«Wir wollen den Umsatz von Syngenta verdoppeln»

ChemChina-Chef Ren Jianxin und der neu gewählte Syngenta-Vizepräsident Michel Demaré über Ambitionen, die Zeit der Übernahme und einen möglichen Ausbau in Basel.

Über den Dächern Basels. Der Chef des chinesischen Staatskonzerns, Ren Jianxin, und der Syngenta-Vizepräsident Michel Demaré beim Treffen im Grand Hotel Les Trois Rois.

Über den Dächern Basels. Der Chef des chinesischen Staatskonzerns, Ren Jianxin, und der Syngenta-Vizepräsident Michel Demaré beim Treffen im Grand Hotel Les Trois Rois.

(Bild: Lucian Hunziker)

BaZ: Herr Ren, wie ist Ihr Bild von der Schweiz?
Ren Jianxin: Die Schweiz ist für mich das Dach von Europa, nicht nur geografisch, sondern auch im übertragenen Sinne, politisch und wirtschaftlich. Dach bedeutet auf Chinesisch Spitze, und die Schweiz ist Spitze, gerade im Pharma- und Bankenbereich, aber auch im Tourismus, und in der Industrie, etwa in der Uhrenbranche. Meine Rado-Uhr trage ich seit mehr als 20 Jahren (zeigt sein Handgelenk). Ich habe viel Vertrauen in die Schweiz, auch wenn ich im Gegensatz zu vielen anderen Menschen aus aller Welt hier kein Bankkonto habe (lacht).

Wie sehen Ihre Landsleute die Schweiz?
Ren: In China steht die Schweiz für Qualität und höchste Präzision bei sämtlichen Produkten. Die Chinesen kennen die Schweiz als freundliches, friedliches und gebildetes Land. Für Millionen von chinesischen Bauern ist «Syngenta» der wichtigste Markenname überhaupt. Er repräsentiert für sie die besten Pflanzenschutzmittel und das beste Saatgut.

Welches sind Ihre Erfahrungen mit der Schweizer Politik?
Ren:Die Schweiz war eines der ersten Länder, welche die Volksrepublik China nach deren Gründung im Januar 1950 anerkannt haben. Sie hat auch sehr früh Handelsbeziehungen mit China aufgenommen und ein Freihandelsabkommen geschlossen. Noch wichtiger waren der erfolgreiche Staatsbesuch von Präsident Xi Jinping am letzten World Economic Forum in Davos und die vielen produktiven Gespräche mit Bundespräsidentin Leuthard und mit ihrem Vorgänger Johann Schneider-Ammann und die daraus resultierende strategische Partnerschaft.

Wann war Ihr erster Besuch in der Schweiz?
Ren: Das war 2008, als ich eine persönliche Einladung von Klaus Schwab ans WEF annahm. Seither bin ich mit Herrn Schwab befreundet.

Wann hatten Sie erstmals Kontakt mit Syngenta?
Ren: 2009 habe ich die Firma erstmals besucht. Ich war von Beginn an sehr beeindruckt. Syngenta ist eines der Kronjuwelen der Schweizer Industrie. Syngenta ist für uns wie eine Prinzessin.

Wann trafen Sie sich zum ersten Mal?
Ren: Das erste Treffen mit Michel erfolgte im Mai 2015.
Demaré: Wir trafen uns mitten im feindlichen Angriff von Monsanto. Viele Unternehmen begannen miteinander zu reden. Rens Besuch war wie «frische Luft» für mich, weil das übrige Umfeld sehr feindlich war. Ren machte sein Interesse an uns deutlich – und das auf eine freundliche Art und Weise. Dies schaffte rasch viel Vertrauen. Ich verstand sofort die strategischen Interessen, die er verfolgte.

Welches waren die grössten Hürden im Übernahmeprozess?
Demaré: Der Angriff von Monsanto war eine schwierige Zeit für uns. Als Resultat begann sich die ganze Industrie zu bewegen. Ich war in Kontakt mit Ren, aber ich hatte gleichzeitig auch Kontakte mit anderen Interessenten. In der nächsten Phase, den Verhandlungen, ging es um den Kaufpreis, die Governance, viele Details. Es waren intensive Diskussionen, es gab auch kritische Momente, aber wir waren immer in der Lage, die Probleme und Unterschiede anzusprechen und sie zu lösen.

Was hat Sie in den Gesprächen überrascht?
Demaré: Der stark strategische Fokus eines chinesischen Staatsunternehmens war für mich überraschend. Ich erinnere mich an ein Treffen in Peking, an dem mir Ren das Dokument Nummer 1 der chinesischen Regierung für die letzten Jahre zeigte. Daraus geht die strategische Bedeutung der Landwirtschaft für China klar hervor.

Es handelt sich um die grösste Auslandsinvestition Chinas. Welchen Anteil an den Syngenta-Aktien hält ChemChina aktuell?
Ren: Es sind fast 98 Prozent, um exakt zu sein: 97,9 Prozent.
Demaré:Uns fehlen Stand vom Wochenende noch 50'000 Aktien, um die 98 Prozent zu erreichen, die für die Kraftloserklärung nötig sind. Vielleicht geschieht dies ja noch.

Wer sind die Gewinner bei diesem Geschäft?
Ren:Diese Übernahme ist im besten Interesse der Bauern in China, der Schweiz und in der ganzen Welt. Europa und Nordamerika haben eine sehr fortschrittliche Landwirtschaft. Für die sechs grössten Agrochemie-Konzerne, darunter Syngenta, ist das zusätzliche Wachstumspotenzial in diesen Regionen daher eher begrenzt. Sie müssen sich vermehrt in die aufstrebenden Märkte wie China und die anderen Bric-Länder bewegen.

Sie sprechen von der Landbevölkerung Chinas. Ist der Kampf gegen die Armut auch ein persönliches Anliegen?
Ren: Ja, selbstverständlich. Ich arbeite jeden Tag sehr, sehr hart, um den Wohlstand aller Chinesen zu verbessern – durch unsere harte Arbeit, unser Wissen und unser Können tragen wir etwas dazu bei. Präsident von Syngenta zu werden, heisst auch, die Modernisierung der chinesischen Landwirtschaft voranzutreiben. In den letzten vier Jahren ist es der Regierung gelungen, jedes Jahr zehn Millionen Menschen aus der Armut zu führen. Bis 2020 sollen es 70 Millionen Menschen sein. Das ist fast so viel wie die gesamte Bevölkerung Deutschlands.

Wer hat entschieden, die Verhandlungen mit Syngenta aufzunehmen? War dies eine rein strategisch-politische Entscheidung oder auch eine wirtschaftliche?
Ren: Es ist ein Deal, ein in jeder Hinsicht sehr grosser und bedeutender Deal. ChemChina kann einen sehr erfolgreichen Leistungsausweis bei Auslandsinvestitionen und Übernahmen vorweisen. Die übernommenen Firmen sind stark gewachsen, manche haben ihren Umsatz mehr als verdoppelt. Ich bin überzeugt, dass dies auch mit Syngenta der Fall sein wird.

Wie finanzieren Sie diesen Kauf?
Ren: Geld ist bei jeder Übernahme der kritische Faktor. Auch für uns geht es hier um eine sehr grosse Summe, die wir glücklicherweise in verschiedene Beiträge aufteilen konnten. Etwa die Hälfte der Summe kommt von mehreren internationalen Banken als Fremdkapital. Der Eigenkapitalanteil besteht aus einer internen Finanzierung durch ChemChina und aus Beiträgen von Finanzinvestoren und grossen Banken. Die Finanzierung ist uns gelungen wegen des inneren Werts und der Attraktivität von Syngenta. Auch die Umsatz- und Ertragszahlen von Syngenta sind exzellent. Aus diesem Grund gab es sogar einen internationalen Ansturm von Investoren und es kam zu Überzeichnungen.

In der Öffentlichkeit regte sich hierzulande Widerstand gegen die Übernahme. Haben Sie das so erwartet?
Demaré: Ja, denn eine Übernahme durch ein chinesisches Unternehmen ist etwas Neues für unsere Kultur. Es war wichtig, dass wir vor Verhandlungsabschluss aktiv informierten und eine Debatte in der Schweiz anregten. Das half, für den Deal zu sensibilisieren. Dennoch gibt es bis heute Leute, die Vorurteile haben und in Klischees denken. In China leben 1,3 Milliarden Menschen, daher sollte man keine Verallgemeinerungen machen, auch wenn es wie überall in Einzelfällen zu Problemen kommen kann. Wir müssen jetzt zeigen, dass sich die Skeptiker irren. ChemChina hat einen soliden Leistungsausweis für internationale Akquisitionen. Und wir haben gemeinsam eine erstklassige Governance ausgehandelt. Jetzt müssen wir alle hart arbeiten, um diese umzusetzen.
Ren: Ich habe mir keine besonderen Sorgen gemacht zu diesem Thema. Die Schweiz hat eine offene und integrative Gesellschaft. Zudem vertraue ich Michel und seinem Team, dass es gute Aufklärungsarbeit leistet. Die Leute müssen sich bewusst sein, dass Syngenta nur wachsen kann, wenn wir nach Asien expandieren.

Ist also Wachstum in China das Hauptziel der neuen Strategie von Syngenta?
Ren:Ja. China ist der wichtigste Wachstumsmarkt für Syngenta. Aber China kann auch als Sprungbrett dienen, um im ganzen asienpazifischen Raum zu wachsen.

Welches sind Ihre Erwartungen an Syngenta?
Ren: Wir wollen den Umsatz von Syngenta in den nächsten fünf bis zehn Jahren verdoppeln, so wie wir das mit anderen Tochterfirmen auch gemacht haben. Das Unternehmen investiert heute jährlich rund 1,3 Milliarden Franken in Forschung und Entwicklung und ich denke, dass wir dieses Niveau aufrechterhalten werden. Wir haben interessante Produkte in der Pipeline und werden jedes Jahr neue Produkte und Lösungen lancieren. Die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Produkten ist in China und anderen Entwicklungsländern riesig.

Welches sind die Konsequenzen für Basel und die Schweiz? Sie haben kürzlich die Pläne für das neue Hauptgebäude aufgegeben...
Ren: Davon habe ich erfahren, als ich heute in Basel angekommen bin.
Demaré: Er wusste nichts davon, weil es eine operative Entscheidung war. Wir haben in den letzten Jahren für 210 Millionen Franken den Hauptsitz renoviert und Grossraumbüros eingeführt. Während der Bauarbeiten haben wir festgestellt, dass wir die zusätzlichen Büros nicht brauchen – auch weil viele Mitarbeitende neu von zu Hause aus oder unterwegs arbeiten. Weiter haben sich die kurzfristigen Wachstumsaussichten verändert, weshalb wir auf den 30 Millionen Franken teuren Neubau verzichtet haben. Wir erzielen gute Resultate, auch weil wir die Kosten kontrollieren. Solange wir die Kosten im Griff haben, besteht keine Gefahr, dass wir Stellen abbauen.
Ren:Basel bleibt der Hauptsitz des Unternehmens. Dies ist Teil unserer schriftlichen Übernahmevereinbarung mit Syngenta, die auch Verpflichtungen gegenüber der Schweiz oder über das Festhalten an der Marke enthält. Ausserdem wollen wir das bestehende Management und die Belegschaft halten. Hinzu kommen die höchsten Standards bezüglich Corporate Governance. Wir haben auch bei anderen Auslandsakquisitionen solche Übereinkommen und Zugeständnisse gemacht, und dies hat bisher sehr erfolgreich funktioniert.

Sind damit auch Jobgarantien verbunden oder die Aussicht, dass Sie in Basel ausbauen werden?
Demaré:Versprechen können wir es nicht. Kein Unternehmen gibt ohne Weiteres Jobgarantien auf unbestimmte Zeit ab. Die Zahl der Stellen kann sich aber erhöhen, wenn sich die Industrie gut entwickelt. Sollten wir hier in Basel beispielsweise die Gelegenheit erhalten, Aktivitäten für den chinesischen Markt zu entwickeln, kann das eine Chance für den Standort Schweiz sein.
Ren: Das Momentum spricht dafür, mehr Jobs zu schaffen und auch mehr Steuereinnahmen zu generieren. Wenn unsere Vision von einer doppelt so grossen Syngenta Realität wird, dann werden wir auch mehr Produktionskapazitäten und weitere Arbeitskräfte brauchen, was sich auch in der Schweiz auswirken dürfte.

Was wird nach den fünf Jahren geschehen, wenn die Frist für die Vereinbarungen ausläuft?
Ren: Wenn wir liefern, was wir versprechen, können unsere Vereinbarungen unverändert weitergeführt werden. Basel ist einzigartig mit Blick auf seinen Reichtum an Pharma-, Chemie- und Biotechunternehmen. Vieles spricht für diesen Standort, an dem Syngenta seine Wurzeln hat. Neben der Tradition und dem Erbe des Unternehmens sind auch die Infrastruktur und die vorhandenen Ressourcen von hohem Wert.
Demaré: Die vereinbarte Frist von fünf Jahren ist auch in anderer Hinsicht wichtig. In diesem Zeitraum wollen wir die Idee verfolgen, einen Teil der Syngenta-Aktien mit einem Börsengang erneut dem Anlegerpublikum zugänglich zu machen. Wenn wir den IPO umsetzen, werden wir eine Führungsstruktur und eine Governance benötigen, wie wir sie heute haben. Kommt der Börsengang nicht, weil der Markt diesen nicht erlaubt, haben wir fünf Jahre Zeit, um unter Beweis zu stellen, dass die vereinbarten Strukturen für unser global orientiertes Geschäft funktionieren.

Wann stellt sich die Frage nach dem erneuten Börsengang? Bereits in einem oder zwei Jahren?
Demaré: Darüber entscheidet der Markt …
Ren: … Und dieser zeigt in jüngster Zeit Zeichen von Erholung.
Demaré: Wichtig ist zu wissen, dass ChemChina zu Beginn der Verhandlungen lediglich ein Angebot über 70 Prozent für Syngenta abgeben wollte. Das ist in der Schweiz gesetzlich nicht zulässig, weshalb ein Angebot über die vollen 100 Prozent eingereicht werden musste. Das ist der Hintergrund, weshalb wir einen erneuten Börsengang erwägen.

Sie sprachen eben die weltweite Orientierung an.
Demaré:Es ist für Syngenta wichtig, dass wir auf der ganzen Welt erfolgreich Geschäfte tätigen – angesichts der Summe von 43 Milliarden Dollar, die ChemChina für das Unternehmen bezahlt hat und die wir rechtfertigen müssen. Dazu gehört für mich, dass wir gegenüber unseren Kunden und Mitarbeitern weiterhin die bewährten Regeln unseres westlich geprägten Unternehmens an den Tag legen.

Herr Demaré, «Syngenta bleibt Syngenta» ist ein häufig zitierter Satz von Ihnen.
Demaré: Manche haben ihn sogar schon zu oft gehört.

Wird Syngenta tatsächlich ein schweizerisches respektive ein westliches Unternehmen bleiben?
Demaré: Es ist essenziell, dass wir dieses Versprechen einhalten. Wenn ChemChina die genannte Summe für Syngenta aufbietet, dann verbinden sich damit Erwartungen an unsere Entwicklung. Wir wollen führend im Pflanzenschutz bleiben und unsere Präsenz im Bereich Saatgut steigern. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir im Markt akzeptiert sind. Zugleich muss es uns gelingen, Impulse für die Modernisierung der Landwirtschaft in China zu geben – damit verbindet sich die Möglichkeit, Märkte und Geschäfte zu erschliessen, die wir früher nicht erreichen konnten.
Ren: Ich darf bekräftigen: Syngenta bleibt Syngenta. Allerdings wird Syngenta noch stärker werden.

Die ganze Industrie ist derzeit in Bewegung: Gleich drei Mega-Transaktionen halten die Branche in Atem. Was treibt diese Konsolidierung?
Ren: In der Tat erleben wir eine grosse Konsolidierungswelle. Wir haben den Vorteil, dass wir die Ersten sind, die einen Abschluss vorweisen können. Die Globalisierung erleben wir ganz direkt durch die Integration der verschiedenen Wirtschaftsräume. Der jüngst vernehmbare Widerspruch, manche sagen auch Lärm, gegen die Globalisierung, entspricht meiner Wahrnehmung nach nicht der Überzeugung der Mehrheit der Bevölkerung. Die Unterschiede zwischen westlichen und östlichen Unternehmen werden künftig zunehmend verschwinden und es entstehen noch stärker global orientierte Unternehmen. Früher geisselten phasenweise Hunger, Krankheiten und Kriege die Menschen in verschiedenen Regionen. In diesem Jahrhundert wollen alle Menschen weltweit länger und gesünder leben. Dazu wollen wir als Unternehmen einen Beitrag leisten – zusammen mit der Schweiz, die im Bereich Life Sciences führend ist.
Demaré: In einem neuen Pflanzenschutzmittel stecken zehn bis zwölf Jahre Arbeit und eine Investition von über 250 Millionen Franken. Es ist daher wichtig, bei den Umsätzen die kritische Masse zu erreichen. Unser Vorteil ist, dass ChemChina in dieser Konstellation einen langen Investitionshorizont aufweist.

Im Verwaltungsrat von Syngenta haben vier unabhängige Vertreter Einsitz, die ein Vetorecht bei strategischen Entscheiden besitzen. Sind dem harte Verhandlungen vorausgegangen?
Ren: Wir sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit mit dem bisherigen Verwaltungsrat und prüfen nach Möglichkeit, ob wir die Mitglieder des Verwaltungsrats, die aus dem Gremium ausscheiden, nicht für andere ChemChina-Unternehmen in Europa nominieren können. Michel Demaré hat das Unternehmen mit höchsten professionellen Standards geführt und ist sehr verantwortungsbewusst, daher behält er eine besondere Rolle. Er war ein äusserst harter Verhandlungspartner, der die Interessen von Syngenta so gut vertreten hat, dass wir uns zwischendurch auch mal in die Haare geraten sind. Es kommt vom Herzen wenn ich sage, dass Michel für mich wie ein Lehrer und Mentor ist.

Herr Demaré, fürchten Sie einen Clash der Kulturen?
Demaré: Nein, denn das Führungsteam bleibt bestehen. Die beiden Unternehmenskulturen werden schrittweise erfolgreich zusammenwachsen. Wir haben Mitarbeiter auf beiden Seiten, die bereits viel internationale Erfahrung gesammelt haben. Ein Vorteil in den kommenden Monaten und Jahren ist es sicher, dass wir keine Geschäfte verschmelzen müssen: Wir machen keine Fusion, Syngenta bleibt ein eigenständiges Unternehmen. Das ist win-win für alle Seiten.

Herr Ren, wie oft werden Sie künftig in Basel präsent sein?
Ren: Das kommt darauf an, wie oft es Michel erlaubt (lacht). Im Ernst: Basel gefällt mir und ich hoffe auf viele Gelegenheiten, vor Ort zu sein. Zugleich ist ChemChina ein solch grosses Konglomerat, dass ich dafür jeden Tag 15 bis 16 Stunden Arbeitszeit aufwende und das 365 Tage im Jahr. Nach der Übernahme von Pirelli vor zwei Jahren war ich lediglich zwei Mal in Mailand – und nehme dennoch meine Verantwortung als Chairman des Unternehmens wahr, unter anderem dank Videokonferenzen.

Anfang 2016 haben Sie sich mit ChemChina zu zwölf Prozent an dem in Genf ansässigen Energieunternehmen Mercuria beteiligt. Was ist das Ziel dieser Investition?
Ren: Es handelt sich um ein junges Unternehmen, das etwas mehr als zehn Jahre besteht, und dessen Management gute Arbeit macht. Wir unterhalten bei ChemChina einen strategischen Bereich, der im Energiesektor und im Bereich der Raffinerien aktiv ist. Die Kenntnisse und Erfahrungen von Mercuria in diesem Sektor sind sehr wertvoll für uns.

Immer wieder berichten Medien über Gerüchte aus China, dass Ihr Unternehmen, ChemChina, und SinoChem verschmelzen sollen. Werden wir im kommenden Jahr eine Fusion erleben?
Ren: Es handelt sich lediglich um Gerüchte. Als diese aufkamen, haben sowohl SinoChem als auch wir das klargestellt. Beide Unternehmen sind sehr erfolgreich und werden gut geführt.

Auch der Syngenta-Kauf durch ChemChina war anfangs nur ein Gerücht.
Ren: Die Übernahme von Syngenta war nie ein Gerücht, sondern ein offenes Bieterverfahren, an dem Monsanto, ChemChina und andere beteiligt waren.
Demaré: Das Thema Übernahmen und Fusionen geniesst in China derzeit eine erhöhte Aufmerksamkeit. Das erklärt vielleicht, dass die Spekulationen nicht abbrechen. Die Gerüchte haben keinen Einfluss auf unsere Transaktion und die Zusammenarbeit mit ChemChina.

Haben Sie mit ChemChina weitere Unternehmen in der Schweiz im Blick?
Ren: (lacht) Die Schweiz ist reich an interessanten Unternehmen. Unser Anspruch ist es, den richtigen Schritt zur richtigen Zeit zu machen.

Hatten Sie in den vergangenen Monaten Kontakt zum Bundesrat gehalten?
Demaré: Ich habe Bundesrat Johann Schneider-Ammann und Bundespräsidentin Doris Leuthard gelegentlich informell über die strategischen Hintergründe informiert und ihnen erläutert, welches die Auswirkungen für die Schweiz sind – dies auch vor dem Hintergrund, welche Folgen eine Übernahme durch Monsanto gehabt hätte. In diesem Fall hätten sich für die Schweiz viel mehr kritische Fragen gestellt.

Syngenta wurde am Freitag in den USA zu einer Strafe von rund 218 Millionen Dollar verurteilt, weil Sie gentechnisch veränderten Mais auf den US-Markt gebracht haben, bevor China dessen Einfuhr erlaubt hatte. Sie kündigten bereits an, den Fall ans nächsthöhere Gericht weiterziehen zu wollen.
Demaré:Die Vorwürfe gegen Syngenta treffen nicht zu. Wir haben Berufung eingelegt. Aber Sie kennen die Eigenheiten des amerikanischen Justizsystems. Ich habe als ehemaliger ABB-Manager Erfahrung mit Sammelklagen. Wir gehen davon aus, dass uns dieser Konflikt über die kommenden Jahre begleiten wird. Einige Fälle werden wir gewinnen, bei den anderen werden wir weiter kämpfen.

Basler Zeitung

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