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Juventus in der Champions LeagueDa kann nur noch Ronaldo helfen

Vor dem Achtelfinal-Rückspiel gegen Lyon (21 Uhr) mangelt es dem grossen Juve an Selbstvertrauen. Genau dafür aber haben sie ihn: CR7. Und wenn es nicht reicht? Das mag sich niemand ausmalen.

Ronaldo feiert den Meistertitel – den neunten in Folge für Juventus.
Ronaldo feiert den Meistertitel – den neunten in Folge für Juventus.
Foto: Getty Images

Alles in einer Nacht, in einer Nacht für Tenöre – ach was: für einen allein, den Startenor. Im Juventus-Stadium von Turin steigt die Nacht von Cristiano Ronaldo.

Als Juve den Portugiesen vor zwei Jahren zu sich holte, ins fussballerisch ergraute Italien, war allen klar, dass der in den wirklich entscheidenden Momenten strahlen sollte, auf den grössten Bühnen, in der Champions League. Notfalls als Solist, in kolossaler Abkehr von Juves altem Credo, das immer vom Kollektiv ausging. Aber die Verzweiflung war nun mal gross. Seit einem Vierteljahrhundert hat Juve die Königsklasse nicht mehr gewonnen, und das ist schmachvoll lange für das Königshaus des Calcio, eine Ewigkeit. Nun bangt man schon vor dem Rückspiel im Achtelfinal vor dem Bühnensturz. Gegen Olympique Lyon, den Nachbarn von jenseits der Alpen. Und was dann wäre, mag sich niemand ausmalen.

Eine tückische Ausgangslage

Lyon war in den Nullerjahren mal eine grosse Nummer, sieben Mal in Serie französischer Meister. Jetzt aber darf es eigentlich kein Gegner sein für Juve, das gerade seinen neunten Scudetto in Folge gewonnen hat, «la nona», wie es nun heisst, als wäre es Beethovens neunte Symphonie. Mit letzter Kraft, ausgelaugt, nicht mehr sich selbst: nach drei Niederlagen in den letzten vier Begegnungen. Das Selbstvertrauen ist grob lädiert. Da kann nur einer wie CR7 helfen, dem es daran nie gebricht.

Das Hinspiel in Lyon verlor Juve 0:1, eine tückische Ausgangslage. Kassiert man ein Tor, was bei den jüngst erstaunlich porösen piemontesischen Verteidigungslinien kein Wunder wäre, dann brauchte es schon eine ganz, ganz grosse Nacht des Tenors aus Funchal, des «Campione assoluto» («La Repubblica»), des «Polarsterns» («Corriere della Sera»). In den überdrehten Prädikaten schwingt immer auch eine meditative, schier mantramässige Note mit.

Wo Ronaldo weit vor Messi steht

Tagelang listeten die italienischen Zeitungen alle Rekorde Ronaldos aus der Champions League auf, selbstredend dessen Lieblingswettbewerb. Fünf Mal hat er ihn schon gewonnen, einmal mit Manchester United und vier Mal mit Real Madrid, und natürlich kann er nicht genug davon bekommen. Hier eine kleine statistische Auswahl: 129 Tore hat Ronaldo erzielt in bisher 169 Einsätzen, 65 davon in der Knock-out-Phase, damit steht er auch weit vor seiner sportlichen Nemesis, Lionel Messi. 27 Mal gelangen Ronaldo in einem Spiel zwei Treffer, acht Mal sogar deren drei. Und noch dies: In den vergangenen neun Jahren schaffte er es jeweils immer mindestens bis in den Viertelfinal der Champions League. 2010, damals noch mit Real, war schon im Achtelfinal Schluss, der Gegner hiess, nun ja: Olympique Lyon. Das Hinspiel in Lyon hatten die Franzosen gewonnen: mit 1:0. Parallelen?

Es ist also die Nacht der Nächte, alles wird verhandelt, wohl auch Ronaldos unmittelbare Zukunft in Italien.
Als er im Sommer 2018 in Turin landete, begingen die Italiener die Ankunft wie eine Renaissance ihres Fussballs – euphorisch, ungläubig auch. Die Zeiten, da die Weltbesten nach Italien kamen, waren lange her, die Fans hatten sich schon arrangiert mit der zweiten Riege, den Mitsingern. CR7 war eigentlich viel zu gross für die Serie A, ein Special Act im Meer der Mittelmässigkeit.

Für die Agnellis, denen der Verein seit 1923 gehört, zahlte sich die Verpflichtung schnell aus. Dank Sponsoren und Merchandising sprang der Umsatz Juves im ersten Jahr von 411 auf 494 Millionen Euro. Der globale Bekanntheitsgrad der Marke wuchs exponentiell, Ronaldo hat schliesslich 400 Millionen Follower in den sozialen Netzwerken. Und er ist eine Rundum-Persönlichkeit, extrovertiert und polarisierend, ein Traum für die Vermarkter. Alles an ihm interessiert, über alles wird ständig berichtet: die Frauengeschichten und die Zweifel daran, das Styling der Haare, der Waschbrettbauch als plastischer Fleissnachweis, seine wohltätige Ader, sein unbescheidenes Ego, die dazu assortierten teuren Autos, die Luxusjacht in Portofino, die ihm der Hersteller offenbar umsonst zur Verfügung stellt, weil ein Foto mit Ronaldo an Bord mehr wert ist als ein paar Dutzend Werbespots. Wenn CR7 auf Instagram ein Produkt postet, ist das den Firmen 754’000 Euro wert. In seiner Karriere hat er schon mehr als eine Milliarde verdient.

Geht er, wenn Juve ausscheidet?

Er ist eine Welt für sich. Auf dem Platz wirkt es manchmal so, als spiele er auch nur noch für sich allein, für die Fortschreibung der Legende, für die Trophäensammlung, fürs Museum auf Madeira. Die Anweisungen von Trainer Maurizio Sarri klingen bestenfalls wie fakultatives Gesäusel in seinen Ohren, er hält ihn für eine mittelmässige Besetzung. Im vorletzten Spiel der Saison gegen Cagliari, als Juve schon Meister war, wollte Ronaldo unbedingt mit auf die Insel fahren. Er rechnete sich aus, dass er noch Torschützenkönig werden könnte, und schoss also aus allen Lagen aufs Tor, auch aus unmöglichen. Die Kameraden verzogen das Gesicht, er selbst war frustriert, Juve verlor 0:2. Die Szene war bemühend, ein bisschen peinlich, das Sinnbild für ein Missverständnis. Geht er, wenn Juve ausscheidet?

Ronaldos Vertrag läuft noch bis Sommer 2022. Mit dreissig Millionen Euro Nettogehalt ist er üppig bemessen, Ronaldo ist jetzt 35 Jahre alt. Doch das ist kein Alter für einen, der wie besessen trainiert und jedes überflüssige Gramm Körperfett für eine unzulässige Konzession an die Normalität hält. Es stecken noch einige Jahre Toptop in ihm drin, davon ist er überzeugt, und wenn man liest, was aus Frankreich gerade kolportiert wird, will er diese Jahre nicht verspielen.

«Gefangen, einsam und unverstanden» fühle sich Ronaldo, so heisst es.

«Gefangen, einsam und unverstanden» fühle sich Ronaldo in Turin, schreibt das Heft «France Football», das in normalen Jahren den Ballon d’Or vergibt, den goldenen Ball für den weltbesten Fussballer. Fünf Mal hat es den Portugiesen schon damit bedacht, was natürlich mindestens einmal zu wenig ist: Messi hat sechs Bälle zu Hause. Trophäen, kollektive und individuelle, sind Ronaldos Motor, das hat er schon oft genug gesagt. Nun wurde er nicht einmal zum besten Spieler der abgelaufenen Serie A gewählt, geehrt wurde stattdessen sein argentinischer Sturmpartner Paulo Dybala.

Cristiano Ronaldo mit Sturmpartner Paulo Dybala: Nicht der Portugiese wurde zum besten Spieler der Serie A gewählt, sondern der Argentinier.
Cristiano Ronaldo mit Sturmpartner Paulo Dybala: Nicht der Portugiese wurde zum besten Spieler der Serie A gewählt, sondern der Argentinier.
Foto: Keystone

Bei «France Football» kennen sie ihn gut, er gibt ihnen ab und zu Exklusivinterviews, es ist ein Geben und Nehmen. Offenbar ist es also so, dass CR7 nicht sehr glücklich ist in Turin. Turin sei nun mal nicht Madrid, soll er gesagt haben, die Stadt sei versteckt «hinter den Bergen». Die Serie A sei auch nicht die Premier League. Und Juve sei «ja vielleicht» ein grosser Verein, die Mannschaft aber habe nicht sein Format, sein Niveau, nicht das Niveau des Besten. Ronaldo soll mit der Idee spielen, nach Paris zu wechseln, zu PSG, um dort einen Sturm zu formen mit Neymar, seinem Freund, und mit Kylian Mbappé, von dem er eine ganze Menge hält. «CR7 – Paris im Kopf», titelt deshalb «France Football». Eine Träumerei?

Für die katarischen Besitzer von PSG wäre die Investition keine grosse Sache, zumal jetzt nicht, da das Financial Fairplay der Uefa auch seine letzten Zähne verloren zu haben scheint. In Paris leben viele Portugiesen, der Prinzenpark brauchte nicht erobert werden. Und die Aussicht, dann einmal Meister in vier Ländern geworden zu sein, wäre auch ein hübscher Antrieb. Das schaffte noch keiner.

Alles hängt an der Nacht des Tenors. Dafür hat man ihn geholt, schön soll er singen, alle hohen Töne treffen. Und das Tor, möglichst mehrmals.