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Ein Happy End«Das Nähen ist mein Leben»

Evelyn Stucki hat sich ihren Traum vom eigenen Laden verwirklicht: Im «Spielsinn» verkauft sie selbst gemachte Kleider und Spiele für Kinder. Der Weg dahin war nicht immer einfach.

Evelyn Stucki in ihrem Reich, dem «Spielsinn»: Seit 20 Jahren entwickelt sie Spiele, die das Tasten, Hören oder Riechen involvieren und die Kinder so fördern.
Evelyn Stucki in ihrem Reich, dem «Spielsinn»: Seit 20 Jahren entwickelt sie Spiele, die das Tasten, Hören oder Riechen involvieren und die Kinder so fördern.
Foto: Pino Covino

Ein Schicksalsschlag vor acht Jahren prägt Evelyn Stucki bis heute. Ihr Arzt diagnostizierte ihr damals eine besonders aggressive Art von Krebs. «Ich hatte nur eine geringe Überlebenschance, lag zwischenzeitlich im künstlichen Koma», erzählt die 61-Jährige. Doch Stucki hatte Glück. Sie überlebte.

«Nachdem ich aus dem Koma aufgewacht war, hatte ich mit vielen Komplikationen zu kämpfen. Da dachte ich mir: ‹Mit dem Nähen ist es jetzt wohl vorbei.›» Eine schlimme Vorstellung für sie. «Das Nähen ist mein Leben. Wenn ich nähen kann, bin ich am glücklichsten.» Eine Tatsache, die dieser Schicksalsschlag zusätzlich bestätigt hat. «Der Tag, an dem ich mich erstmals wieder an meine Nähmaschine gesetzt habe, war es auch, an dem ich wusste: Ich bin wieder gesund!»

Heute kann sie wieder lachen. Sie hat sich erholt. Und sie hat endlich ihren Traum vom eigenen Geschäft verwirklichen können. Seit vergangenem Frühling verkauft sie im «Spielsinn» in der Spalenvorstadt 16 alles rund ums Buschi und ums Kleinkind. Alles ist selbst gemacht.

Schon seit 20 Jahren entwickelt Evelyn Stucki Spiele, die den Kleinsten Spass machen und sie gleichzeitig fördern. Viele davon involvieren Sinne wie das Tasten, Hören oder Riechen. Die gelernte Drogistin verkaufte ihre Produkte lange nur online. «Vor acht Jahren begann ich, mich ganz auf das Nähen zu fokussieren.»

Die Enkelin hilft mit

Auch heute entwickelt und näht sie an ihrer weissen Nähmaschine im Geschäft weiterhin allerlei Spiele und Therapiematerial. Ihre Tochter Myriam kreiert Hosen, Strampelanzüge oder Pullis aus Jersey in allen möglichen Farben und Mustern. «Und gar meine Enkeltochter Elina beteiligt sich – sie knüpft Armbänder.» Natürlich bekomme die Siebenjährige den vollen Betrag für jedes verkaufte Bändeli. «Ich erhalte keine Provision», sagt Stucki mit einem Augenzwinkern.

Das Seestern-Tast-Memory ist eines der ersten Spiele, die die 61-Jährige entwickelt hat. «Diese Stoff-Seesterne sind gefüllt mit verschiedenen Materialien, etwa Hirse, Kirsisteine oder Sand. Immer zwei davon sind mit dem gleichen Inhalt gefüllt, den es dann zu ertasten und je nach Material zu erhören oder zu erriechen gilt», so Stucki.

Die Spiele eignen sich für Kinder und Erwachsene mit oder ohne Handicap. Anfangs habe sich der Blindenverband oft bei ihr gemeldet und nach immer mehr Spielen gefragt. So kam der Stein ins Rollen. Es folgten mit Tastomino oder Quartast Anlehnungen an das klassische Domino oder Quartett.

«Einige Spiele sind besonders gut für die Verbesserung der Feinmotorik – etwa das Murmelrinth, eine Art Stofflabyrinth, bei dem man eine Murmel zwischen zwei Stofflagen hindurch in die Labyrinthmitte führen muss», so die leidenschaftliche Näherin.

Auch das Schuhbändelbinden will gelernt sein: Am sogenannten Bindwurm, der 80 Zentimeter lang und mit Hirsespreu und Reis gefüllt ist, können die Kleinen an acht verschiedenen Bändern das Binden und Knüpfen üben.

In dem kleinen, gemütlichen Shop liegen aber auch Söcklein in FCB-Farben aus, Rasseln, Wimpelketten, Nuscheli in sanftem Pastell oder das «Notfall-Linsensäckli». Letzteres ist ein mit Linsen gefülltes Säcklein, das im Kühlschrank gelagert wird und die sanfte Alternative zu den blauen Kühlkissen darstellt, die bei Verstauchungen und dergleichen eingesetzt werden. Mit Hirsespreu und Schlafteemischung gefüllte Sterne und Säckchen sorgen zudem für einen entspannenden Duft im Kinderbett.

Lieferungen bis nach Australien

Evelyn Stuckis Arbeit scheint auch von professioneller Seite stark gefragt zu sein: «Einmal musste ich 900 Operationsmützen für Orthopäden nähen, mit allen möglichen Mustern drauf.» Und die Ware aus ihrem kleinen Atelier hat sie auch schon in die grosse weite Welt verschickt. «Ich habe teilweise Kunden in Neuseeland, Australien oder Griechenland beliefert», erzählt sie.

Ein ihr unbekannter Arzt aus Deutschland habe das Tast-Memory gar an einen Patienten in Jordanien empfohlen. «Nach gut drei Monaten ist es dort auch angekommen. Aber leider hat die Zollkontrolle in jeden einzelnen Seestern ein Loch gestochen – sie vermuteten wohl Rauschgift darin», sagt Stucki. Die Suche der Zollfahnder blieb natürlich erfolglos.

Stucki beschäftigt sich in ihrer Freizeit nicht nur mit Nähen, sondern auch mit ihren beiden Enkeln: «Neben dem Nähen sind sie mein Leben.»

Spielsinn, Spalenvorstadt 16, Basel.
Geöffnet Di–Fr 10–12 Uhr und 14–18 Uhr, Sa 10–16 Uhr.
www.spielsinn.ch

2 Kommentare
    Maura Hanley

    Ja, danke fürs Vorstellen - ich werde nächste Woche so gerne kommen - freu mi druff. Danke für Ihren Mut - sehr inspirierend💫