Zum Hauptinhalt springen

Rehe auf dem FriedhofDas Hörnli ist kein Bambi-Streichel-Zoo

Um die Frage nach einer Bestandesregulierung ist eine heftige Diskussion entstanden. Doch es geht um mehr als um menschliche Sehnsüchte und Emotionen. Ein nüchterner Blick auf die Ausgangslage täte gut.

Eine Rehgeiss auf dem Friedhof Hörnli mit ihrem Kitz, das sie so lange bei sich behält, bis sie ein neues Kitz erwartet.
Eine Rehgeiss auf dem Friedhof Hörnli mit ihrem Kitz, das sie so lange bei sich behält, bis sie ein neues Kitz erwartet.
Foto: Stefan Leimer

Sie sind scheu, anmutig, grazil und ein Teil des Waldes. Es gibt aber auch rund 25 von ihnen, die auf dem Basler Friedhof Hörnli leben, einem grossen Gottesacker mit Bäumen, Wiesen und abgelegenen Gräberfeldern. Die Rehe finden dort, was ihnen von Natur aus behagt – aromatisch-saftige Nahrung; Blumen, Kräuter und Knospen.

Im Vergleich zur Gämse, die sich eher wie ein Mähdrescher durch einen Jungwald frisst, ist das Reh ein Gourmet. Es sucht sich in den Wiesen die Kräuter heraus, die besonders gut schmecken, und knabbert auch gerne die Knospen von jungen Bäumen. Die Förster haben deshalb einen wachsamen Blick auf die Populationsdichte. Zu viele Rehe bedeuten, dass der Jungwuchs ungenügend oder gar nicht mehr aufwachsen kann, denn jeder Wald muss verjüngt werden, damit er stabil bleibt.

Die genaue Zahl der Rehe, die im Wald leben, gehört zu einem der letzten Geheimnisse, die unsere Wälder noch beherbergen. Die amtlichen Statistiken gründen nur auf Schätzungen. Kein Wildhüter und kein Wildbiologe (und schon gar nicht ein Politiker oder Tierschützer) vermag genau zu sagen, wie viele Rehe in einem Gebiet leben, doch spielt das auch nur eine nebensächliche Rolle. Entscheidender ist, ob die Tiere genügend Nahrung vorfinden, ob sie gesund sind und sich nicht durch überhäufte Revierkämpfe gegenseitig in Stress versetzen. Wie überall in der Tier- und Menschenwelt braucht es eine ausgewogene Mischung von Jung und Alt, damit das Zusammenleben am besten funktioniert.

Genau hier wird es auf dem Hörnli-Friedhof problematisch: Abseits vom Bambi-Effekt, den einige gezielt für ihre Medienwirksamkeit und ihre Interessen nutzen, braucht es einen nüchternen Blick auf die Situation, es braucht eine Analyse, die nicht von Dialektik und Emotionen geleitet wird, sondern von den Erkenntnissen aus der Wildtierbiologie.

Dauerstörungen für Wild

Auf dem unteren, grösseren Hauptteil auf dem Hörnli leben die Rehe mehr oder weniger isoliert. Einen genetischen Austausch mit den Artgenossen im nahen Wald gibt es nicht. Und die Gruppe wächst. Die Friedhofs-Rehe haben auch diesen Frühling wieder Jungtiere bekommen, Kitze im Weidmannsjargon, und die sogenannten führenden Rehgeissen vertreiben jeweils die Jungtiere aus dem Vorjahr aus ihrem Kleinrevier. Denn Rehe bewegen sich durchaus ortsgebunden und machen Ansprüche geltend, die sie auch verteidigen. Steigt die Zahl der Tiere auf einem Gebiet an, so setzt das die Rehe unter Druck, führt zu Stress, zu mehr Revierkämpfen, zu mehr Spannungen, zu mehr Unruhe. Hinzu kommen noch die zahlreichen Störungen durch Wald- oder wie hier Friedhofsbesucher. Das alles erhöht den Energiebedarf und führt zu mehr Verbiss. Ein Kreislauf, der nicht mit Jö-Gefühlen und politischen Kraftparolen zu durchbrechen ist.

Die Frage, ob es zu viel oder zu wenig Rehe hat, kann nie verallgemeinernd beantwortet werden. Es kommt darauf an, wie das Futterangebot aussieht, wie sich die Populationsgrösse auf den Lebensraum Wald und auf die anderen Tier- und Pflanzenarten (die auch ihre Ansprüche haben) auswirkt – und wie es den Rehen gesundheitlich geht.

Nun einfach den Zaun beim Hörnli einzureissen und einen Austausch mit jenen im Wald zu fordern und damit eine von Menschenhand durchgeführte Dezimierung des Rehbestandes partout zu verhindern, führt lediglich zu einer Verlagerung des Problems. Die Wälder von Riehen und Bettingen sind bereits rappelvoll mit Rehen. Hinzu kommt der grosse Erholungsdruck auf den Wald durch Spaziergänger, Wanderer, Jogger, Biker und Naturliebhaber. Die Rehe sind nie ohne Störung, was den Verbiss – wie erwähnt – erhöht. Die Folge: Jungbäume, vor allem die gepflanzten, sind ohne teure Schutzmassnahmen wie Zäune kaum mehr gross zu kriegen. Da die natürlichen Feinde des Rehes aber fehlen, wird wohl niemand ernsthaft darüber nachdenken, wie es wäre, Wölfe oder Luchse auf dem Hörnli auszusetzen. Was also tun wir mit der wachsenden Zahl von Rehen auf dem Friedhof?

Kein Bambi, sondern ein Wildtier

Anders als in einem Zoo sorgt sich kein Tierarzt um die Rehe, und übrigens muss jeder Tierpark und jeder Zoo sich damit auseinandersetzen, wie viele Tiere es im Gehege verträgt. Vom Zolli ist auch bekannt, dass gewisse Tiere anderen verfüttert werden. Die Hörnli-Rehe auf eine Streichelzoo-Rolle zu degradieren, wird den Ansprüchen dieser Tiere nicht gerecht.

Was braucht es also, um die Tiere gesund und ihre Zahl angepasst auf das Territorium zu halten? Sie einfangen und an einem anderen Ort aussetzen? Das wäre nicht nur ein organisatorisch gewaltiger und aus Perspektive des Tierwohls nicht zu verantwortender Akt, sondern würde Kosten verursachen, die niemand zu zahlen bereit wäre. Zudem dürfte kein Förster in der Schweiz darüber erfreut sei, wenn in seinem Gebiet zusätzliche Rehe die Jungbäume gefährden.

Vielleicht lohnt es sich, über das Tierwohl nachzudenken? Kann es dieses ausser in der Wildnis überhaupt geben? Die Menschen haben sich ihren Lebensraum immer gestaltet. Entweder konnten sich die Tiere anpassen oder mussten weichen oder endeten am Bratspiess. Das mag in einigen Ohren primitiv und schrecklich klingen, ist aber Teil der Evolutionsgeschichte.

Heute wird der Begriff Tierwohl gerne verknüpft mit dem persönlichen Weltbild, und da werden Rehe gerne zu Sinnbilder für Sanftmut, Friedfertigkeit, Ruhe, harmonische Natur und heile Welt. Doch Natur hat immer auch ihre kompromisslosen, harten, rohen Seiten. Wer schon mal beobachtet hat, wie eine Rehmutter ihr Jungtier wegjagt, wenn sie ein neues Kitz erwartet, oder wie zwei Böcke sich entschlossen und durchaus aggressiv Revierkämpfen hingeben, bei denen sie sich auch lebensgefährlich verletzen können, der ahnt: Die Vermenschlichung der Natur mag aus psychologischer Sicht nachvollziehbar sein, letztlich ändert es aber nichts daran, dass es sich auch beim Reh um ein Wildtier handelt.

Wenn auf dem Friedhof Hörnli vereinzelte Tiere gezielt, lautlos und nach den von Achtung und Respekt geprägten weidmännischen Prinzipien herausgenommen werden, so ist das pragmatisch. Das von Tierschützern verwendete Wort «Massaker» ist nichts weiter als Propaganda. Vielmehr ist die Bestandesdezimierung eine Lösung im Interesse eines gesunden Rehbestandes auf dem Hörnlifriedhof.