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Papablog: Autonome KinderNoten? Die gehen mich doch nichts an!

Warum unser Autor nicht viel davon hält, sich ständig in das Leben seiner Kinder einzumischen.

Am ersten Schultag brauchen sie noch Support. Doch bald schon müssen die Kinder ihren eigenen Weg gehen – findet Blogger Pickert.
Am ersten Schultag brauchen sie noch Support. Doch bald schon müssen die Kinder ihren eigenen Weg gehen – findet Blogger Pickert.
Foto: Archiv Tamedia

Haben Sie auch so ein Elternblasenstörgefühl? Also diesen Eindruck, dass sie mit befreundeten Eltern über sehr viele Dinge zumindest auf dem Papier gleicher Meinung sind, aber es zugleich immer mindestens diese eine Sache gibt, die alle anderen befremdlich finden? Oder unverständlich? Oder abstossend? Bei mir ist das jedenfalls so. Es gibt eine ganze Reihe von Werten und Prinzipien, über die ich mit befreundeten Eltern ein angenehmes Gefühl von Nähe und Verständnis erzeugen kann – sonst wären wir auch gar nicht befreundet.

Man bekennt sich zu egalitären Werten, zu Gewaltfreiheit, liebevoller Erziehung und wohlwollender Aufmerksamkeit gegenüber den Kindern. Darüber hinaus teilt man den Stress und die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, Vater oder Mutter von einem oder mehreren Kindern zu sein, ohne dabei den eigenen Nachwuchs zu diffamieren.

Einfach nicht mein Bereich

Das ist etwas, das in meiner Kindheit noch ganz anders war. Die Erwachsenen meiner Kindheit haben ihre Kinder mit für mich offensichtlichem Genuss vor anderen Erwachsenen lächerlich gemacht und denunziert. Ich fand das immer gruselig. Deshalb schätze ich es heute umso mehr, wenn Eltern ihre Überforderung und den Ärger, den sie mit ihren Kindern haben, kommunizieren können, ohne den Nachwuchs dabei komplett in die Pfanne zu hauen und lächerlich zu machen. Eltern, die diese Art von Respekt für ihre Kinder aufbringen, sind mir grundsympathisch.

Aber selbst mit den meisten von denen gibt es da diese eine Sache, bei der sie mich mit diesem «Hä, was stimmt denn nicht mit dir?»-Blick anschauen. Und das betrifft meine scheinbar mangelnde Anteilnahme am Leben meiner Kinder – insbesondere meiner pubertierenden Kinder. Ob sie ein neues Hobby aufnehmen oder ein altes fallen lassen, mit wem sie befreundet sind und wie ihre schulischen Leistungen sind. All das scheint bei mir nur ein Achselzucken hervorzurufen, während es andere Eltern, beschäftigt, agitiert und dazu treibt, tätig zu werden und sich einzumischen.

Autonomie ist nichts, was einem mit der Volljährigkeit in einem Paket überreicht wird, und dann hat man sie.

Falls einmischen zu wertend klingt, könnte man auch sagen: «Verantwortung übernehmen». Nur ist es eben in meinen Augen nicht ihre Verantwortung, sondern die ihrer Kinder. Und es ist auch nicht so, dass es mich nicht interessiert, ganz im Gegenteil: Ich freue mich darüber, wenn meine Kinder ihr Leben und ihre Gefühle mit mir teilen, ihre Erfolge und ihre Rückschläge, ihre Hoffnungen und Pläne. Ich will das gerne wissen und freue mich darüber, ein Teil davon zu sein. Aber ich finde, dass ich dazu eingeladen werden sollte, weil es einfach nicht mein Bereich ist.

Autonomie kommt nicht mit der Volljährigkeit

Je älter und autonomer meine Kinder werden, desto mehr will und sollte ich mich auf eine Position zurückziehen, die Raum für ihre eigenen Entscheidungen lässt. Autonomie ist nichts, was einem mit der Volljährigkeit in einem Paket überreicht wird, und dann hat man sie. Das Recht auf Autonomie ist immer da, und es wird im Heranwachsen eines Kindes immer mehr mit dem Anspruch auf Autonomie gefüllt.

Mein erzieherisches Handeln ist in diesem Punkt aber nicht nur von einem Ideal oder einem Konzept im Sinne von «Das ist gut für meine, Kinder, so mache ich das» geprägt, sondern auch von reinem Eigennutz und dem, was man heute «Self Care» nennt. Ich will meine Kinder nicht bis zur Matura tragen. Ich habe andere Dinge zu tun, als sie zum hundertsten Mal an ihre Violinenstunden zu erinnern (unter anderem eben auch drei andere Kinder, die alle auch noch was wollen), sie zu motivieren, zu überreden und anzutreiben.

Ich bin kein Trainer, kein Cheerleader, kein Manager, kein Berufsberater, kein Lehrer und kein Psychologe. Ich bin ihr Vater. Ich bringe sie gerne zu ihren Violinenstunden, ich rede mit ihnen über Berufswünsche und ärgere mich mit ihnen über falsche Freunde, miese Schulnoten, fiese Lehrer und verpasste Gelegenheiten. Aber nicht als Antreiber, nicht als Kontrolleur, nicht als Letztinstanz.

Lasst uns daran glauben

«Wofür», frage ich oft befreundete Eltern, «wofür macht ihr das?» Damit alles seinen Gang geht, damit die Kinder nicht verletzt werden, damit sie nicht nur stundenlang Youtube-Videos glotzen und vollkommen gelangweilt wichtige Weichenstellungen für ihr Leben verpassen. Ich versteh das, das wurmt mich auch oft genug. Aber zugleich frage ich mich, wie viele Menschen wir kennen, denen ein gerader, konfliktfreier Weg beschieden war. Die immer gemacht haben, was man ihnen sagt und denen es immer zum Vorteil gereicht hat, sich von ihren Eltern aus Faulheit, Langeweile oder auch den eigenen Überzeugungen «erzogen haben zu lassen».

Um das noch einmal ganz klar zu sagen: Ich plädiere nicht für allgemeine Wurstigkeit und desinteressierte Gleichgültigkeit. Und schon gar nicht gegen Notfallmassnahmen und Rettungsaktionen, wenn es richtig brenzlig und gefährlich wird. Ich plädiere dafür, daran zu glauben, dass Kinder wissen, mit welchen Noten sie ihre Matura verkacken und wie sehr das ihre Optionen beschränken würde. Man hat es ihnen ja oft genug erzählt. Wir haben es ihnen oft genug erzählt. In den allermeisten Fällen wissen Kinder, was richtig und was falsch ist, was ihnen nützt und was nicht. Was man tun und was man doch besser lassen sollte. Immerhin haben wir es ihnen ja beigebracht. Wir müssen nur noch daran glauben.

9 Kommentare
    Maria Sah

    Auf jemanden wie mich war das System wie auch meine Eltern überhaupt nicht vorbereitet. Das System basierte damals noch viel mehr als heute auf starren Geschlechterrollen und angeblich nur zusammen auftretenden Fähigkeiten.

    Die allemeisten Leute meinten, mich in irgend eine Schublade quetschen zu müssen, obwohl bei unvoreingenommenem Hinsehen zu erkennen gewesen wäre, dass ich in keine reinpasse.

    Sie meinten, dass ich ja nur so und so tun müsse und schon würden sich Problem X oder Y lösen. Sie erkannten trotz meiner Erklärungen nicht, dass ich ihre Lösungswege gar nicht umsetzen konnte, da meine Wahrnehmung und Informationsverarbeitung so ganz anders war als die ihrige.

    So musste ich letztlich fast alles ganz einsam und allein lösen.

    Die wenigen nützlichen Hilfen die es trotzdem gab waren unabsichtlich.

    So schlimm das auch war, hat es mir wahrscheintlich viel geholfen, in dieses Berufsfeld zu kommen in dem ich heute bin, wo genau solche unkonventionelle Analyse gefragt ist.