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Leitartikel zu CoronaDas Jahr der Toten. Und was wir lernen

Wir zählen die entschwundenen Seelen und sehnen uns plötzlich nach einem starken Staat. Die Natur bezwingt den Menschen. Die Jahrhundertseuche ist ein Wink für die Zukunft.

Trauriges Italien im März 2020: Ankunft eines Leichentransports durch einen Armeelastwagen aus der Gegend von Bergamo.
Trauriges Italien im März 2020: Ankunft eines Leichentransports durch einen Armeelastwagen aus der Gegend von Bergamo.
Foto: Cinisello Balsamo (Keystone)

Wo ist Greta Thunberg? Vom 17-jährigen Teenager aus Schweden ist nichts zu vernehmen. 2019 vom «Time»-Magazin zur Person des Jahres gekürt, ist es um die bekannteste Klimaaktivistin ruhig geworden. Die Erwärmung der Erde ist nicht mehr das dominierende Thema wie noch vor Jahresfrist. Das Coronavirus hat die westliche Welt in ihre grösste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt, seit im Januar die ersten Fälle bekannt wurden.

2020 ist das Jahr der Toten. Wir trauern um entschwundene Seelen und stellen fassungslos fest, wie zerbrechlich das Glück ist. Selbst junge Menschen ringen auf den Intensivstationen nach Luft, viele Grosseltern weilen nicht mehr unter uns. Millionen Menschen haben ihren Job verloren, der Beizer an der Ecke ist pleite. Jeden Tag erklären uns Epidemiologen, Virologen, Mediziner oder Spitzenpolitiker die neue Lage. Sie geben Empfehlungen ab, appellieren an die Solidarität der Bevölkerung, schicken Menschen in die Isolation. Gemeinsam einsam. Die Zahlen vom Gesundheitsamt lesen sich jeden Mittag als Ticker des Schreckens.

2020 ist das Jahr der Moralisten. Sittenprediger erklären, was im Alltag zu tun und zu lassen ist, mit und ohne Gesichtsmaske. Darf man in den Bergen Ski fahren, wenn im Tal die Corona-Kranken sterben? Ist es zynisch, abends im Ausgang ein Bier zu trinken, wenn die Infektionszahlen wieder in die Höhe geschnellt sind? Zeugt es von Doppelmoral, die Alten im Pflegeheim einzusperren, wenn man weiss, dass auch Isolation tötet?

Auch ein Bild, das von 2020 übrig bleibt: Corona-Gegner demonstrieren bei der Messe für die Verhältnismässigkeit von Massnahmen.
Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

2020 ist das Jahr der gescheiterten Politik. Die Schweiz war auf die Pandemie nicht vorbereitet. Im März erklärte das Bundesamt für Gesundheit (BAG), Schutzmasken nützten nichts, heute gelten sie als Heilsbringer. Später hatte der Bund zu wenig davon. Ein einheitliches Schutzkonzept für die Senioren liegt bis heute nicht vor. Die teure Contact-Tracing-App funktioniert nicht. Nach der ersten Welle hatte der Bundesrat ein halbes Jahr Zeit, sich auf den Herbst vorzubereiten – nichts passierte. Und in den letzten Wochen versagte er im Wechselspiel mit den Kantonen. Das ständige Hin und Her mit den Verschärfungen der Massnahmen spaltete die Gesellschaft und ritzte an der Solidarität der Menschen, die genug haben von Corona.

2020 ist das Jahr der verschobenen Kräfte. Konzerne, die sich nach dem neuesten Börsengang eben noch für die wahren Weltherrscher hielten, betteln um staatliche Hilfen. Die Regierungen selbst zaubern Hilfsprogramme in Milliardenhöhe aus dem Hut, um den totalen Absturz zu verhindern, und über allem entflammt die Diskussion über die Rolle des Staates. In Schönwetterzeiten wird das Beamtentum gerne belächelt, weil es so spiessig wirkt. In der Krise jedoch ist der Staat mit seiner Finanz- und Ordnungskraft der Einzige, der handlungsfähig bleibt. Und er vermittelt den Menschen Sicherheit, selbst wenn er so zögerlich auftritt wie im Spätherbst 2020.

Wirtschaftliche oder ethische Katastrophe

Das schwer ertragbare Dilemma: Das Virus nicht entscheidend zu bremsen, führt entweder in die wirtschaftliche oder in die ethische Katastrophe. Doch wir lernen. Zum Beispiel, dass die Natur stärker ist als der Mensch. Das klingt fürchterlich banal, doch diese Wahrheit wird uns nach der Corona-Kalamität schnell wieder einholen, wenn wir den ökologischen Zustand des Planeten verhandeln. Ein Impfstoff gegen Covid-19 ist entwickelt und teilweise bereits verteilt; eine Spritze gegen den Klimawandel wird es nie geben. Die Debatten zu diesem Thema sind kompliziert und anstrengend. Fast alle Politiker, die heute in der Verantwortung stehen, werden die Folgen der Erderwärmung nicht mehr am eigenen Leib spüren.

Der «Alles und sofort»-Akkord kann nicht in diesem Tempo weitergehen.

Die Politik ist weiblicher und grüner geworden, auch in Basel. Das ist lobenswert. Nun ist sie am Zug, wenn es gilt, nach der Pandemie voranzugehen und die Welt sauberer zu machen. Die Grünen sollen neue Technologien entwickeln und Wege in die Zukunft aufzeigen. Dafür sind sie vom Volk gewählt.

Darf der Staat radikal handeln?

Eine der spannendsten Fragen: Darf der Staat ähnlich radikal handeln wie in der Corona-Krise? Darf er das Autofahren an Wochenenden verbieten, damit die Emissionen zurückgehen? Ist er nicht sogar verpflichtet, die Wirtschaft herunterzufahren, um die Treibhausgase zu drosseln? Er könnte Flugpläne erlassen, die nur halb so viel Verkehr erlauben wie heute. Oder Homeoffice anordnen, um die Pendlerströme zu reduzieren. Wieder stellt sich die Frage, wie stark eine Regierung den Alltag der Menschen bestimmen, wie konsequent er die Wirtschaft regulieren soll. Ein leistungsfähiger und kommunikationsstarker Staat ist im anbrechenden Jahrzehnt auch deshalb wichtig, weil neben Klimawandel und Pandemie-Bekämpfung viele andere Probleme gelöst sein wollen: die Alterung der Gesellschaft, religiöser Fanatismus, Digitalisierung, Gewalt, Armut.

Auch die auf Wachstum ausgerichtete Weltwirtschaft ist gefordert. Wir müssen nachhaltiger produzieren, um Ressourcen zu schonen. Der «Alles und sofort»-Akkord, dieser exorbitante Konsum, kann nicht in diesem Tempo weitergehen. Die Corona-Krise mit ihren über 5000 Toten allein in der Schweiz steht als Mahnmal dafür. Ziehen wir die richtigen Schlüsse aus diesem schlimmen Jahr, hat die Corona-Katastrophe noch ihr Gutes.

104 Kommentare
    Kaspar Müller

    Ich glaube nicht, dass dies die Jahrhundertseuche ist. Es hat in der Geschichte viel schlimmere Seuchen gegeben und wird es auch sicher bald wieder geben. Das gehört zur Natur und zum Menschsein, wie Herbststürme zum Wetter.

    Was aber sicherlich eine Jahrhundertdimension erreicht hat, ist unser extremes Verhalten und unsere Überreaktion auf diese Seuche. Hier gilt es sicherlich in Zukunft ein besseres Mass für ein gutes, effektives aber auch gelasseneres Verhalten für all diese bald kommenden weiteren und viel schlimmeren Seuchen zu finden.

    Der Mensch ist Teil der Natur und wird immer den Gesetzen der Natur unterworfen sein. Ob es uns passt oder nicht.