Die schlechtesten Sexszenen und Bücher, die gejodelt werden

Die Buch Basel bietet drei Tage Literaturerlebnisse aller Art. Eine Übersicht.

Vom Buch gefesselt: Das Programm der Buch Basel ist vielfältig. Foto: Alexander Preobrajenski

Vom Buch gefesselt: Das Programm der Buch Basel ist vielfältig. Foto: Alexander Preobrajenski

Markus Wüest

Das Glück war gross und fassbar, und für einen Moment stand es im Raum und funkelte und leuchtete: Der Polin Olga Tokar­czuk wurde am 10. Oktober (nachträglich für das Jahr 2018) der Literaturnobelpreis zuerkannt. Und Olga Tokarczuk würde an der Buch Basel, die vom 8. bis zum 10. November dauert, die Eröffnungsrede halten. Welcher Glanz für Basel, welch herrliche Fügung des Schicksals für die Organisatoren!

Doch dann folgte, was im Grunde zu erwarten war: Die neu gekürte Grossschriftstellerin sagte ab. Vertröstete Basel mit der Zusage fürs nächste Jahr.

Attraktiver Jahrgang

Allzu sehr grämen muss sich das Organisationsteam um Hans-Georg Signer, Katrin Eckert und Marion Regenscheit jedoch nicht. Das Programm ist immer noch attraktiv und vor allem sehr vielfältig. Es fehlen vielleicht die ganz grossen Namen, wenn man mal von Herta Müller absieht, die in einem Gespräch zum Thema Freiheit und Widerstand im Schreiben Auskunft gibt. Aber es gibt gleichwohl viel zu ent­decken.

Fangen wir mit zwei Namen an, die relativ neu sind, aber in den letzten Monaten einige Aufmerksamkeit erhalten haben. Die 23-jährige Mexikanerin Aura Xilonen hat für ihr Buch «Gringo Champ» eine eigene, eine eigenwillige Sprache entwickelt. Der 41-jährige Franzose Nicolas Ma­thieu gewann mit seinem Debüt gleich den hoch renommierten Prix Goncourt in unserem westlichen Nachbarland.

Interessant dürfte auch sein, was Mathieus Landsmann Patrick Deville (61) über seinen Epochenroman «Taba Taba» zu erzählen weiss. Die Eröffnungsrede hält anstelle Tokarczuks die deutsche Publizistin Caroline Emcke.

Der thematische Schwerpunkt lautet dieses Jahr «Zukunft jetzt!». Die Organisatoren wollen laut eigener Aussage «den Fokus auf gute Nachrichten, positive Entwicklungen und die Menschen, die dahinterstehen» richten.

Podium für Aktivistinnen

Mit anderen Worten: All jene, die klimafreundliche Projekte angestossen oder einen Beitrag zur #MeToo-Debatte geleistet haben, stehen im Fokus. Junge Aktivistinnen werden auch auf den verschiedenen Podien im Rahmen der Buch Basel mitreden.

Rechnet man die Vorveranstaltungen hinzu, bietet die Buch Basel 114 Programmpunkte an. 198 Mitwirkende aus zwölf Ländern nehmen teil, vierzehn Spielorte in Gross- und Kleinbasel wurden auserwählt. Sogar ein eigenes Festivalbier wurde gebraut, und die Bäckerei Kult will ein Festivalbrot feilbieten. Wer nun vom Wissenshunger oder -durst gepackt wird, für den oder die hält die Kulturredaktion der BaZ sechs Buch-Basel-Tipps bereit (siehe unten).

Eingebettet in das dreitätige Literaturfest ist wie «allewyl» die Vergabe des Schweizer Buchpreises. Die fünf Nominierten – Sibylle Berg, Simone Lappert, Tabea Steiner, Alain Claude Sulzer und Ivna Zic – werden im Verlaufe des Samstags alle im Festsaal des Volkshauses ihren aktuellen Romanen vorlesen und über ihre Arbeit Auskunft geben. Am Sonntag um 11 Uhr treffen sie sich dann im Foyer des Theaters Basel. Im Rahmen einer rund einstündigen Veranstaltung wird bekanntgegeben, auf wen sich die Jury hat einigen können. Wer live dabei sein möchte, sollte sich sputen: Die guten Plätze sind meist schnell vergeben! Türöffnung ist bereits um 10 Uhr, der Eintritt ist frei.

Für alle Nichtleser

Neben dem Lesen darf das Nichtlesen nicht vergessen gehen. Wer sich für diesen speziellen Aspekt interessiert, mag im «Club der ungelesenen Bücher» seine Heimat finden. Dabei diskutiert eine kleine Runde mit – unter anderen– dem Autor Gion Mathias Cavelty und dem Literaturkritiker Thomas Strässle, wie man sich am besten verhält, wenn sich herausstellt, dass man ein Buch, über das gerade alle reden, nicht kennt.

Ganz viel, ganz schnell

Das «Literarische Speeddating» am Samstag im Klara ist für all die etwas, welche die Schnelllebigkeit der heutigen Welt verinnerlicht haben und deren Aufmerksamkeitsspanne Richtung Goldfisch tendiert. Gegeben sind fünf Tische, fünf Autoren und viermal fünfzehn Minuten für eine Minilesung, Fragen, Antworten. Anwesend sind Elisa Shua Dusapin und René Frauchiger mit ihren Debüts «Les Billes du Pachinko» und «Riesen sind nur grosse Menschen», Giuliano Musio mit dem Buch «Wirbellos», Anna Stern mit «Wild wie die Wellen des Meeres» und Michael Nejedly mit «Es het nid ufghört Tag z si». Die literarischen Junggesellen erzählen in ihren jüngsten Werken von unerforschten Ursprüngen, antiken Helden, Selbstmordversuchen, Kafka-Fans, schottischen Vögeln und Bindungsängsten – bis der Gong zur nächsten Runde ruft. Welches Werk Sie zu einem zweiten Date treffen und lesen möchten, entscheiden Sie selbst. (rap)

Lesen, jodeln und juchzen

Der Basler Autor Patrick Tschan liest bei Buch Basel zweimal aus seinem Roman «Der kubanische Käser». Dabei wird er von Jod­lerinnen unterstützt. Tschans Buch handelt von den Abenteuern des 16-jährigen Toggenburger Bauernsohnes Noldi Abderhalden in den 1620er-Jahren. Noldi wird von Liebeskummer geplagt und kommt in die Fänge eines Anwerbers der spanischen Armee. Nachdem er dem Duque de Feria das Leben rettet, wird er an den spanischen Königshof gebracht. Dort schlägt Noldi etwas zu sehr über die Stränge, was schwere Folgen für ihn hat. Er entkommt nur knapp einer Inquisition. Er wird nach Kuba verschifft. Auch auf Kuba macht Noldi das Beste aus seiner Situation. Die Geschichte ist sehr unterhaltsam und auf der anderen Seite überraschend berührend. Eine erste Lesung findet am Donnerstag in der Bibliothek Bottmingen statt, eine zweite mit Dinner am Freitag in «Die Buchhandlung» in Reinach. (amo)

Kinder als Illustratoren

Katzen und Zimmerpflanzen sind ihre Spezialität. Aber auch Füchse, Hasen und andere Tiere zeichnet die Autorin und Illus­tratorin Taltal Levi. Ihr Buch «Ein Fingerhut voll Mut», eine Geschichte um Freundschaft und Mut, erschien im Sommer dieses Jahres. Im Literaturhaus Basel haben Kinder am Freitag die Möglichkeit, ihre eigenen zeichnerischen Fähigkeiten unter der Leitung Levis zu testen. In einem Workshop erfahren die Teilnehmer von ihr einiges zu Mischtechniken und dürfen verschiedene Kunstmaterialien verwenden. Die Kunstwerke dürfen danach mit nach Hause genommen werden. Die originellen Illustrationen unter anderem für das Programmheft der Buch Basel hat übrigens Corina Staffe kreiert. Die Collagen erzählen ihre eigenen Geschichten. An einer mobilen Druckstation im Innenhof des Volkshauses können Besucher ihre Stofftaschen mit Motiven aus der Werbekampagne verzieren lassen. (vdb)

Totentrompeten und Arsen

Zuerst ein «Schunkebegräbnis», gefolgt von einem «Zerhackbraten» und zum Dessert ein Blutkirschenkompott mit Arsenhäubchen. Oder lieber etwas Feines mit Totentrompeten? Am Samstag, 9. November, gibts im Restaurant Löwenzorn ein Krimidinner, das hoffentlich alle überleben werden. Sollte es doch zu Gewalttaten kommen oder Anwesende mörderische Absicht hegen, so sei gewarnt: Mit Wolfgang Bortlik, Urs Schaub und Raphael Zehnder werden gleich drei erfahrene Autoren zugegen sein, und damit indirekt natürlich auch die drei Kommissare Franz Gsöllpointer, Serge Michel und Benedikt Müller. Zwischen den Gängen, so denn alles dem normalen Gang der Dinge folgt, werden die drei Schriftsteller zu ihren Figuren befragt werden. Interessierte mit reinem Gewissen und sauberer Weste sind gebeten, sich anzumelden. (Es geht nur darum, für Küche und Servierpersonal einen Überblick zu verschaffen …) (mw)

Hocken mit Franz Hohler

Als Schweizermacher der etwas anderen Art gebärdet sich der Kabarettist, Autor und Cellospieler Franz Hohler auf seiner Langspielplatte «I glaub jetz hock i ab». Er knüpft sich darin Songs von Fats Waller, Bob Dylan und anderen vor und übersetzt sie mit einem Funken Anarchie ins Schweizerdeutsche. Daraus sind Titel entstanden wie «I glaub jetz hock i ab» oder «Der Liebgott isch derby». Die Aufnahme ist allerdings nicht mehr die jüngste. Und weil Hohler auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber keinen Sprung in der Platte hat, geht er bei Buch Basel einen alternativen Weg: Er will mit dem Jazzchor Basel im Volkshaus «abhocke» und sich selber einen Brief schreiben. «Damit begegne ich der trostlosen Stimmung der Sehnsucht mit Fröhlichkeit und unternehme etwas gegen das Alleinsein. Oder funktioniert diese Selbstüberlistung doch nicht?», fragt sich Hohler. Die Antwort erfährt man am Sonntag, 14 Uhr, im Volkshaus Basel. (bor)

Die schlechtesten Sexszenen

Mal ehrlich: Den wenigsten Leuten liegt viel an einer schriftlichen Mitteilung, wenn sich andere Leute gegenseitig die Kleider vom Leib reissen. Warum also braucht es Sex in der Literatur? Nun. Gegenfrage: Warum nicht? Lesen macht Leser ohnehin zu Beteiligten oder, weniger vornehm ausgedrückt, zu Schlüssellochspionen im Leben von Romanprotagonisten. Dass deshalb jede Bettszenenlektüre gleich ein Genuss wäre, ist wiederum so wahr, wie dass ein Storch die Kinder bringt. Autoren tun sich, wenn es explizit wird, erstaunlich oft erstaunlich schwer. Sogar die besten. Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, nennt daher seine Sammlung der schlechtesten, unfreiwillig komischen Sexszenen «Matratzendesaster». Cathrin Störmer, Schauspielerin am Theater Basel und eine grossartige Stimmlagenvirtuosin, liest einschlägig schlüpfrige «Stellen» aus der Weltliteratur vor. Klingt vielversprechend. (sr)

Buch Basel: 8. bis 10. November. Detailliertes Programm:www.buchbasel.ch

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