Falscher Feueralarm

Waldbrände nehmen weltweit nicht zu, sondern ab. Das zeigen wissenschaftliche Erhebungen.

Ein verbrannter VW-Käfer nach den verheerenden Waldbränden bei Redding im US-Bundesstaat Kalifornien.

Ein verbrannter VW-Käfer nach den verheerenden Waldbränden bei Redding im US-Bundesstaat Kalifornien.

(Bild: Keystone)

Alex Reichmuth

Die diesjährigen 1.-August-Feiern verliefen ungewöhnlich still. Fast alle Kantone hatten ein Feuerwerkverbot verhängt. Grund war die ausserordentliche Trockenheit und die damit verbundene Gefahr, dass Raketen, Vulkane und Böllerschüsse Brände auslösen. Die Schweiz ist dieses Jahr bisher von Waldbränden verschont geblieben. Nicht so andere Länder: Besonders hart getroffen wurde Griechenland. Dort rollte im Juli eine Feuerwalze über ein Dorf und zerstörte es völlig. Über neunzig Personen starben. Auch Schweden verzeichnete eine Serie von Waldbränden auf insgesamt 25'000 Hektaren. Im normalerweise kühlen skandinavischen Land herrschten wochenlang Temperaturen von über 30 Grad, und der Regen war seit zwei Monaten ausgeblieben. Aktuell kämpfen Kalifornien und Portugal wegen anhaltender Hitze und Trockenheit gegen Feuersbrünste. Bereits sind Todesopfer zu verzeichnen. Fast 20'000 Menschen mussten evakuiert werden.

In zahlreichen Berichten werden die Hitze und die Feuer mit der Erderwärmung in Verbindung gebracht. Medien im In- und Ausland vermitteln den Eindruck, die Waldbrände nähmen zu, und der Klimawandel sei der Grund dafür. «Wenn man sich vorstellt, dass es jetzt jeden Sommer solche Probleme geben könnte, hat das existenzielle Konsequenzen», warnte Nordeuropa-Korrespondent Bruno Kaufmann, als er in der SRF-Sendung «10vor10» aus einem schwedischen Feuergebiet rapportierte. «Schweden ist der jüngste Beweis für den Klimawandel», schrieb Die Welt. «Erst waren es die Gletscher – jetzt sind es die Feuer», kommentierte der Tages-Anzeiger. «Der Klimawandel ist keine ‹Fake News›», titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu Bildern der Zerstörung aus Griechenland.

Satellitenaufnahmen analysiert

Die Hitzewellen in Europa oder im Westen der USA sind gewiss aussergewöhnlich, und die Brände haben oft tragische Folgen. Was die suggerierte Zunahme der Brände angeht, ist hingegen Widerspruch nötig: Laut wissenschaftlichen Erhebungen vergrössern sich die Probleme mit Feuern nicht – ganz im Gegenteil. Vor einem Jahr kam ein amerikanisches Forscherteam unter Leitung von Niels Andela von der US-Raumfahrtbehörde Nasa im renommierten Fachblatt Science zu einem Schluss, der viele überrascht haben mag: Zwischen 1998 und 2015 hat die Fläche, die weltweit von Bränden betroffen ist, um 24 Prozent abgenommen. Ermittelt wurde dieser Rückgang aufgrund von Satellitenaufnahmen. Als wahrscheinlichste Ursache bezeichnete das Forscherteam nicht klimatische Änderungen, sondern die Ausdehnung menschlicher Aktivitäten, insbesondere der Landwirtschaft. Genutztes Gelände ist seltener von Feuersbrünsten betroffen als etwa Savannengebiete.

Das Resultat passt zu einer Studie von 2016 der britischen Forscher Stefan Doerr und Cristina Santin von der Universität Swansea, publiziert in Philosophical Transactions Of The Royal Society, das als ältestes Fachmagazin überhaupt gilt: Die weltweit abgebrannte Fläche hat seit 1995 abgenommen, nachdem sie während der 15 Jahre zuvor angestiegen war. Es gebe zudem starke Hinweise, dass heute eine geringere Fläche von Feuern betroffen sei als in früheren Jahrhunderten, schreiben Doerr und Santin.

Ebenfalls 2016 kam ein spanisch-italienisches Wissenschaftlerteam um Marco Turco von der Universität Barcelona zum Schluss, dass sowohl die Zahl der Brände als auch die verbrannte Fläche im europäischen Mittelmeerraum abgenommen haben. Zu diesem Raum gehört auch Griechenland. Gemäss dieser Studie, die im Magazin Plos One erschienen ist, sind effizientere Massnahmen in der Feuerbekämpfung der Grund für die Abnahme.

Keine Spur von einem Trend

Ebenso belegt der dänische Statistiker Björn Lomborg anhand von Daten der Europäischen Union eine Abnahme der Brände in Südeuropa. Gemäss einer Statistik, die er vor wenigen Tagen veröffentlich hat, hat sich die jährlich abgebrannte Fläche in diesen Ländern seit Beginn der 1980er-Jahre halbiert. Auch weiter im Norden Europas muss man sich wenig Sorgen punkto einer Zunahme von Feuern machen: In Deutschland wurden letztes Jahr 424 Waldbrände gezählt und damit so wenige wie seit vierzig Jahren nicht mehr, wie die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung Ende Juli mitteilte. Selbst in Kalifornien ist von einem Trend zu mehr Feuern keine Spur. Laut einer Studie der amerikanischen Forscher Jon Keeley und Alexandra Syphard von 2017 im International Journal of Wildland Fire ist die Zahl Brände seit 1980 deutlich zurückgegangen, nachdem sie in den Jahrzehnten zuvor noch angestiegen war.

«Die Klimawandel-Alarmisten verbrennen durch Studien, die einen Rückgang zerstörerischer Brände zeigen», titelte die Washington Post vor Kurzem mit Blick auf solche Forschungsresultate. Natürlich bedeutet eine Abnahme von Feuersbrünsten nicht, dass es keine Erderwärmung gibt. Manche der Autoren der erwähnten Studien weisen auch explizit darauf hin, die Brände hätten trotz tendenziell höherer Temperaturen abgenommen – wegen Faktoren, die nichts mit Klima zu tun haben, wie etwa effizienteren Massnahmen gegen die Entstehung von Feuern. Umgekehrt eignet sich die Waldbrand-Serie dieses Sommers aber ebenso wenig, um darin Zeichen eines immer dramatischeren Klimawandels zu erkennen.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt