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Analyse zum virtuellen WEFDas Drama des Klaus Schwab

Er will die Mächtigsten zur Zusammenarbeit bewegen und huldigt letztlich doch nur der Macht. Das hat sich am Montag erneut gezeigt. Nur Verschwörungstheoretiker glauben an den überragenden Einfluss des WEF-Gründers.

Der chinesische Staatschef Xi Jinping (rechts) hielt am Montag die Antrittsrede zum virtuellen WEF – WEF-Gründer Klaus Schwab (links) führte ihn schmeichelhaft ein.
Der chinesische Staatschef Xi Jinping (rechts) hielt am Montag die Antrittsrede zum virtuellen WEF – WEF-Gründer Klaus Schwab (links) führte ihn schmeichelhaft ein.
Foto: AFP Photo / World Economic Forum

Es ist WEF, aber kaum jemand merkt etwas davon. Zwar ist auch diese Woche die Veranstaltung des Weltwirtschaftsforums mit «Davos 2021» und «Davos-Agenda» überschrieben, aber mit dem Bündner Bergort hat sie nichts gemein: «Davos» findet wegen der Corona-Krise nur im Netz statt.

An prominenten Rednerinnen und Rednern fehlt es dennoch nicht. Am Montag machte der chinesische Staatschef Xi Jinping den Auftakt. Er, der in seinem Land die Menschenrechte mit Füssen tritt und seine Macht im In- und Ausland aggressiv auszubauen bestrebt ist, konnte am WEF wiederholt den Staatsmann geben, der um die internationale Kooperation besorgt ist. Im Lauf der Woche folgen weitere Staatschefs, darunter der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin.

WEF-Gründer Schwab selbst hat sich jüngst mit Interviews und Texten derart ins Zeug gelegt, dass man glauben könnte, er wolle das Aufmerksamkeitsdefizit wettmachen. Und mit seinem mit dem französischen Ökonomen Thierry Malleret verfassten Werk «The Great Reset» ist ihm das auch gelungen.

Im Visier der Verschwörungstheoretiker

Besondere Beachtung erregt hat das Buch allerdings nicht wegen seines Inhalts und auch nicht beim Zielpublikum: den Eliten aus Wirtschaft und Politik. Für Furore gesorgt hat es bei den Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretikern dieser Welt. Im Titel sahen sie den Beleg für die dunklen Absichten der Mächtigsten, auf Kosten aller anderen das System umzukrempeln beziehungsweise neu zu starten. Denn übersetzt heisst der Buchtitel «Der grosse Neustart». Vermutlich deshalb erhielt die deutsche Ausgabe des Werks den weniger verfänglichen Titel «Der grosse Umbruch».

«Es geht um die Kontrolle der Welt und die Weltherrschaft, und das Schlimmste ist, dass es gerade passiert.» So fasst eine Leserin beim Onlinehändler Amazon zusammen, wie sie Schwabs Absicht versteht. Verschiedene Medien weltweit berichteten von Demonstrationen, auf denen Schwabs Absichten nicht minder als hinterhältige Verschwörung gegen die Freiheit der Menschen verstanden wurden.

Der Vorwurf könnte nicht absurder sein. Möglicherweise hatte diese Reaktion aber zumindest einen Aspekt, der Schwab geschmeichelt hat. Immerhin scheinen diese Leute zu glauben, er und sein WEF könnten tatsächlich den Gang der Dinge beeinflussen – ganz gemäss dem eigenen Anspruch. Es hätte jedoch genügt, neben dem Titel auch den Text im Buch zu beachten. Dann wäre klar geworden, wie gut es Schwab eigentlich meint mit der Welt – aber auch, wie absurd die Vorstellung ist, dass er den Gang der Dinge beeinflusst.

Bloss Huldigung der Macht

Der Text enthält nichts, was auf dunkle Pläne hinweist. Aber auch sonst nichts Überraschendes. Schwab riskiert nie etwas. Er greift wie schon in früheren Veröffentlichungen nur Themen auf, mit denen er niemanden erschreckt oder brüskiert. Das Buch ist eine Ansammlung von Themen, die auch sonst schon breit debattiert werden – wie zum Beispiel Klimawandel, Ungleichheit oder Geldpolitik. Neues zu diesen Debatten ist nicht zu finden.

Schwabs Lebenswerk hat Bedeutung. Immerhin brachte er es fertig, die mächtigsten Leute der Welt aus Politik und Wirtschaft jährlich in Davos zu versammeln. Dass das Treffen zu einer Plattform wird, um die Welt zu verbessern, war und ist noch immer der erklärte Anspruch der Veranstaltung. Doch Schwab selbst war es, der deutlich gemacht hat, dass es trotzdem nie um mehr ging als um die Huldigung der versammelten Macht. Den bisher deutlichsten Beweis dafür lieferte er vor genau drei Jahren beim ersten Besuch von Donald Trump in Davos.

Der damalige US-Präsident verspottete und verunglimpfte die vom WEF hochgehaltenen Anliegen. Statt auf internationale Kooperation und eine Verantwortung der Eliten, setzte er auf das Recht der Stärkeren und den nationalen Egoismus. Niemand hätte erwartet, dass der WEF-Gründer seinen mächtigen Gast deswegen hart angeht. Doch Schwab tat das exakte Gegenteil: Er lobte ihn für seine Politik – etwa die Steuersenkungen, die vor allem den Reichsten zugutekamen. Und er verteidigte Trump vor seinen Kritikern: Trump werde eben oft fehlinterpretiert und missverstanden, meinte der WEF-Gründer vor einem derart verblüfften Publikum, dass das darauf folgende Raunen im Saal deutlich hörbar war.

In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» hat Schwab nun erklärt, er würde es sich überlegen, ob er Trump wieder einladen würde, und die Antwort sei wahrscheinlich nein. Leider steht das nicht für einen Gesinnungswandel, für Einsicht oder für Courage. Schliesslich ist Trump weg von der Macht. Nicht so Xi Jinping. Doch auch hier unterliess es Schwab, den Gast auch nur im Entferntesten zu kritisieren – im Gegenteil. Die Verschwörungstheoretiker irren: Schwab ist keine Gefahr für die Welt. Er hat für den Gang der Dinge schlicht keine Bedeutung.

94 Kommentare
    Peter Winzeler, Prof. Theol.

    Letzter Satz des Artikels: "Schwab ist keine Gefahr für die Welt. Er hat für den Gang der Dinge schlicht keine Bedeutung." Warum machen die gleichwohl im Gleichschritt mit?