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Von niemandem gewollt

Das Stück «Ver-Ding» von Kaspar Geiger klärt anhand zweier Schicksale über den Missbrauch von rund 100 000 Schweizer Kindern und Jugendlichen auf.

Sie erzählen die Geschichten von zwei Verdingbuben.
Sie erzählen die Geschichten von zwei Verdingbuben.
Ernst Rudin

Am Donnerstagabend feierte das Stück «Ver-Ding» des Regisseurs Kaspar Geiger in der Eventhalle Klus 177 in Aesch Premiere. Darin wird ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte bearbeitet, das erst vor einigen Jahren flächendeckend aufgeklärt wurde: Zwischen 1800 und den 1980er-Jahren wurden in der Schweiz rund 100000 Kinder fremdplatziert.

Die sogenannten Verdingkinder – häufig Waisen oder Scheidungskinder, aber auch Kinder aus ärmlichen Verhältnissen – wurden von ihren Eltern weggegeben oder von den Behörden den Eltern weggenommen und wie Leibeigene zur Zwangsarbeit auf Bauernhöfen eingesetzt. Mit zwei solchen Schicksalen befassten sich die drei Schauspieler der Theatergruppe Texte und Töne. Julia Sewing, Gerrit Neuhaus und Andreas Daniel Müller erzählen die Geschichte der ehemaligen Verdingkinder Hanspeter Bobst und Paul Richener, heute Gemeindepräsident in Nusshof, und stützen sich dabei auf die literarische Nacherzählung ihrer Erlebnisse.

Hinter den Buchtiteln «Aus dir wird nie etwas» und «Mich kann man mitnehmen» verbergen sich zwei Schicksale, welche die Zuschauer sichtlich berühren. Letzterer bezieht sich auf eine Begebenheit, welche Hanspeter Bobst im Alter von sieben Jahren erlebte: Von seinen Eltern wird er am Badischen Bahnhof mit einem Schild um den Hals, auf dem steht «mich darf man mitnehmen» ausgesetzt. «Ich weinte und weinte. Ich war ganz alleine hier», schreibt Bobst in seinem Buch.

Das Schweigen brechen

Die Schauspieler erzählen die Geschichten der ehemaligen Verdingbuben teils aus der subjektiven Wahrnehmung, der Ichperspektive, und teils aus der Metaebene des Rezitierenden. Die Bühne ist schlicht: Vor einer Holzwand mit einem Kreuz stehen zwei Mikrofone. Am Boden befinden sich Lichtschalter, welche die Akteure immer wieder in verschiedenen Kombinationen betätigen: Aus unterschiedlichen Winkeln werden Bühne und Zuschauerraum erhellt.

In einer Zwischensequenz werfen die Darsteller die Frage nach der eigenen Legitimation ihrer Darstellung und der des Stücks auf. Immerhin waren sie zur damaligen Zeit noch nicht einmal zur Welt gekommen. Darf man als Aussenstehender solche Geschichten erzählen? Ihre Antwort ist Ja: Sie beziehen sich stets auf die Dokumente der Betroffenen und arbeiteten eng mit diesen zusammen. Es geht nicht um Voyeurismus, sondern darum, aufzuklären und das Schweigen zu brechen. Denn die Verdingkinder wurden ein Leben lang mundtot gemacht: zuerst von strengen Pflegefamilien, die ihnen verboten zu sprechen, und später von einer Nation, die ihnen keinen Glauben schenkte.

Von staatlicher Seite wurden lange keine Bestrebungen zur Entschädigung unternommen. 2014 wurde die Wiedergutmachungsinitiative gestartet, welche die Opfer finanziell entschädigen sollte. 2016 stimmten der Schweizer Nationalrat und der Ständerat zu, den noch lebenden Opfern von Kinder-Zwangsarbeit ein Anrecht auf Entschädigung zwischen 20000 und 25000 Franken zuzusprechen. Von Wiedergutmachung kann trotzdem kaum die Rede sein; es handle sich laut einem Betroffenen lediglich um die Anerkennung der Vorfälle.

Missbrauch in jeder Form

Umso wichtiger scheint somit die Umsetzung des Theaterstückes: Denn da niemand das Unrecht ausgleichen kann, das den Kindern damals widerfahren ist, sind wir es ihnen schuldig, uns ihre Geschichten anzuhören und uns über ein Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuklären. Und genau diese Funktion erfüllt das Stück «Ver-Ding», welches die Erzählungen der Betroffenen in den Vordergrund rückt und das Publikum von Anfang an fesselt.

Es sind tragische Erinnerungen, gespickt mit wenigen Lichtblicken, welche die drei Schauspieler nacherzählen: Von psychischem, körperlichem und sexuellem Missbrauch ist die Rede. Hanspeter Bobst schreibt: «Mein ganzes Leben wurde immer wieder zerfetzt in Einzelstücke, die ich wieder zusammensetzen musste (...). Doch mein Wille war stark, weil ich wusste, dass früher oder später die Stunde der Wahrheit kommt.»

Weitere Vorstellungen: Samstag 19.30 Uhr und So., 3.11., um 17 Uhr. www.klus177.ch

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