Basel im Sog der Islamisten

Die Geschichte eines jungen, mutmasslichen Jihad-Reisenden. Die Spuren führen zu den Therwiler Handschlag-Verweigerern.

Mutmasslicher Jihadist. A.?J. inszeniert Islamisten-Propaganda am Gymnasium Kirschgarten.

Mutmasslicher Jihadist. A.?J. inszeniert Islamisten-Propaganda am Gymnasium Kirschgarten.

(Bild: Screenshot)

Es ist Donnerstag, der 14. Juli 2016. Die Fahndung der Polizei stellt fest, dass A. J. (Name der Redaktion bekannt) in einer Jugendherberge in Basel übernachtet hat. Um 7.20 Uhr wird der junge Iraker kontrolliert. Nach einer Befragung durch den Nachrichtendienst des Bundes (NDB) und der Basler Staatsanwaltschaft wird A. J. dem Staatssekretariat für Migration (SEM) übergeben. Seither sitzt A. J. in Basel in Ausschaffungshaft. Die Behörden halten den 24-Jährigen für gefährlich. Er wird verdächtigt, sich im Irak einer terroristischen Organisation angeschlossen zu haben. Recherchen der BaZ zeigen, A. J. hat Unterstützer. Sein Netzwerk führt zu Hasspredigern in Deutschland und Basel, in die König- Faysal-Moschee in Basel und auch zu Imam I. S. (Name der Redaktion bekannt), dem Vater der HandschlagVerweigerer aus Therwil.

A. J. ist in Basel aufgewachsen. Seine Biografie wirkt auf den ersten Blick als Beispiel einer gelungenen Integration. Als Siebenjähriger kam er im August 1999 mit seiner Familie als Asylsuchender in die Schweiz. Am 4. März 2000 erhielt die Familie Asyl. Er besuchte die Schulen, etwa das Gymnasium Kirschgarten, und begann ein Pharmazie-Studium.

Doch der junge Mann driftete immer mehr in radikal-religiöse Kreise ab, bis die Behörden schliesslich am 22. September 2015 seine Niederlassungsbewilligung widerrufen: Er hielt sich zu lange ausserhalb der Schweiz auf. Zudem belegten die Behörden ihn mit einem Einreiseverbot bis 2026. Die Begründung: «Es bestehen konkrete Hinweise, dass sich A. J. im Krisengebiet Irak/Syrien aufhalte und mit grosser Wahrscheinlichkeit einer terroristischen Organisation angehören könnte», heisst es in Unterlagen, die der BaZ vorliegen. Damit bestehe eine «ernst zu nehmende Gefahr» für die öffentliche Sicherheit und Ordnung der Schweiz.

Wie konnte es so weit kommen? Schon in seiner Zeit als Schüler im Gymnasium Kirschgarten wurde A. J. mehr als nur religiös. Der BaZ liegt ein Video vor, das A. J. zeigt, wie er in einem Schulzimmer einen Vortrag über den Sinn des Lebens hält: «Sinn und Zweck der Menschen ist für Frauen und Männer das Gleiche: Gott kennen und anbeten», sagt er im Video. Der lächelnde junge Mann trägt Bart und ein T-Shirt von «Lies», einer islamistischen Organisation aus Deutschland, die in Europa – auch in Basel – auf den Strassen den Koran verteilt.

Werbung für Extremisten

Hinter Lies steht der salafistische Prediger palästinensischer Herkunft Ibrahim Abou-Nagie. Er betreibt eine Internetseite «Die wahre Religion» und versucht, zusammen mit dem bekannten deutschen Prediger-Konvertiten Pierre Vogel, junge Menschen zum salafistischen Islam zu bekehren. Abou-Nagie steht immer wieder im Fokus deutscher Behörden, weil er zu religiös motivierten Straftaten aufgerufen habe. Momentan steht er jedoch vor Gericht, weil er zu Unrecht Sozialleistungen in Höhe von rund 54 000 Euro bezogen haben soll. Die Verhandlung musste jedoch unter anderem wegen Stör­manövern seines islamistischen An­­hangs, darunter der radikale deutsche Konvertit Sven Lau, vertagt werden.

«Lies ist eine islamistische Organisation», sagt Jasmin El Sonbati. Die Basler Lehrerin ist Mitbegründerin des Forums für einen Fortschrittlichen Islam und Szenekennerin. Sie hält Lies für eine problematische Organisation. «Es gibt einige Beispiele aus Deutschland, wo Lies-Aktivisten nach Syrien in den Jihad gereist sind. Und in Hamburg wurde die Organisation kürzlich verboten», so El Sonbati weiter.

Wie die BaZ bereits 2014 mit Bezug auf eine Studie der ETH berichtet hat, wird der Schweizer Ableger der Lies von S. D. (Name der Redaktion bekannt) geleitet. Der Albaner aus Mazedonien lebt in Basel. S. D. gilt als Mentor des inhaftierten mutmasslichen Jihadisten A. J.

Doch vorerst zurück zum Vortrag am Gym Kirschgarten. Das Lies- T-Shirt ist nicht das einzige Zeichen für die radikale Haltung von A. J.: Das Video wurde mit Links zu äusserst problematischen Websites unterlegt. Da wäre zum einen eine anonyme Website, auf der verbotene Literatur zum Herunterladen angeboten wird. So findet man etwa nach einer simplen Altersprüfung in Deutschland verbotene Texte von Abdul Rahman Al-Sheha. Der deutsche Verfassungsschutz bezeichnet ihn als Extremisten, der in seinen Publikationen ein «totalitäres und gewaltorientiertes» Verständnis des Islam propagiert. So fordere er die Tötung von Menschen, die sich vom Islam lösen, die Steinigung von Ehebrechern. Ebenfalls erklärt er, weshalb die Frauen zu unterdrücken seien. Ein weiterer Link mit dem Namen «das Endziel» führt zur Website des deutschen Islamisten Marcel Krass, der ebenfalls zum Dunstkreis von Pierre Vogel gehört. Auf Youtube findet man massenweise Videos von islamistischen Demonstrationen in Deutschland, auch solche, bei denen IS-Flaggen ge­schwenkt werden.

Wie kann es sein, dass ein Schüler am Gym Kirschgarten Propaganda für einen radikalen Islam machen kann, ohne dass der Lehrer eingreift? Auf Anfrage teilt das Basler Erziehungsdepartement (ED) mit: «Der Vortrag fand so nicht statt, es handelt sich um eine Inszenierung.» Das ED geht davon aus, dass A. J. sich mit Kollegen an einem schulfreien Nachmittag in ein Schulzimmer geschlichen habe.

El Sonbati hat den mutmasslichen Jihadisten A. J. vor etwa einem Monat im Ausschaffungsgefängnis besucht: «Das Gespräch war distanziert. Es war rasch klar, dass wir tiefe Gräben bei Religionsauffassungen haben. Er war, wie das bei Salafisten häufig der Fall ist, sehr höflich im Umgang und sieht sich als Opfer. Er sagt, er werde als Radikaler betrachtet, dabei sei er nur ein gläubiger Muslim. Salafisten sehen sich als Menschen, die dem Vorbild des Propheten im täglichen Leben folgen», erklärt die liberale Muslima. Doch weshalb geht diese Frau, die sich politisch gegen Radikale einsetzt, überhaupt zu A. J. ins Gefängnis? «Mich interessierte, warum ein junger, integrierter Pharmazie-Student, der in einer freien Gesellschaft aufgewachsen ist, die ihm viel gegeben hat, nun alles aufgibt, um in ein Kampfgebiet zu reisen.»

Islamisten in der Faysal-Moschee

Dass A. J. das Vortragsvideo inszeniert haben soll, überrascht sie nicht. «Gefälschte Videos gehören zu dieser Macho-Kultur», sagt El Sonbati. Man wolle zeigen, was man alles für den Islam gemacht habe, etwa, wie viele Leute man zum Islam Konvertieren bringen konnte. «Es ist eine Manifestation der Aktivitäten für den Islam.»

Samuel Althof von der Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention hält A. J. für eine problematische Person: «Man kann davon ausgehen, dass er ein Jihadist wird oder schon ist.» Die Anzeichen dafür seien klar: «Er hat eine lang anhaltende Radikalisierung und beging, wie dies bei allen Jihadisten zu beobachten ist, ein für uns deutlich sichtbares Initiationsritual», so Althof. Dazu gehöre dieser Vortrag an der Schule, aber auch seine Reise ins Konfliktgebiet. «Die Behörden erachten ihn als gefährlich und er unternimmt nichts, um sich von diesem Verdacht stichhaltig zu entlasten», schliesst er.

Wie Sicherheitskreise der BaZ bestätigen, bekommt A. J. im Gefängnis regelmässig Besuch von S. D. Der in Basel lebende S. D. ist der Vertreter, das Bindeglied zwischen der Deutschen Islamisten-Szene (Lies) und der Schweiz. Die Spuren von S. D. führen in die König-Faysal-Moschee an der Friedensgasse. In dem von einer saudischen Stiftung betriebenen Hinterhaus wirkt er zusammen mit dem Imam I. S. Dieser ist in der Region bekannt als der Vater der beiden Schüler, die an der Sekundarschule Therwil den Lehrerinnen den Handschlag verweigern. Einer der Schüler wurde von den Baselbieter Behörden wegen Gewaltverherrlichung verwarnt – weil er ein IS-Video auf Facebook geteilt habe.

S. D. übersetzt die Predigten, die I. S. auf Arabisch hält, ins Deutsche. Dazu El Sonbati: «Die Prediger in der Faysal-Moschee sind salafistisch.» S. D. tue dies mit sehr viel Engagement. Sie sieht eine gewisse Nähe zwischen S. D. und I. S. «Es ist offensichtlich, dass sich die beiden Männer kennen und zusammenarbeiten», sagt El Sonbati.

Vertrauter des Handschlag-Imam

Althof kennt S. D. schon länger: «Er ist eine wichtige Figur in der Basler Islamisten-Szene.» Auch er hält S. D. für den Mentor des inhaftierten Iraki. «S. D. ist in der Szene sehr kontaktfreudig, er ist eine Vaterfigur, der mit Abhängig­keiten arbeitet. Er lobt, verführt durch eine in sich geschlossene Logik, ist intelligent, wortstark», so Althof. Der Basler Islamist könne Leute gut führen und diese indoktrinieren. Er denke zudem strategisch und langfristig. Gemäss Althof hatte S. D. bereits Ärger mit dem Moschee-Verwalter, weil er unerlaubterweise Propaganda-Material in der Moschee verteilt habe.

Die Faysal-Moschee ist als Stiftung organisiert und anders als die Moschee-Vereine offen für jedermann. Darum versuchen auch radikale Kräfte, wie etwa die Splittergruppe des Islamischen Zentralrates (IZRS), die Moschee zu übernehmen. Althof, der in Kontakt mit dem Verwalter steht, bestätigt, dass S. D. mit mehreren Versuchen scheiterte, die Moschee zu kaufen.

Althof hält S. D.s «äusserst konservative Religionsauslegung» für gefährlich, «weil dazu die radikale Auslegung der Scharia gehört, die aus meiner Sicht nicht mit dem Schweizer Rechtssystem kompatibel ist». Für Althof, der bereits mehrere Predigten gehört hat, erinnert der Gestus von S. D. zum Teil an den deutschen Islamisten Pierre Vogel. «Er kann dabei sehr laut und eindringlich werden», so Althof weiter.

Reporter der Sendung «Rundschau» des Schweizer Fernsehens, die offenbar im Besitz der Handy-Nummer von S. D. sind, erhielten kein Interview. Sie versuchten, S. D. vor die Kamera zu bekommen, und standen vor der Moschee an der Friedensgasse. Die Reporter wurden von einigen Besuchern beschimpft. S. D., der sich in der Moschee aufgehalten hat, wurde in einem Auto versteckt abtransportiert. Am Steuer des Wagens sass I. S., der Imam der Faysal-Moschee. Er sei ein Vertrauter von S. D., wie die «Rundschau» heute Abend berichten wird. Sie beide seien verbunden mit dem inhaftierten mutmasslichen Jihad-Reisenden A. J. Dieser soll früher ebenfalls in der Faysal-Moschee verkehrt haben.

Der inhaftierte A. J. sitzt momentan im Gefängnis. Dies aber nicht wegen seiner mutmasslichen Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation, sondern aus ausländerrechtlichen Gründen: Weil seine Niederlassungsbewilligung erloschen ist, soll er in den Irak ausgeschafft werden. Er versuchte bereits mit zwei Gerichtsverfahren vergeblich, seine Ausschaffung zu verhindern. A. J. fürchtet, dass er im Irak an Leib und Leben bedroht sei. Das Staatssekretariat für Migration hält die Ausschaffung hingegen für zumutbar. Das Gericht folgte jeweils der Auffassung der Behörden und verlängerte die Ausschaffungshaft bis Ende Oktober 2016. Gemäss Informationen der «Rundschau» will der Irak A. J. jedoch nicht zurücknehmen. Damit wird das Szenario real, dass der mutmassliche Jihadist A. J. in etwas mehr als einem Monat auf freiem Fuss ist.

Basler Zeitung

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