Vom Schaf zum Weihnachtsbaum

Wolle taugt nicht nur zur Wintermütze, sondern auch als Dünger. Die Geschichte eines nachhaltigen Kreislaufs aus Zunzgen.

Toni Pianta (links) und Beat Hugi in der Baumschule in Zunzgen. Hier wird Wolle eingesetzt, um den Boden zu düngen.

Toni Pianta (links) und Beat Hugi in der Baumschule in Zunzgen. Hier wird Wolle eingesetzt, um den Boden zu düngen.

(Bild: Nicole Pont)

Schäfer Toni Pianta war noch nie um deutliche Worte verlegen. Darum zögert er auch nicht, wenn er jetzt sagt: «Es ist eine Schande!» Pianta hält in Sissach knapp 100 Schafe. Sie sind Rasenmäher und liefern neben Fleisch einen zweiten Rohstoff, der aber nicht im Verkaufsregal landet, sondern vielfach in der Kehrichtverbrennung: Wolle.

Man muss sich das vor Augen führen: Mit immensem Aufwand züchtete die Menschheit über Jahrhunderte Schafrassen, deren Fell unablässig wächst, um sich darin zu kleiden und sich gegen die Kälte zu schützen. Und heute ist ebendiese Wolle ein überflüssiges Nebenprodukt, das nur mehr Kosten verursacht. Das ist die Schande, die Toni Pianta meint.

900 Tonnen Wolle pro Jahr

Denn die Felle der Schafe wachsen noch immer ohne Unterlass. Und darum werden Schafe noch immer zweimal jährlich geschoren. Pianta erhält dafür Besuch von Simon Scott. Scott ist Neuseeländer. Zweimal im Jahr reist er nach Europa, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen– als professioneller Scherer.

Dann tingelt er von Halter zu Halter, um von jedem sechs Franken pro geschorenem Schaf zu erhalten. Dieselben sechs Franken pro Schaf summieren sich für Toni Pianta zu einem Betrag von 1200 Franken im Jahr. Und der hält nur 100 der rund 350000 Schafe in der Schweiz, die jährlich um die 900 Tonnen Wolle produzieren.

Ein Drittel dieser Wolle verarbeitet mittlerweile die fiwo mit Sitz im thurgauischen Amriswil. Die Sozialinstitution, die über 30 Langzeitarbeitslose beschäftigt, hat sich seit ihrer Gründung 2006 zur grössten Wollverarbeiterin der Schweiz entwickelt. Über das ganze Land verteilt unterhält sie Sammelstellen, eine davon betreibt Pianta in ­Sissach.

Die fiwo bezahlt keine sieben Franken pro Kilogramm Wolle, wie noch vor 25 Jahren. Aber die 85 Rappen für die beste Qualität seien besser als nichts, sagt Pianta. Ums Geld geht es ihm dabei aber nicht: «Mir geht es um eine würdevolle Verwendung dieses tollen Produkts.»

Hitzesommer ein Problem

Aus der besten Wolle, den Rücken- und Flankenvliesen, produziert sie Strickgarn und Topfuntersetzer, Sitzkissen, Duvets und Matratzen. Die qualitativ schlechtere, die kurzhaarige Wolle vom Kopf oder den Beinen, wird zu Hausdämmungen – und Dünger. Unter Zugabe von Rapsschrot und Algen wird die geschredderte Wolle dafür in Pellets gepresst.

Hier kommen Anita und Beat Hugi ins Spiel. Die Landwirte haben drei Standbeine: Die Jungviehaufzucht und die Vermehrung von Wildblumen auf ihrem Hof in Eptingen sowie eine Weihnachtsbaumschule in Zunzgen, die seinerzeit Anitas Vater auf fünf Hektaren ausbaute.

Sie verkaufen die Bäume direkt ab Hof, die Saison ist gerade angelaufen, und wer will, kann seinen Baum sogar selber fällen. Das funktioniert derart gut, dass sie 2018 von der IG Suisse Christbaum für die schönste Nordmanntanne der Schweiz geehrt wurden.

Doch die zunehmenden Hitzesommer setzen nicht nur den hiesigen Wäldern zu, sondern auch den Christbäumen der Hugis. Besonders im ersten Jahr ihrer Anzucht sind diese anfällig auf Trockenheit. «Wir hatten 2018 etwa 30 Prozent Ausfälle», erzählt er. Und hierbei soll Schafwolle nun Abhilfe schaffen?

Verbesserte Bodenaktivität

«Das ist unser erster Versuch. Ob die Wolle wirkt, kann ich noch nicht sagen. Aber ich will nichts unversucht lassen, den Bäumen einen besseren Jugendstart zu ermöglichen.» Mit Jugendstart meint der Landwirt die erste Zeit nach der Anpflanzung in seinem Hain. Da hat der Baum allerdings bereits vier Jahre Baumschule im Geäst. Bis er geschmückt in den Stuben der Region steht, vergehen weitere sechs bis zehn Jahre.

Hugi probt mit mehreren Düngern. Von allen erhofft er sich eine verbesserte Bodenaktivität. Sie soll zu regerem Wurzelwachstum und dadurch zu einer höheren Aufnahme von Wasser führen. «Ich bin zuversichtlich, dass der Dünger auch die Fähigkeit des Bodens verbessert, um Wasser zu speichern.»

Daraus, dass die Wolle sein Favorit unter den getesteten Düngern ist, macht Beat Hugi keinen Hehl. Immerhin hält er respektive seine Eltern selbst 20 Schafe. Die paar Fränklein, die sie für deren Wolle bekommen, decken gerade so die Kosten für den Wolldünger. Beat Hugi ist etwas anderes viel wichtiger: «Es wäre der perfekte Kreislauf.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt