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Basler Opfer von Brückenspringer«Das Schock-Video hat mich vor Wut fast rasend gemacht»

Es ist fast ein Wunder, dass der 28-jährige Seraphin Däster heute normal leben kann. Vor neun Jahren ist ihm ein Mann von der Mittleren Brücke auf den Kopf gesprungen. Die Folgen: Rückenschäden, Schleudertrauma, Amnesie.

Seraphin Däster in der Nähe der Stelle, wo ihm vor neun Jahren ein Mann von der Brücke auf den Kopf gesprungen ist. Er will vor den Gefahren des Brückenspringens warnen.
Seraphin Däster in der Nähe der Stelle, wo ihm vor neun Jahren ein Mann von der Brücke auf den Kopf gesprungen ist. Er will vor den Gefahren des Brückenspringens warnen.
Kostas Maros

Herr Däster, was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie das Video gesehen haben, in dem eine Brückenspringerin um ein Haar auf dem Kopf eines Schwimmers landet?

Es hat mich extrem aufgewühlt. Eigentlich dachte ich, ich sei über das, was damals geschehen ist, hinweg. Aber als ich dieses Video anschaute, kam in mir wieder eine Wut hoch, die mich fast rasend machte. Eine riesige Wut über die Dummheit gewisser Menschen, die trotz Unfällen wie meinem immer noch und ohne nachzudenken andere gefährden.

Was ist vor neun Jahren bei der Mittleren Brücke genau geschehen?

Ich habe mit meiner Freundin im August 2011 am offiziellen Rheinschwimmen der Pfadi teilgenommen. Der ganze Rhein war voll mit Menschen. Deshalb kann ich mir erst recht nicht vorstellen, wieso an diesem Tag überhaupt jemand von der Mittleren Brücke springen wollte. Wir waren gerade unter der Brücke, vor uns etwa 150 Schwimmer, hinter uns 50 weitere, als ein paar vor uns begannen, «Achtung!» zu rufen. Während die Strömung mich unter der Brücke hervortrieb, drehte ich mich um und wollte zum Geländer hinaufschauen. Mein Blick kam aber nur bis in die Hälfte der Brücke, als mich plötzlich etwas hart am Kopf traf. Ich sank unter Wasser, bei Bewusstsein, aber am ganzen Körper wie gelähmt. Ich konnte nichts bewegen, mich nicht an die Oberfläche kämpfen. In dem Moment ging mir ein Gedanke durch den Kopf: Ich sterbe, das ist es gewesen für mich.

Wie konnten Sie sich doch noch retten?

Es war der Springer, der mich zufällig mit dem Fuss berührte und dann nach oben zog. Ein Freund half mir, ans Ufer zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mich wieder bewegen. Trotz Schmerzen im Rücken ging ich in unser Vereinshaus, in dem wir wegen des Rheinschwimmens am Vormittag eine Bar aufgebaut hatten. Ich wusste davon aber nichts mehr und fragte in die Runde, wieso die Kollegen das ohne mich gemacht hätten. Da beschlossen die anderen, mich sofort ins Spital zu bringen.

«Ich sank unter Wasser, bei Bewusstsein, aber wie gelähmt. In dem Moment ging mir ein Gedanke durch den Kopf: Ich sterbe.»

Wie hat sich der Mann verhalten, der auf Sie gesprungen ist?

Er hat noch im Wasser gefragt, ob alles okay sei. Meine Sorge war in diesem Moment aber nur, an Land zu gelangen. Ein Freund hat dann zum Glück noch die Personalien des Springers aufgenommen.

Was war der Springer für ein Typ?

Ein junger Mann, etwa in meinem Alter. Als ich im Spital war, hat er sich noch einmal telefonisch bei mir gemeldet und gefragt, wie es mir geht. Nachdem ich ihm Bescheid gesagt hatte, wie es um mich stand, hörte ich nie wieder von ihm.

Wie ging es Ihnen denn?

Ich möchte festhalten, dass ich wirklich Glück im Unglück hatte. Da ich zum Zeitpunkt des Unfalls aufrecht im Wasser war, versetzte mir der Aufprall zwar einen harten Schlag, aber die Wirbelsäule war offenbar in einem stabilen Winkel und brach nicht. Sonst wäre ich heute wohl querschnittgelähmt oder hätte gar nicht überlebt. Doch ich hatte enorme Schmerzen im gesamten Rücken und im Nacken. So, dass es mir lange unmöglich war, mich im Bett aufzusetzen. Die Ärzte stellten eine Verschiebung im Atlaswirbel fest, ausserdem eine schwere Gehirnerschütterung und ein Schleudertrauma.

Wie äusserte sich das?

Neben den Schmerzen waren es extreme Beeinträchtigungen des Gehirns. Sechs Wochen lang musste ich in einem abgedunkelten Zimmer liegen. Von dem halben Jahr nach dem Unfall fehlt mir zudem komplett die Erinnerung. Nur vereinzelt kamen bildhafte Fetzen an die Oberfläche. Auch das Lesen hatte ich auf einen Schlag verlernt. Schon ein Buchtitel überforderte mich, ich sah nur zufällig angeordnete Buchstaben, aber keine Wörter vor mir.

Was hat das alles für Ihr Leben bedeutet?

Ich konnte meinen Schulabschluss erst ein Jahr später machen. Und auch dann nur mithilfe von speziellen Medikamenten, die es mir zumindest teilweise wieder möglich machten, mich zu konzentrieren. Diese Zeit war auch von grossen Ängsten geprägt. Niemand konnte mir versprechen, dass ich irgendwann wieder normal würde leben können. Ausserdem machte mir das Nahtoderlebnis zu schaffen. Erst als ich mich wieder in den Rhein traute, konnte ich vieles verarbeiten.

«Ich hegte keinen Groll gegen seine Person, bei diesem Unfall ist er austauschbar. Aber ich empfand grosse Wut über seine Dummheit.»

Sind Sie wütend auf den Mann, der Ihnen das angetan hat?

Ich hegte keinen Groll gegen seine Person, bei diesem Unfall ist er austauschbar. Aber ich empfand grosse Wut über die Dummheit, einfach so in den Rhein zu springen, obwohl so viele Menschen darin schwimmen.

Haben Sie ihn angezeigt?

Zu Beginn nicht. Weil er sich jedoch weigerte, das Unfallprotokoll zu unterschreiben, musste ich es schliesslich tun. Ich hatte dank der Unterstützung durch die Opferhilfe einen Anwalt, der für mich die Sachen mit der Versicherung des Springers geregelt hat. Diese bezahlte eine Entschädigung für das eine Jahr Lohnausfall, weil ich die Ausbildung noch nicht beenden konnte. Vom Kanton Basel-Stadt bekam ich lediglich einmal einen Brief. Man habe den Mann jetzt wegen des Brückenspringens und gefährlichen Verhaltens oder so gebüsst. 1200 Franken zu Gunsten der Staatskasse. Da war ich kurz sprachlos; sollte ich dafür dankbar sein?

«Bis heute bin ich jeden Tag dankbar, dass der Springer damals nicht meine Freundin getroffen hat.»

Viele Brückenspringer behaupten, sie hätten immer einen Späher, der vor ankommenden Schwimmern warnt. Ist Springen so in Ordnung?

Auf keinen Fall! Das war das Erste, was der Springer noch im Rhein zu mir gesagt hat: Er habe doch beim anderen Geländer jemanden gehabt, der aufgepasst habe. Das ist so naiv. Der Aufpasser schaut vielleicht einen Moment in eine andere Richtung, oder er schätzt die Strömung oder den Abstand falsch ein. Mein Beispiel zeigt ganz klar, dass auch ein Späher nicht verhindert, dass Menschen schwer verletzt oder getötet werden.

Wie geht es Ihnen heute?

Ich kann mittlerweile ohne grössere Probleme berufstätig sein als Kindergärtner und führe auch sonst ein «normales» Leben. Aber meine Konzentration ist bis heute beeinträchtigt. Wenn ich noch einmal eine Arbeit schreiben müsste, brauchte ich dafür mit ziemlicher Sicherheit auch heute noch Medikamente.

Sind Sie dankbar dafür, dass es so gekommen ist?

Ich hadere nicht mit meinem Schicksal und möchte auch nicht darauf hinweisen, wie arm ich doch dran war. Mir geht es darum, aufzuklären, dass es inakzeptabel ist, in einen Fluss zu springen, in dem sich Menschen befinden. Und zu zeigen, was passieren kann, wenn man jemanden trifft. Aber es gibt einen Punkt, für den ich bis heute sehr dankbar bin: dass der Springer damals mich und nicht meine Freundin getroffen hat.

3 Kommentare
    Heide Decurtins

    Da braucht es wirklich keinen Kommentar mehr. Ich wünsche Herr Däster aus ganzem Herzen alles Gute.

    Wo sind wir angelangt, dass nur noch mit "Kicks" das Leben spannend ist - da gäbe es gewiss noch ganz andere Aktivitäten zB. sozialer Art, doch dies wäre nicht "der gewisse Kick".