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Maltas GeheimnisseDaphnes Peitschenhiebe fürs Gewissen

Die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia war ungewöhnlich couragiert. Ihren Blog lasen Hunderttausende – bis sie vor drei Jahren umgebracht wurde. Nun haben ihre Söhne ihre besten Texte als Buch herausgegeben.

«Daphne hatte recht», steht auf dem Gedenkfoto für Daphne Caruana Galizia in Valletta. Der Schrein ist provisorisch und improvisiert, lange liess die maltesische Regierung jeden Tag Kerzen und Blumen wegbringen, wie man Abfall wegräumt.
«Daphne hatte recht», steht auf dem Gedenkfoto für Daphne Caruana Galizia in Valletta. Der Schrein ist provisorisch und improvisiert, lange liess die maltesische Regierung jeden Tag Kerzen und Blumen wegbringen, wie man Abfall wegräumt.
Foto: Guglielmo Mangiapane (Reuters)

Ein Vorname, der wie eine Chiffre klingt, wie ein trauriges Fanal: Daphne. Die Welt kennt Daphne Caruana Galizia vor allem beim Vornamen. Aber sie kennt sie, und das ist schon die halbe Geschichte.

Der gewaltsame Tod der Investigativjournalistin und Bloggerin aus Malta vor drei Jahren hat die kleine Inselgruppe im Mittelmeer in den Fokus der Weltöffentlichkeit gezerrt. Unversehens. Daphne wurde umgebracht, weil sie Malta unter der goldenen Glocke von Dauersonne und Verniedlichung hervorgezogen und die dreckigen Geheimnisse enthüllt hatte. Ihre Mörder zündeten eine Autobombe. Am südlichen Rand Europas, mitten in der Europäischen Union.

Der Schock war gross. Doch das Gedenken und Erinnern ist ein ständiger Kampf. In Valletta, gegenüber dem Gericht, legen Menschen jeden Tag Blumen und Bilder hin, zünden Kerzen an, um Daphne zu ehren, ihren Mut, diese Unerschrockenheit, ihre Mission. Es ist eine improvisierte und provisorische Gedenkstätte. Lange liess die maltesische Regierung die Tribute jeden Abend wegräumen, wie man den Abfall wegbringt. Nun lässt sie sie liegen. Ist das ein gutes Zeichen oder eher ein schlechtes? Welkt das Erinnern? Macht es den Mächtigen etwa weniger Angst? Und kommen die Mandanten des Mordes an Daphne am Ende ungestraft davon?

Die Chronik eines angekündigten Todes

Verblasst die Erinnerung, dann ist auch Gerechtigkeit etwas unwahrscheinlicher. Auch darum haben ihre drei Söhne Matthew, Andrew und Paul ein Buch herausgegeben, in dem sie Texte ihrer Mutter aus drei Jahrzehnten publizieren. Sie haben sie eingebettet in den kulturellen Kontext, damit man sie auch ausserhalb von Malta versteht. Es finden sich darin auch berührende Anekdoten aus dem Familienleben. Daphne Caruana Galizia soll zu ihren Söhnen gesagt haben, dass sie dann gerne einmal in einem Buch ihre wichtigsten Artikel veröffentlichen würde. «Meine Greatest Hits», nannte sie sie scherzhaft. Sie bewahrte alles in der Waschküche in ihrem Haus in Bidnija auf, in einem Schrank, den sie mit einem pinkfarbenen und grünen Pfauendesign tapeziert hatte.

Wochenlang haben die Söhne in den Papierbergen gelesen. Ihr Vater Peter Caruana Galizia, ein Anwalt, stellte dafür seine Kanzlei in der Stadt zur Verfügung. Beim Vorbeigehen zwischen zwei Terminen habe er immer wieder einen Artikel aus den Stapeln herausgezogen und gesagt: «Ich erinnere mich, dieser Artikel ist spitze.» Das Buch heisst «Sag die Wahrheit, auch wenn deine Stimme zittert». Es liest sich wie die atemlose Chronik eines couragierten Lebens – und eines angekündigten Todes.

Die kleinen und die grossen Skandale

Daphne kommt 1964 als Daphne Anne Vella in Sliema auf die Welt, einem maltesischen Badeort. Ihr Studium der Archäologie wird sie erst mit 33 abschliessen, weil früher, im archaischen und patriarchalischen Malta, nur wenige junge Frauen an die Universität gehen durften. Sie holt das Studium nach, als ihre Kinder schon auf der Welt sind. 1987 beginnt sie mit dem Schreiben von Kolumnen über Recht und Unrecht, über den Stand der Frauen, den Umgang mit den Migranten, die kleinen und grossen Skandale.

Zunächst schreibt sie bei der «Sunday Times of Malta», dann beim «Malta Independent», den sie mitgründet. Ihre Texte zeichnet sie mit ihrem Namen, das ist in jener Zeit unüblich. Malta hat nach der nationalen Unabhängigkeit 1964 keinen sehr einfachen Start in die Demokratie, mehr als zwei Jahrzehnte lang hängt sie in einer Zwischenwelt: Meinungsfreiheit ist gefährlich. Die meisten Autoren der «Times» schreiben vor ihre Kommentare lieber «Von einem Mitarbeiter» als ihren eigenen Namen.

Daphne steht nicht nur mit dem Namen zu ihrer Meinung, sie äussert ihre Ansichten ungeschönt, fadengerade. Der Tonfall ist neu für Malta. Die Kolumnen treffen oft wie Peitschenhiebe das Gewissen einer rückständigen, in sich gekehrten, knorrigen, konservativ-katholischen Insel, die in ihrer Geschichte viel erlebt hat: Invasionen, Bomben, Umstürze. Malta mag klein sein, aber seine Geschichte ist so reich und intensiv, dass die Politik bis heute fast platzt vor geerbten Emotionen. Und Daphne ist beseelt von dem, was sie tut. Ihre Gegner meinen eher: besessen.

«Viele Jahre lang wurde sie immer wieder gefragt, ob ihr Vater oder unser Vater ihre Kolumnen schreiben und ihren Namen benützen würden», schreibt Paul Caruana Galizia. Eine Frau mit dieser Courage? Unmöglich! Daphne ist gross gewachsen, grösser als die meisten maltesischen Männer, und diese anatomische Nebensächlichkeit mag auch eine Rolle spielen für die heftigen Reaktionen. Man soll die «Frau mit dem Laptop» bald auch eine «Hexe» nennen, eine «sexuell frustrierte Hausfrau». Sie gilt als Nestbeschmutzerin.

2008 startet Daphne ihren eigenen Blog, um ganz frei zu sein. Sie nennt ihn «Running Commentary» und schreibt darin wie in einem Liveticker über Korruption und Vetternwirtschaft, über richtige Mafiaclans aus Italien und über die mafiösen Machenschaften von Politikern und Unternehmern der Insel. Der Ton wird noch schärfer. «Trotz und Witz wurden allmählich durch Wut und Frustration verdrängt», schreiben ihre Söhne. Manchmal nennt sie Namen von vermeintlichen Missetätern schon, bevor sie genügend Material gefunden hat, um ihre These auch rundum zu belegen.

«Allmählich kann man Angst bekommen.»

Daphne Caruana Galizia

Das macht sie angreifbar. Über die Jahre hinweg wird sie mit Dutzenden Verleumdungsklagen eingedeckt. Ihre Bankkonten werden eingefroren, sie soll eingeschüchtert werden. Weil sie aber nicht schweigen mag, wird ihr mit dem Tod gedroht, mehrmals. «Allmählich kann man Angst bekommen», sagt Daphne Caruana Galizia einmal. «Ich glaube, eigentlich sollten wir mit kugelsicheren Westen und bewaffneten Leibwächtern herumlaufen und nicht sie. Wir sind jetzt wieder in einer Situation, in der wir Schutz vor unserer eigenen Regierung brauchen.» Das Zitat steht im Kapitel mit dem Titel «Daphnes Greatest Hits». An manchen Tagen registriert der Blog 400’000 Besucher, eine erstaunliche Zahl: Malta zählt 450’000 Einwohner. Man muss Daphne lesen, auch wenn man sie nicht mag – oder gerade dann.

Nach der Machtübernahme der Labour Party 2013 verwandelt sich Malta in kurzer Zeit vom verschlafenen Kleinod im Mittelmeer, wo man hinfährt, um Ferien zu machen oder bei immer gutem Wetter Englisch zu lernen, zum nebulösen Steuerparadies, einem Tummelplatz für Bosse und Spekulanten, zum Hauptsitz von dubiosen Plattformen für Onlinewetten, zur Zweitresidenz von Unternehmern aus China, Russland und dem Nahen Osten, die sich da gegen etwas Cash den EU-Pass kaufen können.

Die Enthüllungen aus den Panama Papers und den Malta Files, die aus geleakten Datensätzen hervorgingen, zeichneten diese Verwandlung mit Fährten zu Offshore-Konten und Trusts nach. In Malta geriet die gesamte Spitze der Regierung in den Verdacht, sich vielleicht an Geldern aus einem Energiedeal mit Aserbeidschan bereichert zu haben: Premier Joseph Muscat, Kabinettschef Keith Schembri, Energieminister Konrad Mizzi. Das Machttrio, es wurde oft verhandelt in Daphnes Blog.

Das Schweigen der Feiglinge

Im Vorwort des Buches schreibt Roberto Saviano, der italienische Intellektuelle und Bestsellerautor, Daphne habe versucht, Malta «im Namen seiner Schönheit aus Stein, Sonne und Salz vor dem Krebsgeschwür der Geldwäsche zu retten». Sie habe das Schweigen der Feiglinge gebrochen. Der plötzliche Reichtum Maltas gefiel auch denen, die ihm nicht trauten.

Eine kugelsichere Weste? Gegen die Autobombe wäre sie nutzlos gewesen. 16. Oktober 2017, kurz vor 15 Uhr. Daphne hatte gerade ihren letzten Blogeintrag gepostet, der mit diesen beiden Sätzen endete: «Schurken, wohin man schaut. Es ist zum Verzweifeln.» Dann bestieg sie ihren Mietwagen, einen hellgrauen Peugeot 108, um von ihrem Haus im Hinterland von Bidnija ins nahe Valletta zur Bank zu fahren. Die Bombe wurde ferngezündet, ausgelöst durch eine SMS.

Einige Monate später wurden drei maltesische Verbrecher verhaftet, denen vorgeworfen wird, den Anschlag verübt zu haben. Sie sitzen im Gefängnis und warten auf ihren Prozess. Als möglicher Auftraggeber wird Yorgen Fenech gehandelt, ein schillernder Unternehmer, Besitzer von Hotels und Kasinos, Geschäftsführer und Miteigentümer der skandalumwitterten Firma Electrogas, mit engen Verbindungen zu Joseph Muscat und den Seinen. Fenech wurde im November 2019 verhaftet, als er versuchte, im Morgengrauen mit seiner Jacht zu türmen. Die Vorwürfe streitet er ab. Mal droht er, er werde auspacken, mal macht er sich klein.

Wer also steht hinter dem Mord? Die alte Machtclique von Labour ist nach immer neuen Verdachtsfällen, Ungereimtheiten und Enthüllungen gestürzt. Der Premier selbst trat im vergangenen Januar von seinem Amt zurück und kam so wohl seiner Absetzung zuvor.

An der Gedenkstätte in Valletta hat neulich jemand ein Foto der Journalistin hingestellt. Man sieht sie darauf mit einem sanften Lächeln, dazu die Widmung: «Daphne was right.» Daphne hatte recht. Und ihre Stimme zitterte nie.