Wenn es düster wird in Rom

Der Tod eines Mädchens zerrt Italiens Hauptstadt ins Scheinwerferlicht – und zerreisst die nationale Politik.

«Mach es wie Onkel Benito», rief jemand Matteo Salvini zu, als er im Römer Problemquartier vorbeischaute. Gemeint war Benito Mussolini. Foto: Andrea Ronchini (Imago)

«Mach es wie Onkel Benito», rief jemand Matteo Salvini zu, als er im Römer Problemquartier vorbeischaute. Gemeint war Benito Mussolini. Foto: Andrea Ronchini (Imago)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

An der Via dei Lucani, vor der Nummer 22, stehen jetzt Blumen und Kerzen, wie in einem Schrein. «Gerechtigkeit für Desirée» hat jemand an das alte Tor mit dem Schloss gesprayt. «San Lorenzo vergisst dich nicht.» Dazu drei rote Herzen und das Foto eines Mädchens. Desirée Mariottini war 16, als sie hinter diesem Tor, in den Ruinen einer lange verlassenen Liegenschaft im römischen Universitätsviertel San Lorenzo, mit Drogen betäubt und von mehreren Männern vergewaltigt wurde. Woran sie genau starb, ist noch nicht klar. Zunächst hatten die Ermittler angenommen, «Desy», wie sie alle riefen, aus Cisterna di Latina, sei an einer Überdosis gestorben. Sie war drogenabhängig.

Doch dann meldete sich ein Mann aus Senegal bei der Polizei und erzählte, er habe die schreckliche Szene gesehen. Das Mädchen sei von sechs, sieben Männern aus Afrika und dem Maghreb, die dort mit Drogen handelten, misshandelt worden. Sie hätten eine Decke auf Desirée gelegt, nur das Gesicht sei noch frei gewesen.

Peripherie – im Zentrum

Wahrscheinlich wäre diese Geschichte ohne den Bericht des Augenzeugen nie gross geworden. Eine Überdosis – das sind sonst höchstens fünf Zeilen im «Messaggero», der Lokalzeitung der Römer. Nun aber steht der Tod dieses Mädchens wie ein Symbol für den traurigen Niedergang der italienischen Hauptstadt: für soziale Trostlosigkeit, für gesetzlose Zonen, für totales Missmanagement. Und die Politik zerreisst sich über dem Fall. 

San Lorenzo ist nämlich keine dieser Peripherien, wie sie Pier Paolo Pasolini einst beschrieben hat, keine «borgata», auch wenn es sich mittlerweile so anfühlt. San Lorenzo liegt im Herzen Roms, fünf Gehminuten von der Stazione Termini weg, zehn Autominuten entfernt vom Kolosseum. Früher war das ein Arbeiterviertel. Nun leben da vor allem Junge, die an der Sapienza studieren, der römischen Uni. In den vergangenen Jahren haben viele Geschäfte und Werkstätten geschlossen. Es gab mal einen Plan, ganze Ecken von San Lorenzo aufzufrischen, wie es moderne Städte überall auf der Welt tun und dafür Industrieflächen neu nutzen. Um die Jahrtausendwende war das Viertel plötzlich in geworden, mit neuen Restaurants und hippen Bars. Die Immobilienpreise stiegen. 

Doch in Rom verschwinden solche Grossprojekte immer schnell im Schlund der Bürokratie. Dann kam die Wirtschaftskrise. Und so wuchert nun überall Gras, viele Häuser sind besetzt. Migranten ohne Papiere kommen hier unter. Da und dort entstanden autonome Jugendzentren, sogenannte Centri sociali. Jeden Abend verwandelt sich San Lorenzo in eine Ausgehzone – und in einen Drogenumschlagplatz. Die Dealer sind Afrikaner, der Stoff aber kommt aus Neapel, von der Camorra. Die Polizei wagt sich da nur mit Grossaufgeboten hin, so rabiat führen sich die Banden auf.

Eine weisse Rose von Salvini

Als nun bekannt wurde, dass Desirée Mariottini mutmasslich von papierlosen, afrikanischen Drogenhändlern vergewaltigt wurde, hielt es Innenminister Matteo Salvini für opportun, an die Via dei Lucani zu fahren. Er brachte eine weisse Rose mit. 

Von einer Strassenseite brandete ihm Beifall entgegen: «Grosser Matteo!» – «Mach es wie Onkel Benito», rief einer. Gemeint war Benito Mussolini, der Faschistenführer. Auf der anderen Strassenseite standen Jugendliche der Centri sociali. Die warfen Salvini vor, er instrumentalisiere die Tragödie, und sie skandierten im Chor: «Schakal.»

Als dann in den Stunden danach zwei verdächtige Senegalesen verhaftet wurden, schrieb Salvini auf Twitter: «Zwei illegale Einwanderer sind festgenommen worden. Ich werde alles unternehmen, dass die schuldigen Würmer für diesen Horror bezahlen, ohne Nachlass.» Seinen Anhängern in San Lorenzo hatte er versprochen, er werde schon bald «mit Baggern» zurückkehren. 

Mit seinem Auftritt habe Salvini ganz demonstrativ Präsenz markieren wollen, sagen Analysten der römischen Lokalpolitik. Die Römer sollen glauben, dass nur er imstande sei, diese Stadt aus der Dekadenz zu befreien. Bei seinen Regierungspartnern, den Cinque Stelle, kam die Aktion nicht sehr gut an. Seit zweieinhalb Jahren regieren die Fünf Sterne die Hauptstadt nun schon, und sie sind damit noch immer heillos überfordert. «Salvini versteht Rom nicht», sagte nun Bürgermeisterin Virginia Raggi, und auch das hörte sich hilflos an. Offenbar rechnet sich Salvini aus, dass seine Lega, die früher stets gegen Rom schimpfte, die Hauptstadt bei den nächsten Wahlen erobern könnte. Es war noch nie so leicht.

«Rom sagt: Basta!»

Die Römer sind ernüchtert, verärgert, vor allem aber müde. Nichts funktioniert, kein städtischer Dienst ist auf der Höhe der Zeit. Die U-Bahn bleibt ständig stecken, regelmässig brennen Autobusse, Rolltreppen brechen ein. Wenn es regnet, steht alles unter Wasser, stürzen Bäume auf Autos. Viele Strassen sind nachts unbeleuchtet, und über allem schwebt ein vages Gefühl der Unsicherheit. 

Nun haben sechs engagierte Römerinnen, alle parteilos, ein Kollektiv gegründet, das den ganzen Verdruss im Namen trägt: «Roma dice basta», Rom sagt, jetzt ist Schluss. Am Samstag findet ihre erste Kundgebung statt, gleich unter dem Rathaus. Parteifahnen sind nicht erwünscht, weder linke noch rechte, und natürlich auch keine mit fünf Sternen drauf. Wahrscheinlich ist der Platz nicht gross genug, um alle Menschen zu fassen, die sich um ihre geliebte, dämmernde Stadt sorgen.

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