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Kanon der QuarantäneDas haarigste Werk der Musikgeschichte

Nun sind die Coiffeurläden wieder offen. Höchste Zeit, ans Musical «Hair» zu erinnern.

Donnie Dacus in Milos Formans Musicalverfilmung «Hair» von 1979.
Donnie Dacus in Milos Formans Musicalverfilmung «Hair» von 1979.
Foto: Imago, United Archives

In den Videokonferenzen konnte man in den letzten Wochen Bärte wachsen sehen, der Nachbar hatte plötzlich Locken, und selbst «Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin wäre bald bereit gewesen für eine Wiederaufnahme des haarigsten Werks der Musikgeschichte: fürs Musical «Hair» also.

1968 wurde es am New Yorker Broadway uraufgeführt, und es traf den damaligen Zeitgeist perfekt. Die Hippie-Protagonisten frönten der freien Liebe, erlebten Drogentrips, brüskierten die Reichen, protestierten gegen den Vietnamkrieg, zeigten sich nackt. Vor allem aber sangen sie Songs, die das Musical sehr rasch zum weltweiten Hit machten. Der Kanadier Galt MacDermot hat sie geschrieben, ein Kirchenmusiker, der ein paar Jahre in Südafrika studiert hatte und danach eine Doppelexistenz als Organist und Jazzpianist führte. Als er von den «Hair»-Autoren Gerome Ragni und James Rado angefragt wurde, hatte er noch nie etwas von Hippies gehört.

Protest gegen eine bigotte Gesellschaft

Aber Songs schreiben konnte er, rhythmisch zündende, mystisch vernebelte, melodisch unwiderstehliche. «Let the Sunshine in» wurde zum Soundtrack einer Epoche, auch «Aquarius» taugte zum Hit. Und natürlich der Titelsong «Hair», eine Hymne aufs ungeschnittene, ungewaschene Haar, in der sich der Solist und der Chor in tatsächlich fast kirchenmusikalischem Wechsel hochsteigern bis zu den denkwürdigen Schlusszeilen: «My hair like Jesus wore it / Hallelujah, I adore it / Hallelujah, Mary loved her son / Why don’t my mother love me?»

Da ist alles drin: das Sendungsbewusstsein der Hippies und ihr durchaus blasphemischer Protest gegen eine bigotte Gesellschaft, der Krach mit den Eltern und der Grammatikfehler, mit dem man die brav gescheitelten Streber ärgern konnte.

«Hair» verlor seine Wirkung auch dann nicht, als die Jugendlichen wieder öfter zum Coiffeur gingen. Milos Forman hat das richtig eingeschätzt und das Musical 1979 als Film herausgebracht. Die episodenhafte Anlage hat sich darin zur stringenten Geschichte verfestigt, die Hauptfigur Claude ist nicht mehr bisexuell, und der Alpha-Hippie Berger stirbt im Vietnamkrieg. Der war damals zwar längst vorbei, aber immer noch ein Trauma; die Szene, in der Berger vom Militärflugzeug verschluckt wird, gehört zu den stärksten pazifistischen Plädoyers der Filmgeschichte.

Die übrig gebliebenen Freunde treffen sich dann allerdings als lauter klassische Paare auf dem Friedhof: ein deutliches Zeichen dafür, dass die Musical-Utopie ihr Verfallsdatum damals bereits überschritten hatte. Nur die Musik lebt bis heute.