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Reportage aus MississippiDas letzte Gefecht um eine umstrittene Flagge

Mississippi ist der einzige US-Bundesstaat, der das Konföderiertenkreuz noch in der Flagge führt. Nun mehren sich die Stimmen, die sie einholen wollen – für immer.

Die Flagge des Bundesstaats Mississippi vor dem Sitz des State Capitol in der Hauptstadt Jackson.
Die Flagge des Bundesstaats Mississippi vor dem Sitz des State Capitol in der Hauptstadt Jackson.
Foto: Brandon Dill/Getty Images

Holt sie runter, take it down, das ist der Ruf, der jetzt in Mississippi oft zu hören und zu lesen ist. Mississippi ist der einzige Bundesstaat, der in seiner Flagge noch das Symbol der Konföderation führt, die Kriegsflagge der Sklavenhalterstaaten, die sich von den USA abspalteten: blaues Kreuz auf rotem Grund.

Die Flagge weht vor Gerichtsgebäuden und Polizeiwachen, vor Schulen und Bezirksämtern, und was die Menschen in Mississippi darin erkennen, hängt davon ab, mit wem man darüber spricht. Wohl nirgends tobt der Streit über die Symbole der Konföderation, der überall in den USA aufgeflammt ist, so heftig wie hier.

«Arroganz und Brutalität»

Genesis Be hat sich mit einem Galgenstrick um den Hals vor ein Regierungsgebäude in Hattiesburg gestellt. Mit einer Hand hält sie die Flagge von Mississippi hoch. Galgenstrick und Konföderiertenkreuz: Das ist für die schwarze Rapperin und Aktivistin ein und dasselbe. Ein Zeichen der Unterdrückung von Afroamerikanern, die in Mississippi fast 40 Prozent der Bevölkerung stellen. Ein Zeichen dafür, dass Schwarze hier bis in die 1960er-Jahre höchstens geduldet, aber nicht als vollwertige Bürger akzeptiert wurden.

«Die Flagge steht für Arroganz und Brutalität», sagt Genesis Be. «Sie ist ein Schlag ins Gesicht meiner Leute und meiner Vorfahren, die Gewalt und Folter erleiden mussten.»

Die Rapperin und Aktivistin Genesis Be protestiert in Hattiesburg gegen die Flagge.
Die Rapperin und Aktivistin Genesis Be protestiert in Hattiesburg gegen die Flagge.
Foto: Mississippi Rising Coalition

Es gibt schon länger eine Bewegung, die versucht, die Flagge abzuschaffen. 2001 fand dazu eine Volksabstimmung statt. Fast zwei Drittel der Wähler wollten die Flagge behalten. Einige Städte beschlossen in den vergangenen Jahren aus eigener Initiative, die Flagge einzuholen, nicht aber der Bundesstaat. Erst im April rief der republikanische Gouverneur den «Confederate Heritage Month» aus, einen Gedenkmonat für die Konföderation.

Nun aber, mit den Protesten gegen den Tod von George Floyd, haben die Gegner der Flagge neuen Auftrieb erhalten. Mehrere nationale College-Sport-Verbände haben angekündigt, keine Veranstaltungen mehr in Mississippi durchzuführen, solange die Flagge noch weht. Im Parlament des Bundesstaats unterstützen selbst viele der Republikaner die Abschaffung. Bald könnte es im Kongress in der Hauptstadt Jackson zu einer Abstimmung kommen – oder zu einem neuen Referendum.

«Terror gegen schwarze Menschen»

Und diesmal, glaubt Genesis Be, wird es anders ausgehen. Die Rapperin, die mit richtigem Nachnamen Briggs heisst, ist in Mississippi aufgewachsen. Schon ihr Grossvater war Bürgerrechtsaktivist. Der Pastor half Schwarzen dabei, sich als Wähler zu registrieren. Deshalb wurde er zum Ziel von Mitgliedern des Ku-Klux-Klans, die ihn attackierten und auf sein Haus schossen, in dem seine Frau und Kinder sassen. «Das war die Realität hier», sagt Genesis Be: «Terror gegen schwarze Menschen, die man aus Mississippi vertreiben wollte.»

«Es gibt in Mississippi kaum Aufklärung über die Geschichte der Schwarzen.»

Genesis Be, Aktivistin

Mississippi führte die heutige Flagge im Jahr 1894 ein, knapp 30 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs. Nach der Niederlage der Konföderierten hatte die Bundesregierung in den rebellischen Gebieten die Abschaffung der Sklaverei und das Wahlrecht für Afroamerikaner durchgesetzt. Mit dem Abzug der letzten Unionstruppen wurden jedoch schon bald überall im Süden neue Gesetze zur Rassentrennung erlassen und die Rechte der Schwarzen Zug um Zug wieder beschnitten. Auf diese Zeit geht die Flagge von Mississippi zurück.

Die Flagge sei Teil des fortwährenden Versuchs, die Vergangenheit von Mississippi umzuschreiben, sagt Genesis Be. An den Schulen werde die Geschichte der Afroamerikaner auf ein paar wenige Figuren reduziert. «Über die systematische Strategie, Schwarze niederzuhalten, erfahren wir nichts. Es gibt kaum Aufklärung über die Lynchmorde, die massenhafte Inhaftierung und über den Exodus der Schwarzen aus Mississippi.»

«Das hat nichts mit Rassismus zu tun»

Es gibt in Mississippi aber auch viele Menschen, die all dies anders sehen. Nicht weit von dem Gebäude in Hattiesburg, vor dem sich Genesis Be einen Galgenstrick um den Hals legte, steht das Haus des Immobilienunternehmers Edward Allegretti. Vor dem Eingang hängt die Flagge von Mississippi. Allegretti sitzt im Garten, Blick auf einen Teich, und sagt: «Die Flagge hat nichts mit Rassismus zu tun, nichts mit Unterdrückung. Sie steht für unser kulturelles Erbe.»

Der Immobilienunternehmer Edward Allegretti hat die Flagge an sein Haus gehängt. Von den Protesten hält er nichts.
Der Immobilienunternehmer Edward Allegretti hat die Flagge an sein Haus gehängt. Von den Protesten hält er nichts.
Foto: Alan Cassidy

Allegretti ist weiss. Er ist im kalifornischen Silicon Valley aufgewachsen. Als Konservativer sei er dort eine Zielscheibe gewesen. «Die Leute reden ständig von Diversität, aber wenn jemand eine andere Weltsicht hat, wird er geächtet.» Das war ein Grund, warum er vor 15 Jahren mit seiner Familie nach Mississippi zog. Allegretti ist Mitglied bei den Sons of Confederate Veterans, einer nationalen Organisation, die sich für die Erhaltung von Konföderiertendenkmälern einsetzt.

Die Sklaverei sei nur einer von vielen Faktoren, der zum Ausbruch des Bürgerkriegs geführt habe, sagt Allegretti. «Heute verteidigt niemand mehr die Sklaverei. Aber es gibt sehr wohl Aspekte der Konföderation, auf die wir stolz sein können.»

«Die Kritik kommt von Leuten von ausserhalb, die Spannungen schüren.»

Immobilienunternehmer Edward Allegretti

Mississippi sei heute nicht mehr der rassistische Ort, als der er ständig dargestellt werde. Von seinen schwarzen Freunden habe jedenfalls keiner ein Problem mit der Flagge. «Diese Kritik kommt von Leuten von ausserhalb des Bundesstaates, die gezielt Spannungen schüren, weil sie sich davon politische Vorteile erhoffen.» Wenn die Flagge einen schlechten Ruf habe, dann nur, weil sie von einigen Extremisten missbraucht worden sei.

Es gibt schon eine Alternative

Auch Allegretti weiss aber, dass sich inzwischen selbst in Wirtschaftskreisen die Rufe mehren, die Flagge zu ersetzen – weil sie zu einem Imageproblem geworden sei. Laura Stennis, eine Künstlerin aus der Gegend, hat schon vor einigen Jahren eine Alternative entworfen, die in der Bevölkerung auf grossen Zuspruch stösst. Sie zeigt kein Konföderiertenkreuz, sondern 19 Sterne um einen grossen Stern in der Mitte – als Symbol für Mississippi als den 20. Bundesstaat der USA.

Man sieht die «Stennis-Flagge» schon heute vor vielen Häusern. Und je nachdem, wie sich die Proteste entwickeln, flattert sie womöglich bald auch von den Gebäuden der Regierung.