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So unterschiedlich – und doch so gleich

Das Stück «Im Hinterhaus» stellt Jugendliche ins Zentrum, die Kriege miterlebt haben.

Die jugendlichen Darsteller reissen Auszüge aus Tagebüchern und Briefen von der Decke. Foto: Priska Ketterer
Die jugendlichen Darsteller reissen Auszüge aus Tagebüchern und Briefen von der Decke. Foto: Priska Ketterer

Eine junge Frau steht in der Mitte der Bühne. Um sie herum gehen die anderen Schauspieler und starren sie an. Als ob die junge Frau ein totes Tier wäre und alle anderen Geier, die ihre Beute belauern, bevor sie sich darauf stürzen. Dann fängt einer nach dem anderen an, die junge Frau anzufassen. Sie jedoch steht einfach nur da und starrt ins Nichts. Nur ihr Blick verrät ihre Emotionen: Hass, Ungläubigkeit und Angst vor dem, was da geschieht.

Die junge Frau gehört zu den zehn Schauspielerinnen und Schauspielern, die auf der Kleinen Bühne im Theater Basel mit dem Stück «Im Hinterhaus», das von Hanna Müller inszeniert wurde, Premiere feierten. Das Stück handelt grösstenteils von Anne Frank, die sich während des Zweiten Weltkriegs vor den Nazis im Hinterhaus der Fabrik ihres Vaters versteckt.

Dramatische Einschnitte im Leben

Doch Anne Frank ist nur ein Teil der Geschichte. «Im Hinterhaus» handelt auch von anderen Kindern und Jugendlichen, die Krieg am eigenen Leib erfahren haben. Die oben beschriebene Szene gehört zur Geschichte von Nadia Murad, einer Jesidin aus dem Irak. Ihr Leben wurde 2014 vom IS zerstört. Ishmael Beah aus Sierra Leone ist der Dritte, dessen Geschichte erzählt wird. Er wurde zum Kindersoldaten und verlor seine gesamte Familie im Krieg. So unterschiedlich die Geschichten der drei auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Das Leben der drei Protagonisten hat sich vom einen auf den anderen Tag drastisch verändert, alle drei werden viel zu schnell erwachsen. Gerade Anne Frank schreibt in ihrem Tagebuch immer wieder Passagen, in denen sie sehr reif wirkt. An anderen Stellen wirkt sie wiederum kindlich und naiv.

Das Ensemble setzt sich aus Basler Jugendlichen zusammen. Manchen ist das Lampenfieber anzumerken. Störend ist das jedoch nicht, denn es gelingt den Darstellern, kleine Fehler und Unsicherheiten in das Schauspiel einfliessen zu lassen. Auch einige Lücken im vorgetragenen Text passen zum Erzählten, denn auf ungewollte Art und Weise wird so eine Sprachlosigkeit verdeutlicht, die zu den Biografien und ihren Traumata passt.

Innere Zerreissprobe

Eingangs werden Passagen aus dem «Tagebuch der Anne Frank» vorgelesen. Dabei wechseln sich die Schauspieler immer wieder nach einigen Zeilen ab. Während dieser Passagen sitzen die Schauspieler schlicht auf Stühlen. Der starke innere Zwiespalt, in dem sich Anne Frank befindet, wird umso deutlicher.

Einmal erzählt Anne von einem Streit beim Abendessen. Sie schreibt in ihr Tagebuch, dass sie einfach nur noch aus ihrem Versteck heraus will, endlich wieder frei sein möchte. Im nächsten Moment realisiert sie jedoch, was für ein Glück sie hat im Vergleich zu den anderen Juden, welche von den Nazis verschleppt wurden. In dieser Szene übernimmt das Ensemble plötzlich die Rollen diverser Figuren im Hinterhausversteck, was zuerst chaotisch wirkt. Es entpuppt sich jedoch als Stilmittel, um die grosse Verwirrung und den Frust, den Anne empfindet, zu zeigen.

Ein radikaler Schnitt befördert das Publikum zu Nadia Murad und ihrer Geschichte als Gefangene beim IS. Die Schauspielerin, die Murad verkörpert, erzählt, wie der IS in ihr Dorf einfällt und ein Genozidverbrechen verübt. Alle Frauen und Mädchen werden ins Schulhaus gebracht. Dort werden die Mädchen, die alt genug sind, von ihren Müttern getrennt und in einen Bus gebracht, wo ihnen gesagt wird, dass sie ab sofort dem IS gehören.

Es braucht starke Nerven

Die Schauspielerin wirkt an manchen Stellen wie gelähmt und gibt den Text ohne grosse Regung wieder. An anderen Stellen wirkt sie emotional, variiert in Tonlage und Sprechtempo und spiegelt so die Emotionen in ihrer Geschichte.

Was allen Darstellern gut gelingt: Sie bringen die Angst vor dem Tod und der ungewissen Zukunft zum Ausdruck. «Im Hinterhaus» ist fesselnd. Manchmal vergisst man als Zuschauer, dass die darin wiedergegebenen Schicksale nicht erfunden sind, sondern wirklich erlebt wurden. Der Gedanke, dass es noch viel mehr Kinder und Jugendliche gibt, die ein ähnliches Schicksal erleben mussten, ist schwer zu ertragen.

Das Stück ist empfehlenswert, es braucht jedoch starke Nerven, um das Erzählte ertragen zu können. Umso mehr beeindruckt die Leistung der jungen Schauspieler, die auch vom Publikum mit viel Applaus gewürdigt wurde.

Nächste Vorstellungen: 14. November, 1. Dezember, 9. und 10. Januar. Theater Basel, Kleine Bühne.

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