Zum Hauptinhalt springen

Analyse zu Corona-AnsteckungenCorona? Schäm dich!

Wer sich im Frühling infizierte, wurde bedauert. Nun hat der Wind gedreht: Wer sich ansteckt, muss mit missbilligenden Blicken rechnen.

Mindestabstand? Fehlanzeige. Partygänger am ersten Juliwochenende vor dem Zürcher Club Plaza.
Mindestabstand? Fehlanzeige. Partygänger am ersten Juliwochenende vor dem Zürcher Club Plaza.
Foto: Keystone

Es ging um eine Party am letzten Wochenende. Die Frage war: Hingehen oder nicht? Die Freundin zögerte. Sie sorgte sich. Nicht in erster Linie um ihre Gesundheit, sondern um ihren Ruf. Sie wolle, erklärte sie, sich dann nicht die Blösse geben und im Büro verkünden müssen, sie sei feiern gegangen und habe sich mit Corona angesteckt. Sich das Virus einzufangen, ist zur Peinlichkeit geworden.

Im Frühling bedauerte man Erkrankte und trug ihnen die Einkäufe vor die Haustür. Jetzt, wo man besser Bescheid weiss, wie man sich schützen kann, hat Corona etwas Beschämendes bekommen. Rasch schwingt der Vorwurf der Fahrlässigkeit mit. Keine Maske getragen? Tracing-App nicht heruntergeladen? Selber schuld! Man hätte ja besser aufpassen können. Das Corona-Opfer wird zum Corona-Depp.

Auch Arbeitgeber begegnen (potenziellen) Infizierten mit weniger Nachsicht. «20 Minuten» berichtete von Chefs, die ihren Angestellten mit der Kündigung drohten, sollten diese in bestimmten, als riskant geltenden Lokalen verkehren. Zuvor waren «Superspreader» bekannt geworden – Clubgänger, die in einer Partynacht zahlreiche Menschen angesteckt und Hunderte andere in Quarantäne versetzt hatten. Und bei einer Corona-Quarantäne nach den Sommerferien wollen Arbeitgeber ausser in Ausnahmefällen keinen Lohn zahlen, wenn Mitarbeitende in ein Risikoland gereist sind.

Sich das Virus einzufangen, ist zur Peinlichkeit geworden.

Wie ist dieser Stimmungswandel zu erklären? Einerseits geht es um soziale Kontrolle. Seit es nach den Lockerungen weniger Verbote gibt, müssen wir eigenverantwortlich entscheiden: Maske bei der Zugreise auch auf dem Perron tragen? Händedruck oder Ellenbogengruss? Das ist anstrengend, zumal wir alle coronamüde sind. Und es macht neidisch. Auf jene, die sich ganz unbekümmert mehr Freiheiten gönnen. Wo man selber freiwillig auf die Partynacht verzichtet und die Ferien am Brienzersee statt an der Adria verbringt. Und dann soll man auch noch Verständnis aufbringen für jene, die sich das Virus einfangen? Pah!

Andererseits schwingt Angst mit. Die Fallzahlen steigen, es droht eine zweite Welle. Unsere neu gewonnenen Freiheiten (vor Corona wussten wir gar nicht, wie kostbar sie sind) stehen wieder auf dem Spiel. Ungewiss, ob wir im Herbst noch mit Freunden auswärts essen oder Geburtstag feiern dürfen. Umso nervöser reagieren wir auf Berichte von Menschen, die die Situation nicht ernst zu nehmen scheinen.

So gerät in Verlegenheit, wer sich das Virus einfängt (oder eingefangen haben könnte). Vielleicht gehört auch das zur neuen Normalität: dass es neben Flug-Scham und Konsum-Scham auch eine Corona-Scham gibt.