Zum Hauptinhalt springen

Das Ende des Mittelmasses

Paul McCartney und sein gelungenes neues Album «Egypt Station».

Ein brillanter PR-Mann. Um seinen 76. Geburtstag im Juni gab Paul McCartney Interviews und Konzerte, um auf sein neues Album hinzuweisen.
Ein brillanter PR-Mann. Um seinen 76. Geburtstag im Juni gab Paul McCartney Interviews und Konzerte, um auf sein neues Album hinzuweisen.

Fast 50 Jahre ist es her, dass Paul McCartney die Beatles verliess und eine Solokarriere antrat. Zusammen mit John Lennon, George Harrison und Ringo Starr hatte er die Popmusik mit grossartigen Songs revolutioniert, die Medien mit zum Brüllen komischen Pressekonferenzen beglückt und besorgte Eltern mit den angeblich jugendverderbenden Bekenntnissen zum LSD und Cannabis-Konsum verängstigt. Wer behauptet, die 1960er-Jahre hätten die Welt nicht verändert, braucht nicht weiter zu schauen.

Solo würde er nie wieder die gleiche Strahlkraft entwickeln wie mit den Beatles, das war dem damals erst 27-jährigen McCartney bewusst, als er im April 1970 seinen Weggang publik machte. John Lennon hatte den eigenen Bandaustritt bereits 1969 angekündigt, diese Absicht auf Rat des Beatles-Managers Allen Klein hin aber geheim gehalten.

So war es McCartney, der das Ende der Beatles ausrief. Und dabei auch gleich Werbung für sein erstes, beinah gleichzeitig erschienenes Soloalbum «McCartney» machte. «Paul ist ein brillanter PR-Mann», kommentierte Lennon den Coup seines alten Widersachers halb verärgert, halb bewundernd. «Vielleicht ist er gar der beste PR-Mann im ganzen Musikgeschäft.»

Der Selbstvermarkter

McCartney brilliert auch heute noch als Selbstvermarkter. Der Rummel, den er um seinen 76. Geburtstag herum lostrat, um auf die bevorstehende Veröffentlichung seines 17. Soloalbums «Egypt Station» hinzuweisen, signalisierte Professionalität und Volksnähe zugleich.

Anfang Juni war McCartney nach Liverpool zurückgereist, um sich vor geladenem Publikum in den Räumen der von ihm mitbegründeten Akademie Liverpool Institute For Performing Arts (Lipa) interviewen zu lassen und zwei Geheimkonzerte im berühmten Cavern-Club und im obskuren Philharmonic-Pub zu spielen. Für ein «Carpool Karaoke» mit dem englischen Talkmaster James Corden fand er auch noch Zeit. Dokumentiert wurde diese brillant inszenierte Wurzelsuche mit Posts bei Instagram sowie Live-Streams über Facebook.

McCartney war schon immer ein wacher Geschäftsmann. In einem erbitterten Gerichtsstreit gegen seine alten Weggefährten erzwang er 1975 die endgültige Auflösung der Beatles – und sorgte mehr noch dafür, dass Allen Klein nach den Rolling Stones nicht auch sie abzocken konnte.

Heute soll Paul McCartney um die 770 Millionen Dollar wert sein. Das nicht allein wegen seiner Zeit mit den Beatles. Er ist der grösste unabhängige Musikverleger der Welt, ihm gehören die Rechte an den Musicals «Grease», «A Chorus Line» und «Guys And Dolls». Auch zählt McCartney neben Bruce Springsteen und Madonna zu den zugkräftigsten Attraktionen im Konzertgeschäft:» Wenn McCartney nicht auf Tournee ist, klafft in unserer Branche eine grosse Lücke, verriet ein amerikanischer Veranstalter Mitte der Nuller-Jahre der International Herald Tribune.

Neugefundenes Eheglück

Diesen Status hat sich McCartney redlich verdient. Er ist ein grossartiger Performer, der sein Publikum mit langen Konzerten, aufwendigen Lightshows und dem superben Zusammenspiel seiner Begleitband beglückt. Allerdings machen die Konzerte deutlich, dass er wenig Vertrauen in sein jüngeres Repertoire hat. Sicher dürfen Beatles-Klassiker wie «Get Back», «Yesterday» oder «Hey Jude» in seinem Live-Programm nicht fehlen, aber wenn McCartney tolle neue Songs schreibt (das tut er immer wieder), versteckt er sie im Set. Sofern er sie überhaupt spielt.

Es ist, als würde McCartney gegen seine Vergangenheit ansingen. Neu erfinden kann er den Popsong eh nicht mehr, dafür hat er diese Form schon zu früh und zu gründlich ausgelotet. Und wenn er den Popsong hinter sich zurücklässt, geht das nicht immer gut. Sein «Liverpool Oratorio» (1991) war zwar ein dilettantischer Abstecher in die Welt der klassischen Musik, dafür gelang ihm mit «Electric Arguments» (2008 unter dem Projektnamen The Fireman veröffentlicht) ein fesselnder Taumel durch den Psychedelic Pop in all seinen unterschiedlichen Varianten, mit der Klangcollage «Liverpool Sound Collage» (2010) legte McCartney eine avantgardistisch angehauchte Hommage an seine Heimatstadt vor.

Schnell vergessen

Dafür sind seine regulären Albumproduktionen vielfach schnell vergessen. Auch sein letztes Werk «New», ein Dokument des neugefundenen Eheglücks mit der amerikanischen Unternehmerin Nancy Shevell, wurde bei der Veröffentlichung 2013 bejubelt. Inzwischen kann man sich an keinen einzigen Song mehr daraus erinnern.

Das hat mitunter technische Gründe: Im Studio tendiert McCartney dazu, seine Songs bis zur Blässe glattzupolieren. Nicht umsonst war das rasant realisierte Rock’n’Roll-Album «Run Devil Run» (1999) sein mitreissendstes Werk seit der Auflösung der Beatles. «Die frühen Beatles haben sehr schnell gearbeitet», erinnerte sich McCartney damals im Gespräch. «Die Songs wurden die Woche vor dem Studiotermin geschrieben und im Aufnahmeraum eingeprobt und eingespielt. An manchen Tagen haben wir bis zu vier Nummern zu Band gebracht. Mit der ganzen Studiotechnik bin ich aus diesem an sich attraktiven Rhythmus gekommen.»

Zwar hat es McCartney später versucht, wieder Alben mit der alten Spontaneität einzuspielen. «Driving Rain», der Schnellschuss aus dem Jahre 2001, ist aber nicht der Rede wert: Die Single-Auskopplung «Freedom», eine Reaktion auf die Terrorattacken vom 11. September 2001, klingt mehr nach David Hasselhoff als nach Paul McCartney. Das beinah als One-Man-Band realisierte «Chaos And Creation In The Backyard» (2005) war ein Dokument der Selbstüberforderung. Nur gerade die Balladen überzeugten.

Eingebaute Qualitätskontrolle

«Ich finde es gar nicht so gut, dass man heute jede noch so winzige Songidee auf seinem Handy festhalten kann», verriet McCartney während seines Liverpool-Besuches im Juni. «Wenn John und ich uns am nächsten Tag nicht mehr an einen Song erinnern konnten, den wir die Nacht zuvor ausgeheckt hatten, hatte er sich für uns erledigt. Wenn wir uns schon nicht an eine Melodie erinnern konnten, dann würde das Publikum es sicher auch nicht tun. So hatten wir eine eingebaute Qualitätskontrolle.»

Mit Qualitätskontrolle hatte der Dauerinspirierte McCartney lange Probleme: Es sah oft so aus, als würde die Musik ihn schreiben und nicht umgekehrt. Aufgrund der schwankenden Klasse seiner Musik wirkte McCartneys Solokarriere oft wie ein Fussballspiel in der Verlängerung. Auf «Egypt Station» schiesst er zum ersten Mal seit «Electric Arguments» wieder lauter Tore. Man hätte es nicht für möglich gehalten, dass er ein Album von dieser Güte zustande bringt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch