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Spielplan 2020/21Das haben die neuen Basler Theatermacher vor

Ab Mitte Oktober schicken Benedikt von Peter, Richard Wherlock und die Viererdirektion des Schauspiels fast 30 Neuproduktionen in die Spielzeit.

Die vier Schauspielchefs am Theater Basel: (von links) Anja Dirks, Antu Romero Nunes, Inga Schonlau und Jörg Pohl.
Die vier Schauspielchefs am Theater Basel: (von links) Anja Dirks, Antu Romero Nunes, Inga Schonlau und Jörg Pohl.
Foto: Nicole Pont

1. Die Oper

Der neue Intendant des Theater Basel, Benedikt von Peter, sucht noch eine Wohnung in der Region, und zwar keine bescheidene: 27 Personen sollten darin Platz finden. Mindestens. Grund für den Raumbedarf sind nicht etwa die privaten Ansprüche des Theaterdirektors, sondern seine beruflichen: Kommende Saison möchte er Giacomo Puccinis Komödie «Gianni Schicchi» mit einem siebenköpfigen Ensemble in einem Privathaushalt spielen lassen. Das Thema des Stücks, Erbschaft und Erbschleicherei, passe doch wunderbar zu Basel, bemerkte von Peter dazu am Montag anlässlich seiner ersten Spielplankonferenz.

Ansonsten will der Intendant die Kirche im Dorf beziehungsweise das Theater im Theater lassen: Experimentelle Raumkonzepte, für die von Peter bekannt ist, werde es zwar mit ihm auch in Basel geben, doch dafür brauche man vorerst das Theaterhaus nicht gross zu verlassen. Ja, in seinem ersten Jahr als Basler lntendant, Opernspartenleiter und Regisseur zeige er bewusst auch «Sachen, die in der Vergangenheit schon gut funktioniert haben». Dazu gehört von Peters vielleicht bekannteste Regiearbeit, Giuseppe Verdis «La traviata», bei der die an Tuberkulose erkrankte Protagonistin Violetta einen ganzen Abend solo bestreitet (Sopran: Nicole Chevalier).

In seinem Basler Debütjahr nimmt der deutsche Theatermann zudem die aus seiner Sicht «schönste Oper überhaupt» ins Programm: Mozarts «Zauberflöte». Zu erleben ist sie in der international gefeierten Inszenierung von Simon McBurney, bei der die Sopranistin Regula Mühlemann als Pamina ihr Debüt am Theater Basel geben wird.


Intendant Benedikt von Peter ist in Personalunion für die Opernsparte verantwortlich.

Intendant Benedikt von Peter ist in Personalunion für die Opernsparte verantwortlich.
Foto: Nicole Pont

Neben seinem Interesse für «Raumtheater» kommt auch von Peters spirituelle Ader nicht zu kurz: Zum Saisonstart bringt er Olivier Messiaens Opus magnum «Saint François d’Assise» auf die Grosse Bühne, zum Saisonschluss holt er Mozarts «Requiem» in der Inszenierung von Romeo Castellucci ans Theater Basel. Freunde der Barockmusik kommen mit Monteverdis «Il ritorno d’Ulisse» auf ihre Kosten.

Es gibt auch Platz für Schabernack. So lässt die Frauenband Les Reines Prochaines & Friends in der Neuproduktion «Alte Tiere Hochgestapelt» die Bremer Stadtmusikanten eine Räuberhütte besetzen, und Kultregisseur Herbert Fritsch verspricht einen «anarchistischen Spass» in Richard Strauss’ «Intermezzo».

Mit diesem Opernprogramm schlägt von Peter im Vergleich mit seinen bisherigen Stationen, dem Theater Bremen und dem Luzerner Theater, keinen neuen Kurs ein, sondern scheint sein Erfolgsmodell weiterführen zu wollen. Dies zeigt sich auch in personeller Hinsicht mit Gastsängerinnen wie Mühlemann und Chevalier oder dem Dirigenten Clemens Heil, der neben bekannten Maestri wie Ivor Bolton im Orchestergraben den Taktstock führen wird.

2. Das Schauspiel

Saison eins nach der schon jetzt legendären Basler Dramaturgie von Andreas Beck bestücken zu wollen, kann eigentlich nur eines bedeuten: Die neuen Schauspielchefs müssen mit den Pfunden wuchern, die ihre Kunst im Kern ausmacht. Und das ist die Qualität des Ensembles.

Offensichtlich sieht die Viererdirektion das genauso. Noch bevor ein Stücktitel gefallen war, stellte Hausregisseur Antu Romero Nunes die Schauspieler vor. 39 Namen. Er tat das mit Enthusiasmus. Nicht weil das Basler Ensemble auf 39 Vollzeitkräfte angeschwollen wäre. Sondern weil sich die Co-Leitung, zu der neben Nunes die Dramaturginnen Anja Dirks und Inga Schonlau gehören, und mit Jörg Pohl eben auch ein Schauspieler –, weil sich diese Co-Leitung ein Betriebskonzept ausgedacht hat, indem Hierarchien zwischen Gästen und Kern flachfallen sollen.

«Wir versklaven niemanden», sagt Nunes. Jörg Pohl versichert auf Neudeutsch, «die Gender-Pay-Gap», die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern, sei aufgehoben. Es gebe in Basel nur «mündige Schauspieler», die in der Regel ein bis drei Inszenierungen pro Saison spielen, und sich damit als Teil der neu so betitelten «Basler Compagnie» fühlen dürfen. Dazu gebe es, so Pohl, ein nach Alter gestaffeltes Gagenraster.

Das hat offenbar gezogen. Jedenfalls lesen sich die 38 Namen im Spielzeitheft, zu denen als 39. Bruno Cathomas stösst, wie eine Teamaufstellung, mit der die Basler Compagnie international erstklassig bleiben kann. Ueli Jäggi kehrt zurück, unter den Jüngeren Sven Schelker, Jan Bluthardt, Aenne Schwarz und einige mehr, die sonst in den Metropolen auftreten.

Was wird gespielt? Zuerst Ovids «Metamorphosen», beste Wahl für Proben unter Corona-Bedingungen (Regie: Antu Romero Nunes). Dann fällt eine apokalyptisch veranlage Linie im Spielplan auf. Zu ihr zählen die Uraufführung von David Lindemanns «Das Ende der Welt, wie wir es kennen», Bulgakows «Meister und Margarita» (Regie: Martin Laberenz), aber auch «Die Physiker» von Dürrenmatt, Heiner Müllers kriegsgewaltiger «Philoktet» und der monumentale «Ulysses»-Stoff nach James Joyce.

Hausregisseur Antu Romero Nunes inszeniert neben Ovid Tschechows Mittelmasstragödie «Onkel Wanja». Hinzu kommen in der Kategorie «Übernahmen vom Hamburger Thalia» das Drama um «Moby Dick», worin ein paar Abenteurer die ungeheure Kraft der Natur unterschätzen, und die Homer’sche «Odyssee». Inga Schonlau bringt vom Zürcher Neumarkt das «Café populaire» der wunderbaren Nora Abdel-Maksoud mit nach Basel.

Bald 20 Jahre in Basel: Ballettchef Richard Wherlock.
Bald 20 Jahre in Basel: Ballettchef Richard Wherlock.
Foto: Nicole Pont

3. Das Ballett

Im nächsten Jahr hat Ballettchef Richard Wherlock 20 Jahre seines Choreografenlebens mit dem Ballett Basel verbracht. Entsprechend fühlt sich der Doyen der Basler Tanzwelt «proud, blessed and privileged», die dritte Intendanz mitgestalten zu dürfen.

Im November steigt Wherlock gross in die Saison ein, mit seinem Corona-bedingt verschobenen Barockabend «Gloria» zur Musik von Pergolesi und Vivaldi. Den romantischen Ballettklassiker «Giselle» katapultiert Choreograf Pontus Lidberg im Dezember in die Gegenwart. Zum Saisonende stellt sich erneut Richard Wherlock den Shakespeare’schen Fragen von Macht und Ohnmacht im Kammerballett «Empty Thrones». Und vorher, im März, beehren 7 international bekannte Choreografen den Kollegen Wherlock. Sie machen die Jubiläumsshow «Ballett auf allen Bühnen» – und der Titel ist wörtlich zu verstehen.