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Kopf des TagesEr lässt Konservative für das linke Schweden schwärmen

Anders Tegnell, der schwedische Chefepidemiologe, gerät immer stärker in die Kritik für seinen Sonderweg. Ihn scheint das nicht zu beeindrucken.

Hat viel zu erklären: Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell gibt seit Monaten zahllose Interviews.
Hat viel zu erklären: Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell gibt seit Monaten zahllose Interviews.
Foto: Claudio Bresciani (Reuters)

Andres Tegnell, ein 64-jähriger Mediziner mit Vorliebe für Schlabberpullover und Strubbelfrisuren, scheint über grenzenloses Selbstvertrauen zu verfügen. Während der Corona-Krise ist der schwedische Chefepidemiologe zu einer international umstrittenen Figur hochgeschossen. Fremde überhäufen ihn mit Blumensträussen, andere senden Morddrohungen.

Die Aufregung kümmert Tegnell kaum. Er zieht seine Linie durch. Und gibt weiterhin trockene Kommentare ab. So sagte er kürzlich, die Italiener hätten weniger Mittel als Schweden, um ihre alten Menschen vor Corona zu schützen. Dagegen wehrte sich Italien mit einem offiziellen Communiqué.

Tegnell ist mitverantwortlich dafür, dass Schweden dem Coronavirus ohne Lockdown entgegengetreten ist. Schulen, Läden, Restaurants und Grenzen blieben offen, eine Ausnahme in Europa. Geduldig erklärte Tegnell seinen Landsleuten den Sonderweg, der auf die Rücksichtnahme der Einzelnen setzt. Bald bildete sich ein Kult um den volksnahen Seuchenspezialisten, Fans komponierten Tegnell-Lieder, druckten T-Shirts mit seinem Antlitz, ein Modemagazin analysierte seinen Kleidungsstil.

Das Lob kam auch von unerwarteter Seite. Konservative aus aller Welt erklärten das links-grün regierte Schweden zur letzten Bastion der Freiheit.

Es sei zu früh für ein Fazit, sagt Tegnell

Parallel wuchsen die Zweifel. Schwedische Wissenschaftler kritisierten Tegnells Ansatz als zynisch und riskant, warfen ihm mangelnde Kompetenz vor. Tegnells Vorgängerin nannte die Entwicklung im Land kürzlich «sehr traurig». Schweden hat eine der höchsten Todesraten in Europa, die Zahl der Neuansteckungen sinkt kaum. Das Virus hat sich nicht so weit verbreitet, wie Tegnell das vorausgesagt hatte. Gemäss Prognosen wird Schwedens Wirtschaft kaum weniger leiden als jene in Lockdown-Ländern.

Und Tegnell? Verteidigt unbeirrbar seine Strategie. Abgesehen von Problemen in Altersheimen sei Schweden bisher gut davongekommen, sagt er in Interviews. Es sei zu früh, um ein Fazit zu ziehen. Das Virus werde noch lange da sein. Man müsse auch die anderen Folgen des Lockdown berücksichtigen.

Tegnells Ruhe erklärt sich vielleicht aus dem Jahr 1995. Damals wurde der Seuchenexperte von der WHO in den Kongo geschickt, wo gerade Ebola loswütete. Menschen starben, Panik und Chaos herrschten. Tegnell half mit, den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen. Diese Erfahrung habe ihn geprägt, sagt er in einem Interview. 2009 entwickelte Tegnell ein Impfprogramm gegen die Schweinegrippe, 2013 kürte man ihn zum schwedischen Chefepidemiologen.

Widerspenstig und sperrig

Seit dem Aufstieg zum Superstar empfängt er Journalisten auch mal in seinem idyllisch gelegenen Einfamilienhaus, von wo er jeden Tag zwei Stunden nach Stockholm pendelt. Mit seiner Frau hat er drei Töchter, die Familie bilde seinen wichtigsten Rückhalt, erzählt er. Sich selber beschreibt er als widerspenstig und sperrig. Tegnell zitiert Gordon Gekko aus dem Film «Wall Street» («Mittagessen ist für Weichlinge»), gleichzeitig gibt er den bodenständigen Vater, der gern kocht und Tomaten züchtet.

Offen ist, wie er nach der Corona-Krise dastehen wird. Gemäss schwedischen Medien sorgen sich Freunde, dass Tegnells Ansatz scheitert. Dann könnte er vom Liebling der Nation zur Hassfigur absinken.