Warum hängt die Eiche rote Kugeln an ihre Blätter?

Im Laufe des Jahres zeigen die Blätter an den Bäumen deutliche Veränderungen. Am schönsten ist die Eiche.

Die Eiche hat Blätter, die aussehen wie Schmuck.

Die Eiche hat Blätter, die aussehen wie Schmuck.

(Bild: Keystone)

Wer mit offenen Augen durch den Wald geht und hie und da auch mal ein Blatt umdreht, kann viel entdecken. Sind im Frühling die Blätter frisch und hellgrün, so zeigen viele im Laufe des Jahres deutliche Veränderungen. Manche kriegen schwarze und braune Flecken, andere sind übersät von kleinen Hügelketten.

Aber fast am schönsten macht es die Eiche. An ihren Blättern können sich rote Kugeln bilden, die aussehen wie Schmuck. Warum macht die Eiche so was? Des Rätsels Lösung: Die Eiche tut so was nicht freiwillig. Ein kleines Insekt zwingt sie dazu. Es ist die Gemeine Eichengallwespe mit dem lateinischen Namen Cynips quercusfolii.

Galle ist dabei der geläufige Ausdruck für das schöne Geschwür, das da entsteht und im Herbst prächtig errötet. 

Gemein hat hier nicht die Bedeutung von hinterhältig, sondern meint eher häufige oder bekannteste Art. Im Sommer setzt sich eine Gallwespe auf die Unterseite des Eichblattes und sticht das Blatt an. Sie gibt dabei Stoffe ab, die das Wachstum der Pflanze stark anregen. So bildet sich verhältnismässig rasch diese kugelige Galle als Haus für eine aus einem Ei heranwachsende Gallwespenlarve.

Galle ist dabei der geläufige Ausdruck für das schöne Geschwür, das da entsteht und im Herbst prächtig errötet. Man nennt die Dinger denn auch Galläpfel, weil sie wie kleine Äpfelchen aussehen. Der Eiche scheint die neue Aufgabe nicht viel auszumachen. Sie stellt sich in den Dienst der schmarotzenden Wespen, ohne gross Schaden zu nehmen.

Die in der Galle auswachsenden Tiere verlassen schliesslich ihr Gehäuse und pflanzen sich ihrerseits fort. Oft wird das leere Haus gleich wieder von anderen Obdachlosen bezogen.

Ganz spannend, was da alles passiert. Das meiste, was wir heute davon wissen, verdanken wir jenen Frauen und Männern, die geduldig beobachtet haben, wer da am Werk ist, und dafür Tausende von Stunden aufwendeten und aufwenden. So wurden auch weitere Arten von Gallwespen dabei ertappt, wie sie – statt eigene Gallen bauen zu lassen – bereits bestehende besiedeln. Was meistens bedeutet, dass der bisherige Bewohner rausgeschmissen wird. Ziemlich harte Bräuche können da herrschen.

Neben Wespen gibt es noch Gallmücken und Gallmilben, die jede auf ihre spezielle Art die Bildung von Gallen auslösen können.

Hat man mal sein Auge für Gallen geschärft, findet man sie in vielen Formen. Denn es gibt Tausende von Insektenarten, die es verstehen, ihrem Nachwuchs von einer Pflanze eine Wohnung bauen zu lassen, und die die dafür notwendigen wachstumsfördernden Stoffe dabeihaben. Allein auf der Eiche siedeln mehrere Gallwespenarten neben der Gemeinen, es gibt aber auch Gallwespen, die sich auf Rosen spezialisieren und dort riesige Gallen wachsen lassen können.

Neben Wespen gibt es noch Gallmücken und Gallmilben, die jede auf ihre spezielle Art die Bildung von Gallen auslösen und wie etwa die Reblaus auch Schaden anrichten können. Längst nicht immer lässt sich erkennen, wer da gerade haust. Wen wundert es, dass sich hier eine eigene Wissenschaft über die vielfältigen Formen von Pflanzengallen ausgebildet hat. Man nennt sie Cecidologie, und sie umfasst nicht nur die ­Wirkung von Gallen auslösenden Insekten, sondern auch von Viren, ­Bakterien und Pilzen, die ihrerseits mächtige Wucherungen bewirken.

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