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Auflagen ans GewerbeCorona-Kontrolleure: «Da hat es mir den Hut gelupft»

Zu zweit ziehen sie von Laden zu Laden und checken: Maske auf? Abstände eingehalten? Eine Branche fällt dabei besonders negativ auf. Unterwegs mit zwei Basler Kontrolleuren.

Teamwork beim Kontrollgang: Stephan Gassmann (links) geht die Checkliste durch, Roland Holzherr überprüft das Schutzkonzept auf Richtigkeit und Vollständigkeit.
Teamwork beim Kontrollgang: Stephan Gassmann (links) geht die Checkliste durch, Roland Holzherr überprüft das Schutzkonzept auf Richtigkeit und Vollständigkeit.
Fotos: Kostas Maros

Ohne Corona-Pandemie hätten sich die Wege von Stephan Gassmann und Roland Holzherr wohl nie gekreuzt. Ersterer ist ein enger Mitarbeiter des baselstädtischen Gesundheitsdirektors Lukas Engelberger, Letzterer arbeitet als Zivilfahnder bei der Basler Polizei. Seit April sind sie regelmässig gemeinsam in Basel unterwegs, um in Geschäften, Restaurants oder auf Baustellen zu prüfen, ob die Covid-Schutzkonzepte eingehalten werden.

An diesem Morgen betreten die beiden Männer kurz nach 9 Uhr einen kleinen Schuh- und Schlüsselserviceladen im Gundeli-Quartier. Was auch dem Laien gleich auffällt: Der junge Mann hinter der Ladentheke trägt keine Schutzmaske. «Ich habe eben geöffnet und bin noch nicht dazu gekommen, die Maske überzuziehen», entschuldigt er sich.

Veralteter Flyer an der Ladentür

Gassmann nimmt eine Checkliste zur Hand, die er Punkt für Punkt abarbeitet. Als Erstes will er wissen, ob der Ladenbesitzer ein Schutzkonzept vorlegen kann. Dem ist so – auf dem Fragebogen kreuzt der Kontrolleur «erfüllt» an. «Nicht erfüllt» ist hingegen der zweite Punkt: An der Ladentür ist zwar ein roter Aushang mit den Schutzmassnahmen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) angebracht, aber nicht der aktuell geltende vom 29. Oktober. Der Ladenbesitzer sagt zu, sich umgehend darum zu kümmern.

Ansonsten gibts nichts zu beanstanden: Desinfektionsmittel ist vorhanden, ebenso die Information zur Maximalzahl der Kunden im Geschäft, und dessen Besitzer beteuert auch, den Kreditkartenterminal regelmässig zu desinfizieren. Nach gut fünf Minuten ist die Kontrolle beendet, und Gassmann reicht seinem Gegenüber die Checkliste zum Unterzeichnen. «Wir werden in den nächsten ein bis zwei Tagen nochmals vorbeischauen», sagt er und verabschiedet sich.

In den allermeisten Fällen haben die Kontrolleure nur Kleinigkeiten zu beanstanden.
In den allermeisten Fällen haben die Kontrolleure nur Kleinigkeiten zu beanstanden.
 

Nächstes Prüfobjekt ist ein Coiffeursalon gleich in der Nähe. Trotz der morgendlich frühen Stunde herrscht schon reger Betrieb, und es dauert ein paar Minuten, bis die Besitzerin von ihrer Kundin loskommt. Gassmann stellt sich und seinen Kollegen kurz vor und erklärt den Grund ihres Besuchs. Auch hier geht es ruckzuck, weil sie nur wenige Details zu bemängeln haben. «Sie machen das vorbildlich, Kompliment», lobt Gassmann die Frau, als er seine Kreuze anbringt.

«Einzelne Restaurants haben die ausgefüllten Kontrollfragebogen aufgehängt oder ins Netz gestellt, um bei ihren Gästen zu punkten.»

Roland Holzherr, Zivilfahnder bei der Basler Polizei

Laufen die Kontrollen immer so reibungslos ab? Gassmann und Holzherr nicken. «Bei rund 80 Prozent unserer Besuche ist es so», antwortet der Mann aus dem Gesundheitsdepartement. «Grösstenteils beanstanden wir nur Kleinigkeiten.»

Heute seien die meisten Ladenbetreiber froh über die Besuche, ergänzt Holzherr, denn so wüssten sie, dass sie alles oder fast alles richtig machten. «Einzelne Restaurants haben die ausgefüllten Kontrollfragebogen aufgehängt oder ins Netz gestellt, um bei ihren Gästen zu punkten», erzählt der Polizeibeamte schmunzelnd.

Zu Beginn ihrer Kontrolltätigkeit sei das noch anders gewesen, räumen die beiden Herren ein. «Da kam es öfter zu Diskussionen mit den Gewerbetreibenden, ob das jetzt wirklich nötig sei», erinnert sich Gassmann. «Es gab auch die eine oder andere Situation, wo es mir den Hut gelupft hat. Glücklicherweise konnte dann Roland Holzherr von seinen bei der Polizei gesammelten Erfahrungen in Deeskalation zehren.»

Ein Kaffee aufs Haus geht nicht

Eine Pizzeria im benachbarten Gebäude kommt jetzt an die Reihe. Für den Mittag ist bereits aufgetischt, doch nur vier Angestellte befinden sich im Lokal. Während Gassmann die Checkliste durchgeht, misst sein Kollege mit einem Messband die Abstände zwischen den Tischen. Die verlangten 1,5 Meter werden nicht überall eingehalten. «Wenn vier Leute an diesem Tisch sind, dürfen da nur zwei auf den entfernteren Plätzen sitzen, damit genügend Abstand besteht», erklärt Holzherr einem der Angestellten.

Für Restaurants gilt ein gut bestandener Kontrolltest inzwischen als Werbemittel.
Für Restaurants gilt ein gut bestandener Kontrolltest inzwischen als Werbemittel.

«Sie schliessen um 11 Uhr abends?», fragt Gassmann. «Ab 9 Uhr ist sowieso nichts mehr los», antwortet der Teamchef mit italienischem Akzent. «Wir haben 80 Prozent weniger Umsatz – wegen Homeoffice und weil viele Ältere von unseren Stammgästen nicht mehr kommen.» Als sich die zwei Herren zur Tür begeben, wird ihnen ein Kaffee offeriert. Sie lehnen dankend ab. Draussen sagt Gassmann: «Wir dürfen nichts annehmen. Werden wir da beobachtet – etwa von Gästen –, wirds heikel. Auch das musste ich lernen.»

Die Mängelliste der Pizzeria ist etwas länger, aber erneut handelt es sich nur um Bagatellen: ein veralteter BAG-Flyer am einen Eingang, gar kein Flyer am zweiten, auf der Liste mit den Kontaktdaten der Gäste fehlt deren Wohnort, und der WC-Reinigungsplan soll für die Gäste sichtbar angebracht werden. «Dafür gibts keine Bussen», sagt Holzherr. «Viel wichtiger ist, dass wir die Nachkontrollen konsequent durchführen.»

Erotikbetriebe bereiten am meisten Sorgen

Und wenn die Versäumnisse nicht behoben sind? «Dann erlassen wir eine Verfügung, was mit einer Busse verbunden ist», erwidert Gassmann. Bei gröberen Verstössen reicht der Sanktionskatalog bis zur temporären Betriebsschliessung. Seit Beginn der Kontrollen im April mussten die Basler Behörden laut Zahlen des Gesundheitsdepartements 20-mal zu diesem Mittel greifen. Vor allem Erotikbetriebe sind davon betroffen gewesen; sie weisen auch die meisten Mängel auf.

Wie Gassmann indes herausstreicht, setze Basel auf einen vertrauensbildenden Weg: «Wir sehen uns nicht als Spitzel und arbeiten auch nicht mit dem Drohfinger.» Vielmehr wolle man die Geschäftsinhaber unterstützen und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen suchen. Unter dieser Prämisse habe er, Gassmann, sich als Kontrolleur zur Verfügung gestellt.

Rund eineinhalb Tage pro Woche verwendet er dafür – zusätzlich zu seiner Funktion als Leiter Politikvorbereitung im Gesundheitsdepartement. In dieser Eigenschaft bereitet Gassmann für seinen Chef, Regierungsrat Engelberger, die Sitzungen diverser Gremien vor und koordiniert die Zusammenarbeit mit anderen Departementen in der baselstädtischen Verwaltung. «Dafür muss ich jetzt halt den einen oder anderen Samstag hergeben», sagt er. Dennoch ist ihm die Kontrolltätigkeit eine willkommene Abwechslung: «So komme ich öfter vom Schreibtisch weg und habe viel mehr Kontakte mit Leuten.»

Interdisziplinäre Teams im Vorteil

Ähnlich ergeht es Roland Holzherr. Als Fahnder arbeitet er vor allem in der Bekämpfung von Schwarzarbeit, daneben hat er es mit illegalem Glücksspiel zu tun. «Die Begegnungen mit der Klientel sind da meist wenig erfreulich. Ganz anders erlebe ich das jetzt auf unseren Kontrollgängen», erzählt er.

Für Gassmann und Holzherr ist es auch, wie sie sagen, ein Gewinn, dass sie sich kennen gelernt hätten. Sie könnten viel voneinander lernen und sind entsprechend voll des Lobes für den von Basel gewählten Weg, die Kontrollteams interdisziplinär zusammenzusetzen. «Wir beide ergänzen uns ideal», so Gassmann, «und es macht Freude, so zusammenzuarbeiten.»

105 Kommentare
    Andres Sprecher

    Ich finde es beschämend, dass die beiden Kontrollfreaks im Auftrag von Engelberger seit einem halben Jahr nichts anderes zu tun haben, als die an sich schon zweifelhaften Erkenntnisse in Bezug auf fragliche Massnahmen zu überprüfen und allenfalls gar Strafen aussprechen dürfen. Behördlicherseits sehe ich ein Riesenchaos, weil es wenig Kompetenz gibt. Es ist aber wohl auch der Zeitgeist, der uns nun voll erfasst und wo uns die Selbsterkenntnis entzogen wird. Wir sind im Schlamassel drin und kommen nicht einfach so raus. Impfungen? Hahaha, vielleicht medikamentös gewisse Erfolge. Voyeuristisch betrachtet ist es natürlich spannend, was täglich wieder anders ist: Tatort Live...