So in der Art: «Ich darf meine Eltern kritisieren, aber ihr dürft das nicht.»

Im Westen hofften viele, dass wegen der Krise in Wuhan Chinas «Tschernobyl-Moment» gekommen sei, der das Regime wegfegen würde.

Da war viel Wunschdenken und Schadenfreude dabei. Als ob wir uns im Westen einreden wollten, dass so etwas nur in einem autoritären Staat wie China passieren kann. Natürlich hat das Coronavirus das chinesische Regime in eine Krise gestürzt. Aber es ist nicht die erste und auch nicht die schlimmste Krise in dessen Geschichte. Viele China-Beobachter haben sich sehr früh auf die Frage fixiert, welche Rolle Chinas Staatsform bei der Krisenbewältigung spielt. Und das zu einem Zeitpunkt, als bereits klar war, dass die Krise auch Europa und Amerika nicht verschonen wird.

Die Chinesen sind völlig verblüfft darüber, dass in Europa kaum Menschen Schutzmasken tragen.»

Kaiser Kuo

Es ist doch berechtigt, zu fragen, ob ein autoritäres Regime mit einer solchen Krise umgehen kann.

Machen wir ein Gedankenexperiment: Ein Pilot hat Mühe, sein Flugzeug zu steuern. Im Cockpit liest er einen Bericht, dass genau sein Flugzeugtyp mechanische Probleme hat. In dieser Situation wäre es doch völlig idiotisch, über die Schuld des Flugzeugherstellers nachzudenken. Er muss all seine Energie darauf verwenden, das Flugzeug sicher auf den Boden zu bringen. Das gilt auch in der aktuellen Krise: Natürlich müssen wir die Frage des Verschuldens klären. Aber ich bezweifle, dass jetzt schon der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.

Das chinesische Regime hat Gerüchte verbreitet, wonach das Virus aus den USA eingeschleust worden sei. Glaubt die Bevölkerung solche Verschwörungstheorien?

Der Urheber dieses Gerüchts ist Zhao Lijian, der Sprecher des chinesischen Aussenministeriums. Er ist in China eine Berühmtheit, weil er auf sozialen Medien immer sehr offen spricht. Ich bin mir nicht sicher, ob Xi Jinping mit seinen Aussagen einverstanden war. Zumindest hat der chinesische Botschafter in den USA danach die Behauptung von Lijian zurückgewiesen.

Und was sagen die Menschen in China zu den Aussagen von Zhao Lijian?

Manche glauben solche Verschwörungstheorien, viele tun es nicht. Auf jeden Fall gibt es für viele Chinesen einen starken Anreiz, solche Theorien glauben zu wollen.

Das müssen Sie erklären.

Viele Chinesen haben das Gefühl, der Westen stelle sie in ein schlechtes Licht. Da war aus ihrer Sicht viel Herablassendes aus dem Westen dabei, viele Debatten über die Fehler des Regimes. Hingegen wurde zu wenig über das menschliche Leid und die heroischen Efforts berichtet, die viele Mitarbeiter im chinesischen Gesundheitswesen geleistet haben. Ich sage nicht, dass ich das gutheisse. Ich finde auch, dass viele westliche Journalisten exzellente Arbeit geleistet haben. Aber die Schuld von sich zu weisen, ist eine natürliche und menschliche Reaktion vieler Chinesen, die sehen, wie die Welt kalt auf ihr Leiden geschaut hat.

Wie nutzt China Technologie, um das Virus einzudämmen?

Das wichtigste Instrument ist Contact Tracing. Die chinesischen Behörden erstellen Bewegungsprofile, um Infektionsketten zurückzuverfolgen. Da hilft es natürlich auch, dass in China überall Überwachungskameras aufgestellt sind. So ist es möglich, herauszufinden, mit wem sich infizierte Personen getroffen haben.

Ein Vorbild für den Westen?

Ich bin sicher nicht dafür, dass im Westen ein orwellsches Überwachungssystem eingeführt werden soll. Ich fürchte, dass China die Bedrohung durch das Coronavirus nutzen wird, um noch grössere Überwachungsmassnahmen zu rechtfertigen. Das kann sehr schnell zu weit gehen. Und ich denke, dass wir gerade in dieser schwierigen Zeit mit weitgehenden Überwachungsmassnahmen sehr vorsichtig sein sollen.

Das Coronavirus stammt sehr wahrscheinlich von einem Wildtiermarkt in Wuhan. Werden diese Märkte in China jetzt geschlossen?

Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Die chinesischen Behörden diskutieren offen darüber, diese Märkte zu schliessen und den Handel mit Wildtieren zu unterbinden.

Wird das Proteste in der Bevölkerung auslösen?

Nein, diese Märkte stehen auch in China in der Kritik. Es ist nur eine winzige Minderheit der Chinesen, die Dinge isst, die Menschen aus dem Westen als exotisch oder seltsam bezeichnen würden. Die meisten meiner chinesischen Freunde zum Beispiel würden nie im Leben Hund, Katze oder Gürteltier essen. Viele wehren sich aber entschieden gegen Aussagen im Stile von: «Igitt, all diese Chinesen essen ständig komisches Zeug.» Weil es einfach nicht stimmt.

Wie schaut die chinesische Bevölkerung auf die aktuelle Situation in Europa?

Die weit verbreitete Meinung ist, dass die Regierungen in Europa zu zaudernd agieren.

Wird denn in China erwartet, dass in Europa alle Menschen mit Schutzmasken herumlaufen?

Aber sicher. Die Chinesen sind völlig verblüfft darüber, dass die Europäer keine Masken tragen. Es ist ja bekannt, dass viele Menschen andere anstecken, bevor sie selber Symptome haben. Mit einer Schutzmaske wird das Ansteckungsrisiko reduziert. Ebenso das Risiko, sich an die Nase oder den Mund zu fassen.

US-Präsident Donald Trump spricht nicht vom Coronavirus, sondern vom «Chinavirus». Was halten Sie davon?

Ich finde das sehr verantwortungslos, fast schon kriminell. Die Anzahl der Fälle, in denen Chinesen in den USA beleidigt oder gar verprügelt wurden, ist stark angestiegen. Das betrifft übrigens auch Menschen aus anderen ostasiatischen Ländern. Die Leute fragen nicht, ob man Chinese ist, bevor sie mit den Beschimpfungen loslegen.

Sehen Sie irgendetwas Positives, das aus dieser Krise erwachsen könnte?

Nein. Man hätte zum Beispiel erwarten können, dass die Länder vermehrt zusammenarbeiten. Als es darum ging, die Ebola-Epidemie in Westafrika zu bekämpfen, gab es einen engen Austausch zwischen chinesischen und amerikanischen Experten. Davon ist jetzt nichts zu sehen.

47 Kommentare
    Artur Künzler

    China wegen des C zu kritisieren, mag falsch sein, jedoch nicht, wegen Unterdrückung und Zensur. Auch was in HK geschieht, ist energisch zu bekämpfen. Hier könnte DT sich hervortun, ohne dass man ihn kritisieren müsste.